22 Nov

Europa – Mythos # 44

Die minoische Wende

Ein vielsagendes Raunen liegt in der Luft. Das heftige Gewitter, das in den Morgenstunden über die Insel gebraust war, hatte der Hitze des Tages unverhoffte, kühle Frische entgegengesetzt. Unsicher, neugierig und doch mit leichtem Atem stehen die so unvermittelt gerufenen Bewohner nun im weiten Innenhof des Palastes und warten auf den Minos von Kreta. Was will er von ihnen? Neue Abgaben? Mehr Arbeit im neu entstehenden Hafen? Will er wieder junge Töchter für den Dienst im Palast oder im Tempel der Hohenpriesterin? Oder geht es um die fremde Frau, die ihn betört haben soll? Oft, wenn die Boten des Minos durch die Stadt schreiten und ihre Hörner blasen, gab es nichts Gutes zu hören. War das Gewitter schon eine Vorwarnung gewesen? Zürnten vielleicht sogar die Götter? Dennoch ist hier und da in der Menge ein verhaltenes Lachen zu hören. Schließlich ruht die Arbeit, solange alle im Palast versammelt sind.

Dann erneut die Hörner. Es wird still, sehr still. Fast lautlos öffnen sich die Flügeltüren; alle blicken gebannt auf den Gang, über den nun der Minos zu ihnen heraustritt. Nur ein Flattern der Vögel ist zu hören. Sie machen sich davon. Ahnen sie Schlimmes? Oder wollen sie bloß zum Fischfang aufs Meer los? Aber was ist das? Hinter ihm – die Wächter, die ihm den Thron heraus bringen, hasten zu dem erhöhten Platz an der Kopfseite des großen Gevierts – erscheinen Frauengestalten. Viele sind es. Vorne weg Chandaraissa. Die Menge freut sich, denn die Hohepriesterin gilt als Wohltäterin. Und mit ihr treten ihre Priesterinnen hervor, alle in lange graue Tücher gehüllt, aus denen nur Hände und Gesichter herausragen. Was wird das werden? Ist jemand gestorben? Dann hätte man den langen dunklen Ton der Klagetuba längst hören müssen. Da war aber keiner gewesen. Und jetzt tritt noch jemand aus dem Halbdunkel des langen Ganges nach draußen. Die fremde Frau. Europa, so heißt sie wohl. Das hat sich längst herumgesprochen. Trotz der Stille ist die wachsende Neugier fast mit Händen zu greifen.  Die meisten machen lange Hälse, man will nichts verpassen. Auf den Stufen unterhalb des Throns stehen die grauen Frauen nun im Halbkreis alle da. Sagen keinen Ton, fast bewegungslos. Der Minos scheint die angespannte Stille zu genießen. Langsam schaut er sich um. Mal nach rechts, mal nach links. Er wartet. Alle können sehen, wie die ganz in Grau gekleideten Frauen atmen, wie sich die Brüste langsam heben, dann wieder sinken. Nur sie wissen, was jetzt geschehen wird.

Lange hatten sie mit ihrer Hohenpriesterin beraten, tagelang. Hatten nachgedacht, probiert, verworfen, neu entworfen. Hatten geübt. Europa hatte so viele Ideen für die Schrittfolge, die Tonfolge, die Stofffarben gehabt. Wie aufgeregt sie gewesen waren. Denn allmählich war ein Bild im großen Tempel der Göttin gewachsen, das sie so begeisterte. So etwas hatten sie noch nie versucht, noch nie gewagt. Ein Tanz, dazu Gänsehaut machende Töne, ein Aufeinander Zugehen, ein Sich Miteinander Verweben, wie in einem bunten Teppich, der wieder in einzelne Stränge zerfällt und wieder neu zusammen gewoben wird. Mal ein Sternenmuster, mal ein Viereck, das sich verkleinerte, dann wieder vergrößerte und mitten drin Europa, die wie ein roter Pfeil durch alle getanzten Formen hindurch flog, alle dann hinter sich her zog, bis eine neue Form wie aus dem Nichts heraus entstand. Bunt, geordnet, leicht und schnell zerfallend und in neue Bewegungen der Arme und Beine mündend. Hin und her und immer wieder und immer schneller und immer lauter, bis alles wieder abebbte, verklang, sich verlangsamte, sich beruhigte, um dann aufs Neue wieder anzuschwellen. Das Schönste aber waren die Gewänder. Denn unter dem grauen Mantel trugen sie fast völlig durchsichtige, leichte Tuchbahnen um sich gewickelt, die ihre Figur in den verschiedensten Farben verbargen und doch wieder nicht. Sie konnten sich zwar bei ihrem neuen Tanz nicht selber sehen, aber sie konnten es sich so gut vorstellen. Zumal Chandaraissa ihnen hinterher wortreich erzählte, wie wunderbar ihr Kunstwerk wirkte. Und Europa war die Vortänzerin. Die Schönste. Es musste dem Minos gefallen. Und nicht nur ihm. Da waren sie sich alle einig. Sie lachten, kicherten, schwärmten und sangen leise die Töne nach, die sie mit ihren Instrumenten geübt hatten. Drei besonders begabte junge Priesterinnen erwiesen sich als wahre Musikanten. So waren sie zu einer Zaubertruppe geworden, die sich selbst verzauberte und nur darauf wartete, auch die Zuschauer zu umgarnen.

Dann war es noch einmal spannend geworden. Chandaraissa und Europa hatten um eine Audienz beim Minos nachgesucht. Sie mussten ja  i h n  davon überzeugen, dass ein neues Fest gefeiert werden sollte, das seine Weisheit preisen sollte, das den Frieden zwischen den Männern und den Frauen besiegeln sollte, das alle begeistern sollte. Europa hatte sich zu diesem Anlass das Tanzgewand angezogen, hatte sich vor ihm aus dem grauen Mantel geschält und ihn staunen lassen. Ja, er war sprachlos gewesen. Zuerst. Chandaraissa und Europa konnten sehen, wie erregt er war, wie ein fast irrer Glanz in seinen Augen wuchs, wie sein Atem schwer und schwerer ging, er sich mit seinen Händen fest an den Thronlehnen halten musste. Dann hatte er sich wohl wieder unter Kontrolle. Spielte den unentschlossenen, zögerlichen, obwohl er am liebsten gesagt hätte, er wolle den Tanz sofort und zuerst nur für sich allein sehen und hören. Aber er durfte natürlich nicht als überwältigt dastehen. Also schwieg er lange, als wenn er sehr, sehr lange nachdenken müsste. Die beiden Frauen hatten das Spiel längst durchschaut, spielten aber ebenfalls mit und mimten die völlig verunsicherten und ängstlichen Antragstellerinnen, die befürchten mussten, dass ihre Bitte durchfallen würde. Schließlich hatte der Minos wohl das Gefühl gehabt, die Frauen lange genug auf die Folter gespannt zu haben, ließ ein Lächeln in seinem finsteren Gesicht wachsen und rang sich scheinbar zu einem Ja durch. Chandaraissa und Europa waren so erleichtert, dass sie fast weinend vor Freude in die Knie gingen, die Hände dankend falteten und ihn entwaffnend anstrahlten.

So war das gewesen und jetzt würde der Minos von Kreta es bekannt geben. Ein neues Fest. Für alle. Und als Geschenk der Priesterinnen und Europas ein Zaubertanz. Beim nächsten Vollmond soll es abends am Strand als Fest des Volkes – vom Minos gewährt – stattfinden. Es soll reichlich zu essen und zu trinken dazu geben. Alle sollen sich freuen können. Und hinterher würden alle mit Fackeln in einer langen Prozession zum Tempel der großen Göttin ziehen um gemeinsam zu danken.

Jetzt haben sich auch die vom Gewitterregen frisch gewaschenen Sonnenstrahlen bis in den Innenhof herunter gesenkt. Die Wärme tut allen gut. Sie schmeichelt den Sinnen, regt die Phantasie der ungeduldig Wartenden heimlich an. Das Raunen, das den Auftritt der Frauen angefacht hatte, verklingt sofort, denn der Minos erhebt sich bedächtig, lächelt freundlich auf sein Volk herab und verkündet dann umständlich seine Neuigkeit, die in der Geschichte der Insel alles verändern wird. Das aber weiß weder der stolze Verkünder noch die verblüfften und hoch erfreuten Zuhörer. Von den drei Götterbrüdern ganz zu schweigen. Sie haben dummerweise diese wichtige Ankündigung einfach oben im Olymp verschlafen.

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