20 Okt

Europa – Meditation # 163

Handke im wilden Kurdistan

Was wären die Medien ohne ihre medialen Feindbilder?

Was wären die hungrigen Leser ohne ihre vertrauten Paladine?

Was wären die Kenner ohne ihre muffige Arroganz und Häme?

Was das mit Kurdistan zu tun hat?

Ganz einfach: Spätestens seit dem sogenannten ersten Weltkrieg, der 1914 in Europa begonnen haben soll, sind die Kurden zum Spielball nationaler und internationaler Mächte geworden. Und warum? Weil sie ähnlich wie die Semiten und die Slawen auf einer eigenen Geschichte, Kultur, Sprache und Tradition beharren, auf eigener Identität also, die ihnen ihr langer Atem sicherte. Das schafft Neid, das schafft Angst, das schafft Feindbilder, noch und noch.

Vom Selbstbestimmungsrecht der Völker zu sprechen, entscheiden wie immer natürlich die Sieger. Die Besiegten sollen bitte schön bei ihren Leisten bleiben.

Das letzte Theaterstück der Pharisäer aus dem Lande der Neuen Welt ist nun staunend zu besichtigen: Es geht wie immer um viel – um Wasser und andere Bodenschätze, um Ansprüche, die selbstverständlich aus alten Rechten herrühren müssen und um Härte, die man denen gegenüber walten lassen muss, die das in Frage stellen wollen. Verbündete können da schnell mal fallen gelassen werden.

Selbstverständlich sind die vielen Opfer, die die Kurden in dieser unseligen Geschichte schon so lange bringen mussten, längst vergessen.

Da kommt es wie gerufen, dass einer den Literaturnobelpreis bekommt, der nicht nur Bücher geschrieben hat, die sehr kontrovers von den Medien kommentiert wurden, sondern der auch Landschaften und Völker besuchte, die aus den Nachwehen des Kalten Krieges unsanft herauspurzelten und dabei ebenfalls viele Opfer zu beklagen hatten. Denen Arges angetan wurde und die nicht zögerten, mit gleicher Münze zurückzuzahlen. So lenken uns die Serben dankenswerterweise einen Augenblick von den Kurden ab.

Selbstverständlich hat der Konsument des medialen Strafgerichts, das sich nun über diesen geehrten Schreiber ergießt, keine Erinnerung mehr daran, was damals die NATO vor Ort kriegerisch sich leistete – von Kigali wollen wir in diesem Zusammenhang gar nicht erst wieder anfangen – wir Europäer waschen unsere Hände gerne in sauberer Nachkriegsunschuld, und da ist es doch naheliegend, einen solchen Literaten eher als Nestbeschmutzer zu kommentieren, denn als Sätzeschmieder, der auf seinem Wörteramboss so manches heiße Eisen platt schlägt, das viele doch lieber schön zieseliert hätten.

Denn im Grunde geht es doch darum, Handke auf einem Nebenschauplatz zu erlegen, um seine Zivilisationskritik nicht schon wieder thematisieren zu müssen. Wie praktisch auch! Schicken wir den Handke doch einfach ins wilde Kurdistan, da fällt ihm bestimmt wieder ein Text ein, über den wir dann genüsslich herfallen können – unsere Hände in Unschuld waschend.

11 Okt

Europa – Meditation # 162

Im blinden Spiegel der Zeit

Einstürzende Gewissheiten – europaweit, weltweit.

Wo sollen wir Halt finden, wenn das Anhäufen von Sachen keinen gibt?

Wo sollen wir hingehen, wenn einer nach dem anderen dicht macht?

Verlust, nicht Gewinn ist das bleibende Gefühl beim Konsumenten.

Verlust von Nähe, Verlust von Freunden, Verlust von Gewissheiten, Verlust von Perspektiven – besonders für Jugendliche.

Verlust von Sinn.

Wo können wir uns zuhause fühlen, wenn mehr und mehr Nachbarn lieber in der Wolke zum Stelldichein abdriften, als mit mir Skat zu spielen?

Warum ist (oder tut) man so überrascht?

Fast alle europäischen Hauptstädte können sich mit solchen Katastrophen wie in Halle problemlos messen, ja, sie bieten so gar mehr, viel mehr.

Und in der Wolke werden die Charts fleißig überarbeitet und neu justiert:

Wo waren es mehr, wo war wer schneller, besser, erfolgreicher?

So viele Klicks, so viele Freunde – endlich.

Hier werde ich sogar zum Helden, hier steige ich auf der Leiter der Anerkennung weiter und weiter nach oben. Und wenn es nicht so klappt, wie geplant, dann helfen die Netz-Mitdenker mir über die Krise: Du brauchst eben einen langen Atem.Hier bei uns kannst du spielen und gleichzeitig das Böse vernichten lernen.

Die da unten sind doch einfach zu blöd zu kapieren, wie der Hase läuft!

Und es gibt Applaus, Unterstützung, praktische Anleitungen, noch und noch.

Da ist wenigstens etwas los, da kann ich Tag und Nacht hin, da ist immer jemand für mich da. Cool oder?

Längst ist die Trennlinie zwischen analog und digitaler Wirklichkeit obsolet.

Das Digitale begeistert doch viel mehr, Tag und Nacht, weltweit, wow!

Nur in der analogen Welt der Behörden sind die Sachbearbeiter sowas von hinten dran – die notwendigen Fortbildungen müssten stündlich Tausende und Abertausende erfassen, damit sie nicht nur die Geräte besser und schneller handhaben können, sondern damit sie auch den Vorsprung der Jugendlichen verringern lernen.

Deshalb auch die Ratlosigkeit der Politiker und Beamten: Sie stecken noch viel zu sehr im alten Leben, das längst ausgehebelt ist von der internet-community, die sich eins ins Fäustchen lachen kann, weil die einfach noch nicht den Schuss gehört haben.

In den Interviews, den Statements wabert es ja nur so von Betroffenheit und wilder Entschlossenheit, endlich den Feind der Demokratie erkannt zu haben – aber es bleiben Lippenbekenntnisse, so lange nicht wirklich die fähigen Nerds und Könner flächendeckend eingebunden werden in das tägliche Recherchieren und Beobachten. Nur von denen können sie etwas lernen, nicht von Parteipolitikern, Industriellen, Wissenschaftlern.

30 Aug

Europa – Meditation # 158

Ach ja – die guten Demokraten in Europa!

Man ist entsetzt, empört, wähnt gar die Demokratie am Abgrund, weil der britische Premier von verfassungsmäßigen Möglichkeiten Gebrauch macht, die den Gegnern natürlich nicht gefallen. Aber muss man dann gleich in Worttiraden verfallen, die zwar heroisch klingen – wir verteidigen die Demokratie gegen das Böse – aber kaum in der Sache BREXIT weiterhelfen werden?

Auch hier in Mitteleuropa stimmt man mit ein in den Chor der „Demokratie-Hüter“. Wieder wird also mit dem Mittel der Angst gearbeitet, begibt sich im Grunde damit aber auf genau die Ebene, die der politische Gegner so eiskalt bedient: Möglichst in Dauerschleife das eigene Tun preisen als letzte und damit radikale Lösung in einem Chaos, wo auf der anderen Seite bloß Versager oder Seilschaftsbrüderschaften das Sagen haben. Wenn ER jetzt nicht unerbittlich und radikal die „Sache“ durchficht, geht der günstige historische Augenblick ungenutzt vorüber und Wirtschaft und Gesellschaft versinken in Korruption und Niedergang. Gremien und Repräsentanten spielen in solch einer Notsituation einfach keine Hauptrolle mehr, sie müssen pausieren. So einfach ist das, sagt ER. Letztlich dient ER damit sogar dem Volk mehr als die gewählten Vertreter im Parlament. Es ist jetzt die Stunde der Exekutive. Punkt. Und die Zeit drängt, sagt ER!

Auch hier in Mitteleuropa gab es vor gar nicht so langer Zeit einen Konflikt, in dem die selbsternannten „Demokratiehüter“ aus Zeitnot heraus den verfassungsmäßigen Gremien einfach keine Zeit für lange Grundsatzdebatten lassen durften, weil Gefahr im Verzuge war, sagten SIE. Die Wiedervereinigung müsse schnell über die Bühne gehen, man dürfe den günstigen historischen Augenblick nicht ungenutzt verstreichen lassen. Und schon griff man zum Artikel 23 GG und zog die „Wir sind das Volk“-Bewegung über den Tisch des parlamentarischen Hauses.

Aus heutiger Sicht zeigt sich nur zu deutlich, dass diese überhastete Übernahme zu langfristigen Kollateralschäden führte, die immer noch fort wirken. Und die damals über den Tisch gezogen wurden, können heute nur zynisch lächeln, wenn sie die gleichen Leute heute gegen Boris Johnson zu Felde ziehen sehen: Parlament und Verfassung müssen geschützt werden gegen diesen Machtmenschen.

Sie haben zwar recht, aber sie sind Pharisäer, die besser vor der eigenen Tür kehren sollten, als die Vorgänge auf der Insel zu ihren eigenen zu machen.

Oder?

Denn hier in Mitteleuropa eiert die Frage, warum die Wiedervereinigung einfach nicht gelingen will, immer nur um die anderen herum und nicht um den entscheidenden Punkt: DAS GANZE VOLK hätte mitreden müssen, es hätte eine Nationalversammlung geben müssen, die verfassungsmäßig möglich war. Aber davor hatten die BRD-Demokraten wohl zuviel ANGST!

Es wäre endlich an der Zeit, diese alte, immer noch offene Wunde im „Volkskörper“ zu heilen zu versuchen und aufzuhören den eitlen Pontius PIlatus zu spielen…und endlich zu beweisen, dass die Herrschaft des Volkes in den Händen von Demokraten liegt, die sich nicht von Besitzängsten, sondern vom ALLGEMEINEN WILLEN leiten lassen.