23 Nov

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte (Mythos # 20)

Der Blitz des Zufalls – wie fatal – trifft Frau und Mann mitten ins wilde Herz.

Es duftet nach Olivenoel. Oder bilde ich mir das nur ein? Meine Sinne saugen den Augenblick ein – wie in einem Rausch. Warum spüre ich plötzlich meinen Herzschlag? Sie ist eine Schiffbrüchige, nichts weiter, eine sicher verstörte Frau.

Neugierig sezieren die Wachen und Höflinge die wortlose Begegnung der beiden. Wie stolze Tiere gehen sie aufeinander los. Der König und die Fremde; was für ein Kampf tobt hinter den hohen Stirnen?

Die dunklen Augen verraten ihn. Ich gefalle ihm. Er sitzt in der Falle. Danke, Göttin, wir werden ihn leicht besiegen.

Was starrt sie mich so an? Für ihren stolzen Auftritt sollte ich sie bestrafen. Nein, sie soll mich nicht schwach sehen können. Ich werde wortkarg und abweisend sein. Ich muss anfangen mit Reden.

Die schlecht gelaunten Ratsherren auf ihren hohen Hockern an den Wänden entlang kneifen die Augen zusammen. Sie wollen los, die Audienz war doch eigentlich schon vorbei. Was geht da vor? Spielt der König ein Spiel mit uns? Er sollte sich vorsehen. Wer ist denn diese schmutzige Fremde da?

Schwalben im Gleitflug von einer Seite zur anderen. Laut und schrill ihre Töne, die Ohren nicht schonend. Sonnenlicht in flachen Strahlen quer durch den Saal oben an der Wand, als wollten sie den steinernen Widerstand feuergrell zum Zerbersten bringen.

Göttin, schickst Du die lustig singenden Vögel, die kühnen Saalflitzer? Als wäre ich die Königin und er der Gatte, der mir seine Aufwartung am Morgen macht – begleitet von Glitzermusik, sehr heller.

Das dauert mir jetzt aber wirklich zu lange. Was schaut sie so neugierig nach oben? Was gibt es denn da zu sehen? Nichts. Der erste Satz muss sitzen, wie ein Blitz soll er sie treffen. Aber was sagen?

Der Zeremonienmeister macht dem wortlosen Theater ein Ende. Tok, tok, tok:

„Kniet nieder, Fremde, der Minos von Kreta, Archaikos, schenkt euch die Gunst,

vor ihm erscheinen zu dürfen – nennt nun dem Minos euren Namen!

Alle schauen abschätzig und gelangweilt auf die fremde Frau. Wer soll das schon sein? Archaikos´ starren Blick kennen sie, der braucht wohl frisches Blut oder was sonst könnte diese unangekündigte Szene bedeuten? Außer den schrillen Schreien der vergnügten Flieger oben von Fenster zu Fenster gibt es kaum einen Laut in der hohen Halle des Minos jetzt.

Gut, Zeremonienmeister, da bleibt mir noch ein Augenblick, ein Wort zu finden. Und? Sei nicht so störrig, Frau! Sag ihn endlich! Deinen Namen!

Europa.

Zufrieden? Hört er schlecht oder warum schaut er mich jetzt so verstört an mit seinen großen vor Angst glänzenden Augen? Göttin, du hast ihn mir geschenkt, einfach so? Er ist sprachlos, wie gut ihm das steht, dem Minos von Kreta!

Europa? Nie gehört, Frau! Ist das auch wirklich dein Name? Solltest du lügen, wirst du noch heute auf dem Opferaltar bluten.

Wo kommen denn diese Sätze her? Lieber würde ich mit ihr auf meinem Lager liegen, jetzt gleich. Aber für die missgünstigen Höflinge und Schleimer war es sicher ein unverfänglicher Auftakt.

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