11 Okt

Europa – Meditation # 162

Im blinden Spiegel der Zeit

Einstürzende Gewissheiten – europaweit, weltweit.

Wo sollen wir Halt finden, wenn das Anhäufen von Sachen keinen gibt?

Wo sollen wir hingehen, wenn einer nach dem anderen dicht macht?

Verlust, nicht Gewinn ist das bleibende Gefühl beim Konsumenten.

Verlust von Nähe, Verlust von Freunden, Verlust von Gewissheiten, Verlust von Perspektiven – besonders für Jugendliche.

Verlust von Sinn.

Wo können wir uns zuhause fühlen, wenn mehr und mehr Nachbarn lieber in der Wolke zum Stelldichein abdriften, als mit mir Skat zu spielen?

Warum ist (oder tut) man so überrascht?

Fast alle europäischen Hauptstädte können sich mit solchen Katastrophen wie in Halle problemlos messen, ja, sie bieten so gar mehr, viel mehr.

Und in der Wolke werden die Charts fleißig überarbeitet und neu justiert:

Wo waren es mehr, wo war wer schneller, besser, erfolgreicher?

So viele Klicks, so viele Freunde – endlich.

Hier werde ich sogar zum Helden, hier steige ich auf der Leiter der Anerkennung weiter und weiter nach oben. Und wenn es nicht so klappt, wie geplant, dann helfen die Netz-Mitdenker mir über die Krise: Du brauchst eben einen langen Atem.Hier bei uns kannst du spielen und gleichzeitig das Böse vernichten lernen.

Die da unten sind doch einfach zu blöd zu kapieren, wie der Hase läuft!

Und es gibt Applaus, Unterstützung, praktische Anleitungen, noch und noch.

Da ist wenigstens etwas los, da kann ich Tag und Nacht hin, da ist immer jemand für mich da. Cool oder?

Längst ist die Trennlinie zwischen analog und digitaler Wirklichkeit obsolet.

Das Digitale begeistert doch viel mehr, Tag und Nacht, weltweit, wow!

Nur in der analogen Welt der Behörden sind die Sachbearbeiter sowas von hinten dran – die notwendigen Fortbildungen müssten stündlich Tausende und Abertausende erfassen, damit sie nicht nur die Geräte besser und schneller handhaben können, sondern damit sie auch den Vorsprung der Jugendlichen verringern lernen.

Deshalb auch die Ratlosigkeit der Politiker und Beamten: Sie stecken noch viel zu sehr im alten Leben, das längst ausgehebelt ist von der internet-community, die sich eins ins Fäustchen lachen kann, weil die einfach noch nicht den Schuss gehört haben.

In den Interviews, den Statements wabert es ja nur so von Betroffenheit und wilder Entschlossenheit, endlich den Feind der Demokratie erkannt zu haben – aber es bleiben Lippenbekenntnisse, so lange nicht wirklich die fähigen Nerds und Könner flächendeckend eingebunden werden in das tägliche Recherchieren und Beobachten. Nur von denen können sie etwas lernen, nicht von Parteipolitikern, Industriellen, Wissenschaftlern.

07 Okt

Europa – Mythos # 84

Götter und Menschen im Netz der Intrigen.

Während Woltónos mit seinen zwei neuen Helfern Németos und Thórtys in einer Höhle Schutz vor dem eisigen Wind suchen, der in dieser Nacht über die Hochebene fegt, hat es sich Sosynóis in der Nähe bei einer Schafherde bequem gemacht. Die Tiere spüren den Fremden und fühlen sich wohl dabei. Keiner sieht ihn, weder seinen Wanderstab, noch seinen Efeu-Kranz. Aber er ist auf der Hut, denn die drei alten Säcke aus dem Olymp sind auch unterwegs. Sie basteln an ihrem Racheplan, zu dem sie Zeus überredet hat, weil Europa ihn einfach verlassen hat, ihn, Zeus! Und da der Anschlag, zu dem Sardonios Németos und Thórtys gezwungen hatte, fehlgeschlagen ist, wollen die drei Götter-Brüder nachlegen. Da kommt ihnen der Plan von Woltónos aber gar nicht recht: Im Palast des Minos soll es jetzt keine üblen Überraschungen geben, das könnte ihrem Plan zuwider laufen! Also werden sie diesen rachsüchtigen Woltónos bremsen müssen. Aber wie? Gerade sitzen sie am Ufer des Meeres und grübeln vor sich hin. Ihnen fällt einfach nichts Brauchbares ein.

Gleichzeitig redet im Palast des Minos von Kreta Europa mit Archaikos. Sie muss ihm erzählen, was sie neulich gehört hat, als sie zufällig das Gespräch der jungen Priesterinnen mitbekommen hatte.

Du meinst also, dass da ein Anschlag auf dich im Tempel der großen Göttin geplant war?“

Archaikos kann es nicht fassen. Europa nimmt seine Hände in die ihren und sagt dann mit fester Stimme:

Ich bin mir sehr sicher. Dein Herr der Hofhaltung, Listen und Namen, Sardonios, muss die beiden Männer angestiftet haben. Ich weiß, dass die zwei inzwischen geflohen sind. Sie fürchten sicher den Zorn deines höchsten Beamten am Hof, weil sie ihren Auftrag so schlecht ausgeführt haben.“

Archaikos knirscht mit den Zähnen. Wut kommt in ihm hoch, als er jetzt antwortet:

Ich werde Sardonios zur Rede stellen. An seinem Verhalten werde ich ablesen können, ob es stimmt oder nicht. Wenn es stimmt, wird er mit dem Tode bestraft werden.“

Europa durchfährt – wie ein Blitz – die Erinnerung an ihren Vater, Agénor. Wie er getobt hatte, wie er seine Frau, die Königin, und ihre Mutter, heimlich hatte töten lassen. Ist Archaikos auch so ein Mann wie ihr Vater? Weg, weg mit solchen Gedanken, weg! Sie versucht zu lächeln, denn eigentlich will Archaikos ihr ja helfen, sie schützen. Eigentlich.

06 Okt

Europa – Meditation # 161

E u r o p a s    T u n n e l b l i c k

Nicht nur die Medien, nein, auch wir Europäer selbst scheinen derzeit gefangen zu sein in einem Bilderlabyrinth, das so viel Verwirrung schafft, dass alle wie geblendet ins globale Treiben starren, als ginge die Welt unter. Doch den Gefallen wird sie uns so schnell nicht tun, die alte Welt. Aber eine selbst geschnitzte Apokalypse hat doch was. Oder? So können wir Europäer ordentlich ventilieren, trampeln und ordentlich protestieren. Aber die Völkchen auf dem kleinen Kontinent Europa wirken dabei doch etwas uneins und eher neidisch auf die großen Player. Wie zum Beispiel Shenzhen. Oder?

Die Dauerberieselung und Selbsthypnose per Handylein wirken unbedingt:

Da die Bösen – hier wir Guten.

Da die Lügen – hier die Wahrheit.

Da die Gier – hier die Bescheidenheit.

Wenn wir allerdings diese drei Selbstbeweihräucherungen etwas genauer anschauen, entpuppen sie sich schnell als wohltuender Selbstbetrug:

Wir die Guten.

Wir sind längst zu zauberhaften Schauspielern mutiert, die ihre eigenen Sorgen, Missgünste, Häme und Ängste elegant hinter einem Dauerlächeln zu verbergen wissen – also das Gute nur eine gute Fassade?

Hier die Wahrheit.

Eher schlichte Einschätzungen sind es in Wahrheit, die wir gerne vorzeigen, wenn es um Khashoggi, Drohnen, Hutti oder Taliban geht. Selbstverständlich durchschauen wir die Hintergründe unerbittlich als das, was sie sind: Massive Interessenskonflikte um Erdgas, Erdöl, Bodenschätze, religiöse Unverträglichkeiten und strategische Vorteile. Nur sind wir Europäer da nichts weiter als zitternde Zaungäste, die gerne weiter am fetten Braten mitessen möchten. Wie lautet dann die Wahrheit?

Hier die Bescheidenheit.

Fast wie selbstlose Wanderprediger möchten wir Europäer dastehen, die warnend mahnen: Wir müssen verzichten lernen, wir müssen weniger konsumieren, weniger fliegen usw. Aber auch das nur ein zu Herzen gehendes Theaterstück, wenngleich hinter den Kulissen weiter fleißig auf Wachstum und Ressourcenausbeutung gesetzt wird. Eben erst wurde im Süden der BRD wieder ein neues Autobahnstück jubelnd eröffnet. Den Anwohnern geht es nun dauerhaft an die Nerven. Wer soll denn da eigentlich bescheiden sein und wer nicht?

So viele Fragen und so viele Ausreden.