05 Mai

Europa – Meditation # 144

Monophonie statt Polyphonie!

Wie von Zauberhand herbeigeholt stimmen alle wieder den Kanon zum scheinbar alten Lied an: Es ist die beste aller Welten, in der wir leben. Es gibt keine Alternative. Wer andres sagt, ist entweder dumm oder vom Teufel besessen oder beides zugleich.

Ein schlichtes Denkmuster. Seit knapp dreihundert Jährchen wirtschaften die Europäer nach dem eigentümlichen Prinzip des Satzes: Wer Reichtum anhäuft, ist nicht nur erfolgreich und angesehen, nein, er ist auch in Einklang mit dem Willen des christlichen Gottes, der den Erfolgreichen schon auf Erden auszeichnet – als Gewissheit für seine spätere Glückseligkeit an der Seite eben dieses Gottes.

Und so heißt die schlichte Botschaft heutzutage: Mehr zu verbrauchen, als man braucht, ist die natürliche Betätigung des Menschen. Wachstum – wie in der Natur eben auch. Wer könnte dem widersprechen?

Würde das ein Vertreter einer anderen Glaubensgemeinschaft herausposaunen, so wäre er gleich als Phantast, als Fundamentalist, als gefährlicher Demagoge abgestempelt. Klar.

Aber als eigenes europäisches Weltbild ist es „natürlich“ nicht nur richtig, sondern darüberhinaus auch vorbildlich für die ganze Welt gewesen.

Wenn in diesen Tagen nun junge Leute plötzlich den Verzicht oder gar das Teilen als Alternative anzubieten wagen, dann können das nur irregeleitete Weltverbesserer sein, die man kopfschüttelnd bedauern muss: Ihr braucht eben noch ein paar Jahre, bis auch ihr verstanden habt, dass Europa den Stein des Weisen doch längst gefunden hat mit seinem kompromisslosen Bereicherungsgedanken.

Ist das nicht ein altvertrautes Muster?

Den Andersdenkenden einfach in die Ecke des Verlierers, des Kopfkranken zu drängen – wo er dann am Pranger lauthals und unerbittlich beschimpft werden kann? Lautstark, unisono, eine Kakophonie, die, weil fast alle mitsingen, einfach richtig sein muss, so schrill sie auch in den eigenen Ohren klingen mag.

Aber – und das ist der Hoffnungsschimmer am düsteren Horizont – leise und ohne viel Trara scheren immer mehr aus aus diesem chorus katastrophicus: sie erinnern sich einfach daran, dass sie – wie die Ameise und das Rotkehlchen – nichts anderes sind, als kleine, vergängliche Wesen im unendlichen Wogen der Natur. Und stimmen ein in den hymnischen Gesang eines unwiderbringlichen Augenblicks: Jetzt. Eigentum kommt darin gar nicht erst vor. Einfühlsames Gestalten von gemeinsamem Leben aber sehr wohl. Polyphon eben.

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