14 Mai

Europa – Mythos # 36

Wie Worte wahre Wunder wirken

Scheinbar ohne Mitgefühl steht groß und heiß die Göttin am Himmel, der Innenhof in gleißendem Licht.

„Holt die Zeugen herbei!“

ruft Archaikos, wir wollen hören, was sie zu sagen haben in dieser Sache. Alle schauen erwartungsvoll zum Eingangstor in den Innenhof, wo jetzt Nemetos und Thortys hereingeführt werden. Chandaraissa blinzelt in ihre Richtung. Mit gesenkten Köpfen und unsicherem Gang treten sie vor den Minos von Kreta.

„Machen wir es kurz: Sardonius hat mir von euren Anschuldigungen gegen diese beiden Frauen berichtet. Was wollt ihr gehört haben?“

Die Stimme von Archaikos klingt hart und scharf. Sardonius macht sich Sorgen, wenn er seine beiden Kronzeugen betrachtet. Sie wirken verängstigt und verunsichert. Das könnte Archaikos misstrauisch machen. Aber er kann jetzt nichts mehr tun. Die beiden Zeugen wechseln kurz ein paar Blicke mit einander, dann beginnt Nemetos. So hatten sie sich abgesprochen:

„Wir waren gestern abkommandiert zum Tempel der Hohenpriesterin. Da haben wir beide die Frauen belauschen können.“

„Belauschen?“

Die Stimme des Minos wird schneidender.

Wo habt ihr denn gestanden dabei?“

Nemetos sucht Hilfe bei seinem Kameraden. Thortys schaut aber weiter zu Boden. Chandaraissa, die nur zu deutlich sieht, was für ein Schwächling dieser Zeuge ist, lässt jetzt, als der mit seinen fragenden Blicken auch bei ihr vorbeistreift, scheinbar zufällig den Träger ihres weiten Gewandes von ihrer Schulter gleiten, was den armen Nemetos nur noch mehr verwirrt.

„Im Nebenraum zur großen Tempelzelle. Da gibt es in der Wand einen Spalt, dadurch konnten wir sehen und hören, was gesprochen wurde nebenan.“

Archaikos bekommt einen Lachanfall. Zugleich wirft er einen Blick zu Europa, dann zu Sardonius und dann noch zu Chandaraissa. Was für ein erbärmliches Spiel hat sich da der Herr der Hofhaltung, der Abgaben und der Sicherheit ausgedacht, geht es Archaikos dabei durch den Kopf. Die Hohenpriesterin lächelt sogar. Sie hat bestimmt genauso wie ich längst durchschaut, was für eine böse Absicht dem Ganzen zugrunde liegt. Dann wandert sein Blick weiter zu seinen alten Beratern, die wie unterernährte Krähen auf ihren Plätzen hocken. Ihre Augen zu Schlitzen verengt lauern sie auf ihre Stunde. Den Gefallen werde ich ihnen aber nicht tun. Ich muss das Gerichtsverfahren durchziehen, als wäre alles in Ordnung so.

Mit schrillen Schreien und großem Geflatter landen jetzt drei große Elstern an der Dachkante. Alle blicken überrascht zu ihnen hoch. Die wollen wohl auch meinen Triumpf miterleben, sagt Sardonius genüsslich zu sich selbst. Wenn er allerdings wüsste, wer sich hinter den dreien verbirgt, wäre er sicher etwas vorsichtiger gewesen. Aber keinem hier in diesem großen aufgeheizten Innenhof ist klar, dass es die drei göttlichen Brüder sind, die sich mal wieder einen Scherz erlauben, um sich über die dummen Menschenkinder lustig machen zu können. Sie wollen möglichst nahe dabei sein, nichts verpassen und die Folgen ihres Fluches über die Frauen genießen. So ein Verfahren ist einfach Nektar und Ambrosia gegen die Langeweile und olympische Einöde da oben.

Archaikos nimmt sein Lachen schnell zurück, setzt wieder eine Miene voller Interesse und Zugewandtheit auf und fragt den zitternden Nemetos wohlwollend lächelnd:

„Nun, was haben denn die beiden Frauen da mit einander getuschelt, Nemetos?“

Der schluckt, schaut völlig verunsichert zu seinem Befehlshaber, Sardonius. Der wirft ihm einen strengen und angsterregenden Blick zu. Schließlich erinnert er sich wieder daran, was sie sagen sollen und legt auch gleich los, bevor er es wieder vergessen könnte:

„Die Hohenpriesterin hat der Fremden“,

dabei zeigt er mit seinem Zeigefinger zaghaft auf Europa, die ihn auch noch freundlich anlächelt, was ihn erst recht durcheinander bringt,

„hat der Fremden gesagt, sie sollten bei nächster Gelegenheit euren Becher vergiften, um selbst Herrscherinnen zu werden über Kreta. Das hat sie gesagt, genau das.“

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