07 Okt

Europa – Mythos # 84

Götter und Menschen im Netz der Intrigen.

Während Woltónos mit seinen zwei neuen Helfern Németos und Thórtys in einer Höhle Schutz vor dem eisigen Wind suchen, der in dieser Nacht über die Hochebene fegt, hat es sich Sosynóis in der Nähe bei einer Schafherde bequem gemacht. Die Tiere spüren den Fremden und fühlen sich wohl dabei. Keiner sieht ihn, weder seinen Wanderstab, noch seinen Efeu-Kranz. Aber er ist auf der Hut, denn die drei alten Säcke aus dem Olymp sind auch unterwegs. Sie basteln an ihrem Racheplan, zu dem sie Zeus überredet hat, weil Europa ihn einfach verlassen hat, ihn, Zeus! Und da der Anschlag, zu dem Sardonios Németos und Thórtys gezwungen hatte, fehlgeschlagen ist, wollen die drei Götter-Brüder nachlegen. Da kommt ihnen der Plan von Woltónos aber gar nicht recht: Im Palast des Minos soll es jetzt keine üblen Überraschungen geben, das könnte ihrem Plan zuwider laufen! Also werden sie diesen rachsüchtigen Woltónos bremsen müssen. Aber wie? Gerade sitzen sie am Ufer des Meeres und grübeln vor sich hin. Ihnen fällt einfach nichts Brauchbares ein.

Gleichzeitig redet im Palast des Minos von Kreta Europa mit Archaikos. Sie muss ihm erzählen, was sie neulich gehört hat, als sie zufällig das Gespräch der jungen Priesterinnen mitbekommen hatte.

Du meinst also, dass da ein Anschlag auf dich im Tempel der großen Göttin geplant war?“

Archaikos kann es nicht fassen. Europa nimmt seine Hände in die ihren und sagt dann mit fester Stimme:

Ich bin mir sehr sicher. Dein Herr der Hofhaltung, Listen und Namen, Sardonios, muss die beiden Männer angestiftet haben. Ich weiß, dass die zwei inzwischen geflohen sind. Sie fürchten sicher den Zorn deines höchsten Beamten am Hof, weil sie ihren Auftrag so schlecht ausgeführt haben.“

Archaikos knirscht mit den Zähnen. Wut kommt in ihm hoch, als er jetzt antwortet:

Ich werde Sardonios zur Rede stellen. An seinem Verhalten werde ich ablesen können, ob es stimmt oder nicht. Wenn es stimmt, wird er mit dem Tode bestraft werden.“

Europa durchfährt – wie ein Blitz – die Erinnerung an ihren Vater, Agénor. Wie er getobt hatte, wie er seine Frau, die Königin, und ihre Mutter, heimlich hatte töten lassen. Ist Archaikos auch so ein Mann wie ihr Vater? Weg, weg mit solchen Gedanken, weg! Sie versucht zu lächeln, denn eigentlich will Archaikos ihr ja helfen, sie schützen. Eigentlich.

18 Feb

Europa – Meditation # 130

Gefolgschaft – auch im Tarnen und Täuschen – erster Gesang

Seit Heraklit punktgenau meinte, alles fließt,

und Lukrez gelassen hinzufügte, übrigens hängt auch alles mit allem zusammen und nichts geht verloren,

ist zwar viel Wasser den Euphrat und Rhein heruntergeflossen, aber ein paar Eigenschaften der Erdlinge scheinen einfach hartnäckig im Aussitzen zu sein:

Lügen haben kurze Beine, ist demzufolge wohl eher ein Euphemismus denn ein gelungenes Bonmot. Auch die Bibel geht dieses Thema forsch und furchtlos an, wenn es heißt:

Und er weinte bitterlich.“

Wer? Wer wohl. Kein geringerer als Petrus selbst, der aus Angst vor Knast lieber seinen Herrn verleugnete und gleich dreimal log, als wahrhaftig zu seinem Glauben zu stehen.

Warum nun dieser kleine bildungsbeflissene Exkurs in die europäische Kulturgeschichte?

Nun, weil sich aus heutiger Sicht – und zwar nicht nur in Europa, sondern mehr oder weniger flächendeckend und global – das Lügen als erfolgreichste Variante menschlichen Erfolgs herauszustellen scheint.

So, so.

Fangen wir einfach mal mit den Europäern an.

( Zu den praktischen Kürzeln: NT, NATO, EU kommen wir dann im zweiten Gesang!)

Die Europäer zogen mit ihren Schiffen einst in die Welt hinaus und verkauften christliche Liebe, Humanität, „Zivilisation“ und Ordnung als   d i e   frohe Botschaft – subkutan breitete sich allerdings eine ganz andere Botschaft aus: Wir sind geboren zum Beherrschen der Welt – als Echo später nicht zu überhören im MANIFEST DESTINY. So machte man sich mit guten Worten und nachhaltiger Gewalt (und dem Segen der Kirche und des lieben Gottes) große Teile der Welt untertan. Auch China wurde ordentlich stranguliert. In England, Belgien, Frankreich, Holland und Spanien wuchsen Villen,Schlösser und Paläste wie Pilze aus dem Boden. Die Mittel dazu erzwangen die Europäer aus den Kolonien, Jahrhunderte lang.

Dann machten sich die Amerikaner – auch ehemalige Europäer – daran, das begonnene Geld-Herrschaftssystem zu verdollarisieren. Immer mit der frohen Botschaft verknüpft, man wolle den „Unterentwickelten“ doch nur zu ihrem Glück verhelfen. Glück hatten allerdings nur die Verkünder solcher Lügen. Und als probater Weichspüler funktioniert dabei schon lange der christliche Persilschein, genannt Beichte -„alles gottgewollt“ . Wunderbare Lösung.

So verschwand die eigentliche Lüge hinter solchem Tun in Kellern und Verliesen. Da modern sie still vor sich hin.

Jetzt werden alte Lügen aufpoliert und runderneuert – doch davon mehr im nächsten Gesang!

22 Jan

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 76

Die Attentäter verpassen ihr Attentat

Thortys und Nemetos – immer noch völlig erregt von dem verführerischen Bild, das sich vor ihren Augen gerade abspielt – werden brutal aus ihrer Gier hinaus gezerrt, als die zuschauenden Frauen, aber auch die atemlosen jungen Priesterinnen nun laut klatschen und zu jubeln beginnen. Chandaraissa und Europa freuen sich gerne mit. Ihr angekündigter Festbeitrag kommt gut voran, denken die beiden. Archaikos wird Augen machen. Das wird ein Fest!

Die Nachmittagssonne hüllt das Schauspiel, das da gerade im großen Tempel der großen Göttin zu Ende geht, in warmes, weiches Licht. Die beiden Männer stehen da mit offenem Mund und erregten Gliedern. Fassungslos. Da fällt ihnen wieder ihr Auftrag ein. Sie sehen gerade noch, wie diese Europa, diese gefährliche Fremde, mit der Hohenpriesterin im Tempelinneren verschwindet. Die sollte jetzt in ihrem Blut liegen.

Mist!“ zischt Nemetos wütend. Thortys nickt missmutig.

Warum haben wir es nicht getan?“ flüstert er und sucht mit der freien Hand den Dolch unterm Gewande. Die andere Hand stützt ihn an der dicken Säule ab. Gleichzeitig gehen den beiden üble Gedanken durch den Kopf: Sardonios, ihr Herr und Auftraggeber, wird toben. Nein, er wird nicht nur toben, er wird strafen. Und wie! Als sich die beiden nun erschrocken anschauen, sehen sie die Angst in den Augen des anderen überdeutlich. Sie wissen, dass es keine Ausreden geben kann. Sie sind erledigt.

Da kommen Sarsa und Belursa – noch ganz außer Atem und in ihren bunten, wehenden Tüchern – auf sie zugelaufen. Sie wundern sich. Warum sind ihre Männer überhaupt hier? Woher wussten sie von dieser Tanzprobe?

Hat es euch gefallen?“ fragt Belursa schnippisch und immer noch schnaufend – so sehr hat der Tanz sie angestrengt.

Klar, klar – wir, äh, also, das sah richtig gut aus, stimmt´s?“

Ja, seh ich auch so, genau“, plappert Thortys hinterher und muss dabei die ganze Zeit auf ihre Brüste schauen, die sich unter den durchsichtigen Stoffen heben und senken. Die beiden Frauen können ein Lachen kaum unterdrücken.

Was macht ihr denn eigentlich hier, ihr beiden? Habt ihr nicht Dienst im Palast?“

Nemetos fühlt sich völlig überfordert mit dieser Frage. Er hatte ja gar keine Zeit, sich eine kluge Ausrede auszudenken. Hilfesuchend blinzelt er zu seinem Kumpel rüber. Der guckt aber auch nicht besser aus seinem schmutzigen Hemd. Sarsa und Belursa warten ungeduldig auf Antwort, aber da kommt keine.

Habt ihr die Sprache verloren?“ bohrt Sarsa nach.

Nein, nein, wieso denn? Wir…wir hatten gerade eine Freistunde, da dachten wir, wir schauen einfach mal, was unsere Frauen so machen…“

Nemetos ist mächtig stolz, dass ihm solch ein kluger Satz kam.