05 Jul

Europa – Mythos # 38

Die Stunden vor dem folgenschweren Urteil des Minos von Kreta

Archaikos wendet sich zum Gehen. Sardonios starrt weiter vor sich hin. Seine beiden Zeugen – Nemetos und Thortys – wissen nicht, was sie tun sollen. Gehen? Bleiben? Den Herrn der Hofhaltung, Abgaben und Sicherheit halten sie für sehr launisch und unberechenbar. Nie weiß man, was zu tun ist. Alles kann todbringend sein. Hinterher weiß man es, dann ist es aber zu spät. Jetzt steht Archaikos neben seinem Stellvertreter. Der fährt hoch, verbeugt sich erschrocken. Sie flüstern. Sardonios nickt, wendet sich den beiden Angeklagten zu. Der Minos zieht sich zurück.

„Folgt mir bitte!“

Chandaraissa traut ihren Ohren nicht. Was hat das zu bedeuten? Auch Europa staunt. Kam diese Bitte wirklich von Sardonios? Wie in einen Traum verirrt wenden sich die beiden Frauen der Tür zu, die der Herr der Hofhaltung ihnen öffnet. Das ist nicht der Gang zu den Zellen der Gefangenen. Das ist der Weg in die Gemächer des obersten Herrn der Kreter. Ein Falle? Ihre Hände streifen sich kurz. Als tauschten sie gegenseitige innere Kräfte aus. Ihre Verwirrung nimmt zu, auch die innere Anspannung. Ob das ihre letzten Stunden sind, die sie noch zu leben haben? Ein bloßer Aufschub, um sie in falscher Sicherheit zu wiegen? Beide nehmen sie betend Zuflucht zur großen Göttin. Nur sie wird Rettung bringen können, nur sie.

Oben, an der Kante des Daches zum nun leeren Innenhof hin palavern die drei Elstern, als gäbe es das Urteil schon. Zeus, Hades und Poseidon finden die Pause völlig überflüssig. Kurzes Flügelflattern und Schwanzwedeln, dann fliegen sie hintereinander davon.

Unten – in den schattigen Gängen des Palastes – ist es auch still geworden. Der Minos hatte angeordnet, dass den beiden Frauen, Chandaraissa und Europa, kühles Quellwasser gereicht werden soll, dass sie sich auf bequemen Kissen im kleinen Gästesaal ausruhen können und nicht gestört werden dürfen. Die beiden verstehen diese Wende nicht. Aber sie genießen die Stille, das erfrischende Getränk und sich selbst.

„Das ist sicher die Folge des Eingreifens der Göttin. Oder was meinst du, Europa?“

Chandaraissa lacht endlich wieder, zärtlich streichelt sie Europas Hand, der Traum der letzten Tage scheint sie weiter verwöhnen zu wollen. Europa sieht es genauso wie ihre neue herrliche Freundin.

„Wer sonst? Übrigens, hast du auch die drei Elstern gesehen? Ich hatte das Gefühl, die schauen uns zu, als könnten sie verstehen, was da gerade vor sich geht. Komische Vögel. Ob sie Boten unserer Göttin sind? Oder waren sie nur zufällig da oben?“

„Ja, auch ich habe mir so meine Gedanken dazu gemacht.“

„Ich hatte solch eine große Angst um uns.“

„Kaum dass wir uns kennen, kann es doch einfach nicht schon zu Ende sein.“

„Zusammen werden wir bestimmt noch Wunderbares hier auf der Insel erreichen.“

„Bei so vielen Lauschern müssen wir nur sehr vorsichtig sein mit unseren Plänen.“

„Ich fühle mich so, als wäre ich endlich angekommen in meinem Leben, als wären die schlimmen Geschehnisse der Vergangenheit in meiner Heimat, mit meinem Vater und mit dem verlogenen Fremden nötig gewesen, um in deiner Nähe und mit dir neu geboren zu werden.“

Chandaraissa hat Tränen des Glücks in den Augen. Ihr Herz quillt über in leidenschaftlicher Zuneigung zu ihrer neuen Freundin, zu Europa, der jungen schwangeren Frau. Die drohende Gefahr dieses Morgens wendet sich gerade für beide in eine Glück versprechende Zukunft. Starke Gefühle bestärken sie jetzt wohlig und warm. Voller Zuversicht wollen sie nun das Urteil erwarten. Während dessen steht der Minos von Kreta im Tempel der Göttin an der Stelle, wo die beiden Zeugen durch einen Spalt zwischen Tempelraum und Vorbereitungskammer die Angeklagten belauscht haben wollen. Der hohe hehre Raum ist völlig leer, außer den Schwalben, die unter der Decke von Fenster zu Fenster fliegen und dabei ihre schrillen Stimmen hören lassen. Schmunzelnd wirft Archaikos einen Blick zu ihnen hinauf, dann begibt er sich in die kleine düstere Kammer, um von dort das Sprechen der beiden Wächter, die der mitgebracht hat, zu belauschen. Durch den Spalt kann er sie sehen, wie sie sprechen. Aber hören kann er kaum etwas. Das genügt ihm. Er atmet tief durch und weiß auch schon, was er für ein Urteil fällen wird. Zornig und schnell verlässt er den Tempel der Göttin.

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