27 Sep

Europa – Mythos # 83

Drei Mosaiksteinchen der immer gleichen Gleichzeitigkeit.

Die drei frieren und sind schlecht gelaunt. Sie waren sehr früh im Westen der Insel aufgebrochen. Woltónos, Thortys und Nemetos. Es hatte duftenden Käse gegeben, frische Milch und Honig, dazu knusprige Brotfladen. Keália, die Frau Woltónos, hatte mit verschränkten Armen daneben gestanden und wütend geschwiegen. Sie ist nicht einverstanden, dass ihr Mann mit diesen beiden Lumpenbündeln ans andere Ende der Insel aufbrechen will. Sie glaubt ihm auch nicht die Geschichte vom Opfer für den Gott des Meeres, im Tempel dort. Die haben was vor. Aber was? Der frische Morgenwind pfeift ihnen unangenehm um die Nase. Woltónos brodelt vor Wut, weil seine Frau sich geweigert hatte, ihnen Lebensmittel mit auf den Weg zu geben. Unerhört. Wie kommt die dazu? Was ist los mit der? Dass ein vierter Mann unsichtbar neben ihnen her läuft und vor sich hin schmunzelt, ist den dreien irgendwie klar. Denn sie fühlen sich beim strammen Marsch über das Hochland irgendwie beobachtet. Wenn sie wüssten, dass es Sosynois ist, der sie nicht aus den Augen lässt und heute früh Keália in ihrem Protest heimlich unterstützt hat, dann wären sie sicher noch mehr durcheinander. Aber so sind sie einfach nur schlecht gelaunt. Keiner sagt ein Wort, jeder trampelt missmutig vor sich. Der herrliche Morgen ist ihnen völlig egal. Aber der Plan – schließlich hatte ihnen Woltónos ja von seinem großen Traum erzählt – den finden sie gut. Gerne wollen sie Sardonios, dem Herrn der Hofhaltung, der Sicherheit und Abgaben, eins auswischen. Schließlich hat er sie nur immer schlecht behandelt, obwohl sie ihm stets zu Willen waren.

Agenor, Europas Vater im fernen Phönizien, wartet immer noch vergeblich auf die Rückkehr seiner Söhne. Sie sollen endlich die ungehorsame Tochter heimholen. Wutschnaubend hat er inzwischen einfach einen großen Feldzug in Gang gesetzt: Der geprellte Schwiegersohn im Land der beiden großen Flüsse, der ja jetzt der neue König dort ist, wird sich sicher wundern, dass statt Europa als wunderschöne Braut der kriegerische Vater auftaucht und ihn und sein Land mit Feuer und Tod überziehen wird. Und nach der Rückkehr will er in seinem kleinen Königreich Phönizien eine riesige Siegesfeier veranstalten und als Höhepunkt wird er dann seine ungehorsame Tochter Europa öffentlich demütigen und für immer im Verlies verschwinden lassen. Was für ein herrlicher Gedanke, denkt Agenor gerade, als er mit seinen Truppen über eine Furt den ersten großen Fluss durchwatet, was für ein großer König bin ich doch. Und dabei meint er sogar ein Beifall Klatschen zu hören. Vom Olymp sind die drei Brüder, die mal wieder Langeweile hatten, herunter gestiegen, um Agenor bei seinem Eroberungszug zu begleiten. Endlich ist mal wieder was los, denken die drei – Zeus, Poseidon und Hades – und klatschen ordentlich Beifall. Unsichtbar, versteht sich.

Archaikos, der Minos von Kreta, liegt erschöpft in den Armen seiner neuen Hauptfrau. Sie ist zwar eine Fremde, aber selbst Chandaraissa, seine Hohepriesterin vom Tempel der großen Göttin, ist ja mit ihr befreundet. Allein der fremde Duft, den sie verströmt, lässt ihn vor Lust und Begeisterung fast in Ohnmacht fallen. Da kommt ihm aber, als er gerade den nackten Rücken von Europa zärtlich streichelt, ein ungebetener Gedanke dazwischen: Was, wenn es diesem Emporkömmling Sardonios, seinem höchsten Beamten am Hof, gelingt, sich mit dem Rat der Alten zu verbünden, um die Ehe von ihm mit Europa zu verhindern? Auf wenn kann er sich eigentlich noch verlassen in seiner Umgebung? Was, wenn bereits die Palastwache bestochen ist? Was, wenn seine Ärzte bereits ein Gift brauen, um ihn zu beseitigen, damit Sardonios Minos werden kann? Ein tiefer Seufzer entfährt ihm. Da wacht Europa auf. Sie hatte so schön geträumt gerade.

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