29 Jun

Europa – Meditation # 103 Heimat-Text Nr. 20

Europa: Meine Heimat, deine Heimat, wessen Heimat?

Als wenn das die Frage wäre! Denn Europa kann gar keine Heimat sein, Europa war schon immer ein Mythos, ein geographischer Begriff, eine Erzählung – oder wie man heute sagen würde: ein Narrativ, aber keine Heimat. Aber es ist ein Reizwort, das wie von selbst Gefühle freisetzt, die unseren Blick auf Themen, Menschen, Länder, Religionen und Systeme nachhaltig einfärbt.

Und natürlich setzen manche gerne diesen Begriff gleich mit Europa, um sich abzugrenzen gegen die Nicht-Europäer, woher auch immer sie kommen mögen. Und um Wasser auf die Mühlen ihrer Ängste – oder auf die von denen, denen sie Angst machen möchten – zu gießen. Denn dann müssen sie nicht über die Probleme reden, von denen sie unbedingt ablenken möchten: Armut, Ungerechtigkeit, Wohnungsnot, vergiftete Böden, Bildungsbenachteiligung, Versorgung der Alten, die Renten, die maroden Schulen, die fehlenden Lehrer und und und…

Früher umschrieb man solche politische Manöver mit dem griffigen Fremdwort: Sozialimperialismus – i.e.: Ablenken von den inneren Probleme, in dem man nach außen Stärke mimt und vortäuscht; natürlich alles nur zum Wohle des verstörten Wählers, der von zu schwachen und zögerlichen Politikern um eine sichere Zukunft gebracht werde!

Dabei ist die sogenannte Flüchtlingsfrage ja längst ein globales Thema – wie so viele andere Themen auch – sie wird aber hier mutwillig eingeengt auf ein Kräftemessen zwischen dem wild entschlossenen Innenminister, der ja auch das Thema Heimat unter seine Fittiche meint nehmen zu müssen, und der „zaudernden“ Kanzlerin – eine billige Attacke. Als ginge es um das Gender-Problem, um den vermeintlich starken Mann und die vermeintlich schwache Frau!

Angesichts steigender Mietpreise, entwerteter Dieselfahrzeuge und schmilzender Altersvorsorge – von den nach wie vor still vor sich hin wabernden Kränkungen, die die Treuhandgesellschaft eiskalt und blitzschnell erzwungen hat, mal ganz zu schweigen – ist es wohl ein Erfolg versprechendes Ablenkungsmanöver, Heimat zu beschwören und den Regierenden völliges Versagen in Sachen „Überfremdungsfolgen“ vorzuwerfen. Aus wahltaktischen Gründen kein übler Schachzug, wohl wahr!

Aber bleiben wir auf dem Teppich! Die EU – und das ist nicht Europa, sondern das sind lediglich 27 (wenn England gegangen sein wird) von 47 Staaten – hat nach wie vor finanztechnische Probleme, die Flüchtlingsfrage ist ebenfalls auf der Agenda – aber Heimat, Heimat kommt darin nur immer als regionales, kommunales Erlebnis vor – etwa so oft, wie Menschen mit Menschen in derselben Sprache am vertrauten Tisch über Gott und die Welt quatschen.

26 Jun

Europa – Meditation # 102 Heimat-Text Nr. 19

Und schlafend wächst des Wortes Gewalt

Und das Wort, das gerade tags wie nachts zu wachsen scheint, weil es in aller Munde und in allen Medien zentral präsent ist, lautet:     

 M a s t e r p l a n .

Wenn der Hinweis von Nietzsche stimmen sollte, dass jeder Begriff durch das Gleichsetzen des Ungleichen entsteht, so können wir es kurz am Begriff

M a s t e r p l a n

verdeutlichen:

Hier wird ein Fremdwort, das groß daherkommt wie Vater und Mutter in Zusammenhang gebracht mit jemandem, der anscheinend wohl überlegt zu haben scheint. Ein großer Plan, ein wohlbedachter Plan. Das fühlt sich schon einmal richtig gut an. Wenn dann der Erfinder dieses wohltuenden Begriffs auch noch sich so zu präsentieren weiß, dass ihm nichts anderes als das Wohl der Menschen umtreibt, dann kann er sich sicher sein, dass viele ihm Recht geben werden – ungeprüft.

Das ist die eines Seite der Medaille. Die andere, die nicht sichtbare, ist die der Machtgier, die sich natürlich verbergen muss. Die klug mit der Angst und Verunsicherung vieler Menschen zu spielen weiß, denen das Fremde der Schlüssel zur Beseitigung all ihrer Probleme ist: je weniger wir davon haben umso sicherer sei dann unsere Welt. Eine schlichte Botschaft, die gerade in ihrer Einfachheit zu verzaubern weiß. Ein Mann, der dafür einen M a s t e r p l a n erdacht hat, ist unser Mann. Während die anderen, die doch nur um den heißen Brei herum reden, keinen Plan zu haben scheinen: Zerstritten, uneins, ratlos, planlos.

Da will man natürlich auf der sicheren Seite sein – so wie früher in der Heimat, wo man ja auch wusste, auf wen man sich verlassen konnte und auf wen nicht. Damit wird also ein starkes Gefühl angesprochen, an dem man sich nur zu gerne wärmen möchte.

M a s t e r p l a n –

klare Kante, kurzer Prozess. Da bin ich dabei, sagt dann nickend der verunsicherte Zeitgenosse, dem das Zerreden von Anliegen schon lange auf die Nerven geht.

25 Jun

Europa – Meditation # 101 Heimat-Text Nr. 18

Die schier unstillbare Sehnsucht nach H E I M A T

Das Karussell der Eitelkeiten und leerlaufenden Floskeln und Slogans dreht sich und dreht sich immer weiter. „Masterplan“ – war für ein abstraktes Wortmonstrum! Europaweit, weltweit Wortgeklingel nur. Gleichzeitig lässt sich der Zeitgenosse dieses Jahrmarktes gerne ablenken mit Ballspielen, Tempo, teuren Sachen, virtuellen Achterbahnfahrten und Opium. Das kostet natürlich – nicht nur Geld, sondern auch ungelebte Lebenszeit. Das rächt sich, denn die innere Stimme hört nicht auf zu maulen, will lebendiges Leben, will wirkliche Wirklichkeiten und keine Ersatzstoffe.

Als kleiner Ausweg bietet sich einem solchen Zeitgenossen die Sehnsucht nach heimatlichen Gefühlen an: bedingungslose Gemeinschaft zum Beispiel in vertrautem Rahmen, mit vertrauten Leuten. War es nicht die B-Jugend-Mannschaft, die nicht nur gegen Langeweile, sondern auch gegen Sinnlosigkeit half, weil man zusammen trainierte, zusammen zu Punktspielen los fuhr, gewann oder verlor – je nach dem – und so ein wirkliches Erlebnis an das andere reihen konnte. Und was war das doch für ein peinlicher Tanzkurs, mannoman! Jetzt darüber lachen tut so gut. Oder im Schachclub oder bei der Freiwilligen Feuerwehr…Das schafft ein gutes Identitätsgefühl und die Symbole dazu lieferte eine vertraute Umgebung von Freunden, Freundinnen und Gegnern.

Im Mitfiebern bei den Spielen der Nationalmannschaft scheint sich noch einmal dieses Gefühl zu wiederholen, wenn man mit Gleichgesinnten dabei ist. Im sogenannten Sommermärchen – es war aber eine wirklich erlebte Geschichte und kein Märchen, sondern nur fast märchenhaft wohltuend – verwischten sich sogar für solche Momente die sozialen Unterschiede; man duzte wildfremde Menschen und keiner war pikiert. Das erzeugte ein gutes Lebensgefühl – weil man gemeinsam dem Gegner auf die Verliererspur helfen wollte, Aggressionen hatten so ein solidarisierendes Ziel. Strahlende Gesichter, lachende Münder, freundliche Wortwechsel, Geflaxe. Möglichst in schnoddrigem Ton, im Tonfall des erlernten Dialektes und natürlich wahnsinnig kompetent!

Das nur als kleines Beispiel für die Kraft, aus der wir schöpfen, wenn wir optimistisch in die Welt blicken sollen/wollen.

Hinter Abstraktionen wie Nation, EU, UNO oder TTIP lässt sich kein Heimatgefühl finden. Das sind zu große, zu leere Begriffe. Dahinter verbirgt sich für den Zeitgenossen nichts, dem er sich anvertrauen möchte, überhaupt nichts. Höchstens als Bedrohung seiner Existenz nimmt er sie unbewusst wahr.

Aber die Sehnsucht nach diesem Heimatgefühl will weiter gestillt werden. Weder die Medien, noch die Parteien, weder die VIPS noch die Aktienkurse können da punkten.