04 Jun

Leseprobe aus der neuen Folge der Fabeln # 19

 Im Tempel der Elfenphantasien

Unsere Freunde halten den Atem an. Was wird als nächstes geschehen? Die wunderbaren Glasklänge und die phantastischen Tänze der Fee scheinen selbst im Dunkeln weiter zu schwingen – jedenfalls meinen Schúdulu, die kleine Schildkröte, auf Lailas Schulter, Bräbasum, der uralte Bär und Baldúwa, unser Wuschelbär, es sei immer noch etwas zu hören und zu sehen. Auch Laila ist es, als wäre da etwas Neues im Entstehen:

Von ganz weit oben – wie in einer weichen blauben Wolke – schweben langsam, ganz langsam weiße Säulen herab. Sie scheinen in einer schwach golden glänzenden Kuppel zu hängen. Und hinter ihnen kommen nun lauter lachende Elfen hervor und scheinen zu winken. Jetzt haben die Säulen fast den Boden erreicht, in einem großen Kreis sind sie aufgereiht – da, wo eben noch ein glitzernder See war, ist jetzt ein farbenprächtiges Mosaik zu sehen: Wilde Tiere, fremde Pflanzen und eigenartige Tempel und Häuser sind darin zu erkennen. Und die freundlichen Elfen hören einfach nicht auf zu winken.

Ob die wohl uns meinen?“ fragt leise Schúdulu.

Vielleicht, wer weiß“, brummt Bräbasum vor sich hin, „vielleicht, vielleicht…“

Baldúwa läuft einfach los zur nächst besten Elfe, die mit ihm zu den wilden Tieren geht, die plötzlich gar nicht mehr aus Mosaiksteinchen zu bestehen scheinen, sondern aus Fell und Blut. Laila erschrickt, denn was wäre, wenn sie nun den Wuschelbären auffressen? Aber da sind Baldúwa und die lächelnde Elfe – gekleidet in lange, bunte Seidenfäden, die um sie herum schimmern, als würden sie von einem blassen Mond beschienen – in einem der Tempel im Mosaik verschwunden. Einfach weg.

Schúdulu und Laila können es gar nicht fassen. Wo sind die denn jetzt? Einfach weg, ohje minne, ohje minne!

Bräbasum will nicht lange warten, er hat eine Idee:

Wisst ihr was, wir müssen eben auch einfach zu einer winkenden Elfe da in dem Säulenkreis hin laufen, die nehmen uns dann auch an die Hand und werden uns bestimmt zu Baldúwa führen.“

Und ohne erst überhaupt eine Antwort abzuwarten, läuft er los. Da bleibt Laila samt Schúdulu auf ihrer Schulter gar nichts anderes übrig, als hinterher zu laufen:

So warte doch, Bräbasum, warte doch! Bitte! Sonst verlieren wir uns noch.!“

Und wie sie nun in den wunderbar hohen und weißen Säulenkranz treten, beginnt auch ein wohltuendes Summen zu erklingen. Laut und leise, laut und leise. Oder ist es eine Harfe oder eine Orgel? Jedenfalls ist es wunderschön. Vor lauter Glück bemerken sie auch gar nicht, dass sie bereits zwei junge Elfen an die Hand genommen haben und mit ihnen in einem wilden Gebüsch, in dem es herrlich duftet, hinein gelaufen sind. Ob sie wohl Baldúwa wieder finden werden?

05 Feb

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 58

Wütender Widerstand alter Männer will Europa vernichten

Gleichmütiger Wellenschlag weit unten am Strand. Mondhelle Nacht über dem Königspalast. Ein Käuzchen ruft von schwankendem Ausguck auf der alten Zeder: Gefahr, Gefahr! Oder meint es: Sieg, Sieg!? In den Ohren von Europa klingt es wie: Sei vorsichtig, sei vorsichtig!. Aber im kleinen Ratssaal – gar nicht weit vom hochgewölbten Schlafgemach des Minos – braut sich gleichzeitig eine üppige Wutwolke zusammen: Die stillen Gegner von Archaikos wittern ihre Stunde. Denn wenn er sich einlässt auf diese bedrohliche fremde Frau, dann werden sie ihn zu Fall bringen. Flüsternd bereden sie finstere Anschläge. Ihre Spione wollen gesehen haben, dass die fremde Frau heimlich Zugang zum Minos erhielt. Die Augenbrauen tief herabgezogen zischen sie sich gegenseitig ihren Zorn auf den Minos zu: Er muss weg. Er ist ein Verräter. Die Götter werden ihn strafen – durch sie, die treuen Herren auf Kreta, die alles Fremde von der stolzen Insel treiben werden. Sie muss ihn mit einem bösen Dämon verführt haben. Beifälliges Nicken, Murren und Knurren. Ist der Schrei des Käuzchens nicht ein Zeichen der Götter? Das Signal zum Töten? Aber sie muss vorher gefoltert werden. Die Strafe für ihre Anmaßung soll lange und herzzerreißend sein. In den Augen der alten Ratsherren blitzt rachsüchtiges Lichtflackern auf. Sie werden es genießen – armseliges Sterben einer schreienden Frau!

Archaikos ist vor Erschöpfung und Befriedigung in traumlosen Schlaf gesunken. Europa schaut ihn voller Wohlgefallen an: Ein Mann, der ihr bei weitem besser gefällt als der Fremde, der sie von ihrer Heimat hierher gebracht hat. Vorsichtig streichelt sie die schweißnasse Haut des Schläfers. Ihr Kind wird einen mächtigen Beschützer als Vater haben. Und wenn die Männer erst den neuen Tanz der Priesterinnen gesehen haben werden, werden Lebensfreude und Lust allen Kretern wie ein endloses Fest der Sinne scheinen. Sie lächelt siegessicher. Aber auch sie hört die Schreie des Käuzchens und hält inne: Sei vorsichtig, sei vorsichtig, raunt sie sich selber zu. Der Weg zu deinem Ziel wird eher dornig sein als marmorglatt und glänzend. Sei vorsichtig!

Dann hebt das Käuzchen ab, steigt auf in den endlosen Nachthimmel und ist kurz ganz vom Mond umgeben: Ein schönes Bild. Wer aber sieht es? Und was könnte es bedeuten?