30 Jul

Europa – Mythos # 53

Europa durchschaut den faulen Zauber

Hatte sie nicht – im selben Augenblick, als ihr die Sinne schwanden – ein Blitzlicht-Wiedersehen mit dem Fremden in der Höhle gehabt? Natürlich, er musste es sein.  Und eben nicht irgendein ER, sondern eben ER.  Es war ein göttlicher Rausch gewesen,  in dem ihre Sinne badeten, damals. Sie beide. Dann war sie davongeschlichen. Zum Glück. Denn was wäre geschehen, wenn ER nach diesem Sinnenfest erlebt hätte, dass sie IHN überwältigt hatte, IHN etwas hatte fühlen lassen, das er in seiner berauschenden Sinnenfülle – triebgetrieben wie er ist – braucht wie jeden lebensnotwendigen Atemzug?

Wer aber sind die beiden anderen Männer an seiner Seite gewesen, denkt sie weiter. Doch da die jungen Tänzerinnen noch ganz außer Atem vor ihr stehen und eine Antwort brauchen, lächelt sie scheinbar völlig gelassen und sagt:

„Ihr Lieben. Ihr macht wunderbare Fortschritte. Archaikos und alle anderen Zuschauer werden überwältigt sein, wenn sie diesen neuen Tanz erlebt haben. Jetzt seid ihr entlassen. Morgen um die gleiche Zeit üben wir weiter.“

Ihre Gesichter spiegeln ihren inneren Zwiespalt: Schön, dass du uns freigibst, Europa, aber wir hätten auch gerne etwas erfahren über den Grund für deine Ohnmacht und…Aber darauf gibt sie ihnen keine Antwort. Schade, wirklich schade. Kichernd laufen sie davon.

Chandaraissa, die das ganze Theaterstück hautnah miterlebt hat, will natürlich mehr wissen. Mit großen Augen geht sie Europa entgegen. Sie umarmen sich innig. Dann flüstert Europa ihr ins Ohr, was eben eigentlich geschehen ist.  Sie erzählt ihr eine Geschichte, die ihr gerade in den Sinn kommt.

„Stell dir vor, ich gehe über den Strand und trage auf meine Schultern einen schlaffen Stier.“

Chanadaissa prustet wild: „Was ist das denn für ein Bild, Europa? Ein schlaffer Stier? Auf deinen Schultern?“

Es war ein Traum, versucht sich Europa aus ihrer Verlegenheit heraus zu schleichen, ein lustiger Traum, weiter nichts.

 

 

26 Apr

Europa – Mythos # 34

Gleichgültig schwebt die Sonnengöttin vorbei

Heftig schlägt Chandaraissas Herz in ihrer Brust. Trotzdem versucht sie würdevoll durch die Gassen zu gehen. Ihre Häscher haben sie in die Mitte genommen. In den Türen der Hütten stehen – noch kaum im erwachenden Sonnenlicht zu erkennen – finstere Gestalten, die sie beschimpfen. Woher wissen die, dass wir jetzt und hier entlang kommen würden, fragt sich die Hohepriesterin. Hinter sich hört sie ihre beiden jungen Gehilfinnen schluchzen und jammern. Sie sollten es so machen wie ich: Gönnt ihnen nicht die Schadenfreude, seid tapfer und stumm! Aber sie spürt, wie schwer es ihr selbst fällt, sich beim Wort zu nehmen und keine Angst zu zeigen. Denn die hat sie. Und was ist mit Europa? Ob sie auch? Sie kann den Gedanken gar nicht zu Ende denken.

„Böse Zauberin, Giftmischerin!“

so zischt es ihr in den leeren Gassen entgegen. Was geht da vor? Wer sind diese Männer, die mich da so gemein beleidigen? Wer steckt dahinter? Ich muss beten, den Beistand der großen Göttin erflehen, spricht sie mit sich selber. Die beiden Palastwächter grinsen sich gegenseitig zu, es entgeht ihr nicht. Dahinter muss ein Plan stecken. Aber welcher? Die wärmende Sonnengöttin steigt unterdessen höher und höher. Das Licht erhellt nun auch die Gassen. Jetzt könnte sie die Männer erkennen, die in den Türhöhlen lauern und zischeln. Aber da sind keine mehr. Vorbei. Die Stille hat sie wohl verschluckt. Selbst die Vögel scheinen zu schweigen. Nur eine Elster schaut von ihrem Ausguck oben auf einem der kleineren Türme des Palastes auf die eigenartige Gruppe herab. Mit schrägem Kopf und wippendem Schwanz beobachtet sie genau das Geschehen. Dann fliegt sie davon. Chandaraissa weiß nicht, ob das ein Vorzeichen ist. Schließlich ist die Elster ein Lieblingsvogel der großen Göttin. Und gleichgültig geht stolz die Sonnengöttin ihren hellen Pfad im endlosen Kuppelsaal des Äthers.

Dann der lange, düstere Gang durch den Palast zum Innenhof. Immer hält der Minos Gericht im Innenhof. Als sie jetzt aus dem Schatten ins Licht tritt, ist sie so geblendet, dass sie nur schemenhaft Archaikos auf seinem erhöhten Platz erkennen kann. An den Seiten seine alten Berater. Das muss alles von langer Hand vorbereitet worden sein. Und jetzt, als sich ihre Augen an das schmerzende Sonnenlicht halbwegs gewöhnt haben, sieht sie auch Europa. Mit niedergeschlagenen Augen steht sie da, rührt sich nicht, in einem einfachen grauen Gewand. Chandaraissas beide Wächter fassen sie unsanft an ihren Armen und führen sie auf die gegenüberliegende Seite von Europa, verbeugen sich vor dem stumm dasitzenden Minos und verschwinden wieder im dunklen Gang. Und hinter sich weiter das Schluchzen und Jammern von Sarsa und Belursi.

Schließlich klopft der Schreiber neben Archaikos mit seinem hölzernen Hammer auf den schweren Tisch des Richters und der Minos von Kreta beginnt mit seiner peinlichen Befragung. Gerade als er zu reden beginnen will, hallt aus dem tiefen Verlies inmitten des Palastgartens das Schnauben des Minotaurus herauf. Genussvoll und grinsend nehmen die alten Berater und Sardonius, der natürlich nicht fehlen darf, den tierischen Laut auf, schmunzeln, nicken, als wollten sie sagen: Der weiß wohl schon, was für ein Glückstag heute für ihn ist, sein hungriger Magen meldet sich lautstark zu Wort! Vergeblich versucht die Hohepriesterin mit Europa Blickkontakt aufzunehmen. Dann hört sie überlaut die Stimme von Archaikos im Innenhof hallen:

„Der Herr der Hofhaltung, Abgaben und Sicherheit möge die Anklage vortragen! Der Schreiber halte jedes Wort genau auf seiner Tafel fest!“

Anklage? Welche Anklage? Chandaraissa weiß, dass Sardonius nicht ihr Freund ist, aber was könnte vorgefallen sein, dass sie nun angeklagt wird? Schon das unerwartete Abendessen im kleinen Kreise an der Tafel des Minos zusammen mit Europa gestern Abend hatte sie misstrauisch gemacht.

„Und hört auf zu weinen, ihr beiden da hinten, ihr stört so die Gerichtsverhandlung – oder soll ich euch gleich dem Minotaurus zum Fraß vorwerfen?“

Ein Entsetzensschrei entfährt den beiden Priesterinnen, dann aber sind sie still. Rühren sich nicht, lautlos fließen ihnen die Tränen die Wangen herab, aber tapfer unterdrücken sie nun ihre Todesangst und ihre Angst um ihre Herrin, Chandaraissa.