08 Feb

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 9

Europa – wie sie den wüsten Streit ihrer Eltern belauscht

Während in dem hohen Raum, in dem immer noch der Schweißgeruch der beiden Panther in der Luft schwebt, Fleisch auf langen Spießen für die Gäste gebraten wird und die Becher überschwappen von anregenden Getränken und nach und nach auch wieder lärmendes Gerede und Gelächter an- und abschwillt, ist es in den Gängen des Palastes eher düster und bedrohlich still. Nur da, wo sich Flure kreuzen, hängen auch flackernde Fackeln in geflochtenen Weidenrohren an der Wand. Die Flammen zaubern Fratzen, zuckende, als lautloses Schattenspiel an Decke und Wände. Ein übles Treiben. Ja, und es soll ein Augenblick werden, den die Götter selbst befohlen haben müssen, so unwahrscheinlich müsste er jedem erscheinen, der ihn hätte miterleben können. Aber da ist niemand. Außer dem König, der Königin und Europa.

Agenor, der sich unbeobachtet fühlt an einer der vielen Flurgabelungen, redet gerade auf eine finstere Gestalt ein. Der König will gar nicht erst lange zaudern: Sein Plan soll sofort umgesetzt werden. Für ihn ist die Königin schon tot. Wo hatte er nur das Säckchen mit den Münzen her? Jetzt wandert es blitzschnell aus seiner in die Hand des Meuchelmörders. Kurzer Blick des Königs den Flur hinauf. Vom hohen Saal wehen weich wie Watte Stimmen, Lachen, Singen, Töne zu den beiden Gestalten hin. Sollen sie nur feiern. Niemand sieht und hört die heimliche Verabredung, denken gerade beide. Aber sie täuschen sich. Genau aus entgegengesetzter Richtung war eben die Königin gekommen – noch ganz in Gedanken bei Europa, der widerspenstigen Tochter. Dann hatte sie die beiden Gestalten im Dämmerlicht erspäht. Misstrauisch und neugierig zugleich hatte sie sich herangeschlichen. Jetzt steht sie nicht weit von den beiden Männern entfernt unter einem Türsturz und spitzt die Ohren, erkennt ihren Mann. Doch nicht nur die Königin ist wie eine Späherin unterwegs, nein, auch Europa hatte es nicht mehr in ihrem Raum gehalten. Die Nachricht vom Tod ihrer Amme hatte sie so aufgewühlt, dass sie einfach nicht liegen bleiben konnte. Hochfahrend aus ihrem Traum, in dem sie mit ihrem Vater gesprochen hatte, beschließt sie, erneut heimlich zum Strand zu laufen – so schwach sie auch noch auf den Beinen sein mag, es muss sein – und schleicht sich ebenfalls durch die menschenleeren Flure. Auch sie hört von weitem den Lärm vom Gelage der Gäste, auch sie glaubt, als einzige hier unterwegs zu sein, bis sie zwei Gestalten an einer Gabelung sieht. Sie hält an, lauscht. Ihr Herz, das sowieso schon schnell und heftig schlägt, schmerzt ihr in der Brust. Da verschwindet einer der beiden nach rechts. Der andere wendet nun den Kopf in ihre Richtung, und da meint sie ihren Vater zu erkennen. In dem Augenblick, als sie schon überrascht rufen will: „VATER!“, löst sich aus dem Dunkel der Wand vor ihr eine andere Gestalt, die zum Vater läuft und ihn zur Rede stellt. Ihre Mutter. Ihr Kopf völlig leer, plötzlich. Angst stürzt durch ihren Körper. Was geht hier vor? Da hört sie aber auch schon die Stimmen der Eltern: „Wer war das, Agenor? Sag mir sofort, mit wem du da gesprochen hast!“ „Schweig, Weib, geh in deine Gemächer, ich habe zu tun!“ Europa will dazwischen gehen, da ist aber schon wieder die schrille Stimme der Mutter: „So lasse ich nicht mehr mit mir reden. Stärke zeigst du wohl nur noch im Dunkeln mit zwielichtigen Gestalten, nein…!“ Da sieht Europa, wie ihr Vater auf die Mutter losstürmt, sie würgt, schüttelt und anzischt: „Ich könnte dich jetzt töten, Frau! Wenn ich wollte, aber ich will nicht!“ Die Königin röchelt und wehrt sich nach Leibeskräften. „Lass los, Du Vieh!“ kommt es heiser aus ihrem Hals heraus. Wie gelähmt hört und sieht Europa zu, wie ihre Eltern sich behandeln. Sie will nicht mehr dazwischen gehen. Nein. Sie ist froh in ihrem Entsetzen, dass sie diesen Streit miterlebt hat. Sie war sich schon vorher sicher, dass sie fliehen muss. Die Gewalt, die die beiden sich vor ihren Augen und Ohren antun, ist ihr so zuwider. Und da ihr unversehens in diesem Moment auch wieder der Fremde in den Sinn kommt – wie kann das sein? Die Göttin selbst muss mir dieses rettende Bild geschickt haben, so geht es wie ein beglückendes Zucken durch ihr Hirn. Ja, es hat alles einen Sinn. Auch dieser Streit, denkt Europa. Sie ist auf einmal ganz ruhig. Ihr Atem tut ihr gut. Tief atmet sie ein und aus. Langsam und leise weicht sie zurück, will das Ende dieses Streites ihrer Eltern gar nicht mehr miterleben. Sie eilt davon.

Der König wuchtet da gerade mit aller Kraft die Königin gegen die Wand. Ihr schwinden kurz die Sinne, als sie entkräftet zu Boden sinkt. Agenor betrachtet sie angeekelt und verächtlich. Und immer noch außer Atem stößt er voller Hass hervor: „Weib, deine Stunden sind gezählt, fürwahr!“

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