14 Aug

Europa – Mythos # 54

Die drei falschen Bettler – entlarvt.

Noch während Europa der lachenden Chandaraissa die schnell erfundene Geschichte erzählt, fällt es ihr selbst wie Blätter von den Augen: Die unheimliche Energie, die plötzlich durch ihren Körper geflossen war und sie ohnmächtig werden ließ, muss von den drei Männern hergekommen sein. Der Fremde aus der Höhle war ja auch dabei gewesen. Verkleidet als Bettler. Wer aber sind die beiden anderen? Jedenfalls keine Bettler, denkt sie. Niemals. Also ein heimtückischer Anschlag? Wollte er sich an ihr rächen? Und warum ist sie sich jetzt so sicher? Hat es mit dem schlaffen Stier zu tun? Und warum ist sie so ganz ohne Angst? Die Hohepriesterin nimmt sie –  immer noch lachend – in die Arme:

„Europa, wie kommst du auf diese Geschichte? Warum machst du so große Augen?“

Europa hält den Atem an: Gerade taumeln wilde Bildergeschichten durch ihren Kopf. Die Gier, mit der sie ihn in der Höhle zwischen ihren Schenkeln hielt, die Wonne, mit der sie Archaikos im Palast des Minos verführte, bis ihm schwindlig wurde unter ihr. Dazwischen die Fragen ihrer Freundin, die sich Sorgen macht. Dann glaubt sie auch von weitem die wohlwollende Stimme der großen Göttin zu hören. Wie in einem warmen Bad aalt sie sich in diesem Ton. Und so ganz ohne Angst geht ihr Atem dabei:

„Liebste Freundin, meine Phantasie beantwortet mir gerade mit Bilderrätseln meine Ungewissheiten. Wie war es für dich, die drei alten Männer hier im Tempel auftauchen zu sehen?“

„Für mich? Ich war eher sehr unwillig; es war eine Störung bei euren Tanzübungen. Es war mir, als starrten sie euch lüstern an, diese alten Bettler. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass ich meine jungen Priesterinnen, die so heiter lachten und tanzten, schützen müsste. Vor Bettlern?!“

Europa schaut Chandaraissa an. Als wenn sie zuhörte. Dabei kommt eine neue Bilderflut von irgendwoher und flutet ihren Kopf. Sie hört die Mutter rufen. Sie sieht den Vater toben und die Brüder hämisch lachen. In fahlem Licht, torkelnde Figuren. Als kämen sie zu Fall. Was ist nur los mit ihr? Dieser Fremde, er muss es in ihr ausgelöst haben. Er versucht sie zu stören, zu ängstigen. Aber da ist keine Angst. Die Bilder verlöschen wieder in ihr.

„Was hast du gesagt, Chandaraissa?“

Die Hohepriesterin schüttelt lachend den Kopf. Europa, was geht in dir vor? Wo bist du mit deinen Gedanken? Muss ich mir Sorgen machen? Sag es mir! Das liest Europa in ihren besorgten Augen.

„Etwas oder jemand scheint mir übel mitspielen zu wollen. Das ist das eine Gefühl, das mir eben kam.“

„Und das andere?“

„Das andere? Das ist groß und stark. Ich weiß nicht, wie es zu mir kommt. Aber es ist wunderbar, es wärmt mir die Haut und das Herz, es trägt mich mühelos.“

Da kommen die Priesterinnen hinzu. Sie hatten verlegen gewartet, was die beiden Frauen machen würden. Jetzt scheint ein Augenblick gekommen zu sein, der ihnen ein Näherkommen gestattet. Telaida soll die Fragen stellen.

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