20 Nov

Europa – Meditation # 166

Die Macht der Gewohnheit

Wir Europäer gingen gute zweihundert Jahre lang durch die Welt, als hätten wir die frohe Botschaft dabei: folget uns und ihr werdet glücklich sein … oder so ähnlich.

Jedenfalls mit einem ordentlichen Schuss Dünkel obendrauf.

Gerne haben wir uns daran gewöhnt, so durch die Welt zu stolpern. Blind für die kulturellen Errungenschaften anderer Kulturen. Alle sollten nach unserer Pfeife tanzen. Unheil und Unglück für die so „Beglückten“ wurden gerne überhört und übersehen. Und da Konkurrenz das Geschäft belebt, haben wir uns obendrein auch noch untereinander so richtig Stress gemacht: Wer war zuerst da, wer ist stärker, wer hat mehr vom Kuchen verdient? Da sollte der Nationalismus die Antworten bereit stellen. Und tat er es? Nein. Er zog statt dessen zweimal die ganze Welt in Kriegsgemetzel.

Und nun stehen wir Europäer da wie begossene Pudel und fragen uns erstmals: Was haben wir da eigentlich weltweit angerichtet? Aber es bleibt uns nicht viel Zeit zum Nachdenken und zum Antworten finden, denn andere wollen nun das Spiel spielen, mit neuen Karten und neuen Regeln. Neuen Dünkel werden auch sie sicher federleicht aus der Tasche zaubern.

Wir Europäer hatten uns aus der eigenen Geschichte ein Demokratiemodell zurecht gelegt, das scheinbar alle gesellschaftlichen Interessen fair zu koordinieren weiß.

Wir wählten aus dem Warenkorb des Modells die repräsentative Demokratie.

Volksparteien sollten unsere Interessen loyal verhandeln und zum Wohle aller voran bringen. Die Medien sollten uns helfen, den Vertretern stets eine kritische Begleitung sicherzustellen. 70 Jahre lang.

Nun machen sich Erosionserscheinungen europaweit breit: Das „Volk“ scheint sich nicht mehr angemessen vertreten zu sehen. Die sogenannten Volksparteien erodieren. Alarmglocken schrillen. Ist das gewohnte Modell an sein Ende gelangt? Schon möglich. Aus dem „Volk“ werden mehr und mehr nur noch „Völkchen“, weil man da eher den Überblick behält.

Und auch die Gewohnheit, die gewählten Vertreter opulent auszustaffieren, damit sie unabhängig agieren können, verkehrt sich in ihr Gegenteil: Die gewählten Vertreter scheinen das Modell zunehmend als Selbstbedienungsladen zu sehen. Vielleicht sollten sich die Europäer auch von dieser Gewohnheit – es ist ja keine Naturgesetz – verabschieden, und stattdessen das Los entscheiden lassen, damit jeder infrage kommt, sich keiner drücken kann und keiner darin alt werden muss.

Dem steht eigentlich nichts entgegen als die Macht der Gewohnheit. Wir Europäer sollten einfach den Mut aufbringen, alte Hüte abzulegen und weniger korrumpierbare Modelle dagegen einzutauschen. Denn wir sind europaweit das Volk, bzw. die Völkchen, der Souverän. Vor lauter Gewohnheitsbequemlichkeiten haben das viele wohl vergessen.

12 Nov

Europa – Meditation # 165

Europa als Zaungast – China als neuer Hegemon

Mit Samthandschuhen kommen die neuen Investoren daher. Sie sprechen sehr leise, lächeln unentwegt und können geduldig warten und schweigen. Ein Gespräch mit solch einem Partner fühlt sich an wie Samt und Seide.

Apropos Seide. Im Narrativ der Europäer klingt bei dem Wort Seidenstraße sofort so etwas an wie Fernweh, weiche Zimbelklänge in kühlen Tempeln und Gerüche von Weihrauch und Myrrhe und phantastische Geschichten von Karawanen und Marco Polo.

Und nun ist er von weither gekommen und bringt nicht nur diese Gerüche und Erzählungen mit, nein, Xi Jinping hat auch Reichtum und wunderbare Geschenke dabei. Und schenkt aus diesem Füllhorn aus, als wären wir Europäer in einen schönen Traum gesunken.

Es ist aber kein Traum (Nur schlecht gelaunte Spielverderber würden hier jetzt von Albtraum und Überwältigung raunen) – es ist die strahlende Wirklichkeit im Jahre 2019 – im Jahr des friedliebenden Erd-Schweins, im chinesischen Kalender des Jahres 4655, das ist der 78. Zyklus des Kalenders und der 18. Zyklus der 2. Epoche.

Und der Gastgeber im schönen Griechenland ist niemand anderes, als Kyriakos Mitsotakis, der Sohn von Konstantin Mitsotakis, der 1990 mit einer Stimme Mehrheit Regierungschef geworden war und Griechenland ordentlich in die Pleite manövrierte: Mit dem Beschneiden öffentlicher Aufgaben, mit dem Privatisieren staatlicher Unternehmen und der „Reform“ des öffentlichen Lebens – Mehr Geld leihen bei der EZB, dem IWF und der WB, mehr Stellen für Vettern und Onkels, sattere Renten für verdiente Gefolgsleute und und und. Ein unvorstellbarer Schuldenberg. Das scheinen die Griechen aber lieber vergessen zu wollen oder zu haben, weil nun der Sohn so prächtige Versprechungen für die Zukunft macht: „Wir erweitern unsere Zusammenarbeit mit China jetzt, wo Griechenland wieder eine Vorreiterrolle übernimmt.“ (Hört, hört!) Da lässt sich der Gast aus dem Land der Mitte nicht lumpen und weiß blumig zu ergänzen:

(O – Ton) „China und Griechenland befinden sich in einer Phase der Reformen, und unsere Völker (Griechenland 10,7 Millionen vs China 1,386 Milliarden) wünschen eine engere Zusammenarbeit und mehr Kontakte.

Wäre es eine Posse in einem Kindertheater, würden jetzt alle herzlich lachen, weil ja alle wüssten, dass gleich der eine, der mit den dicken Backen, die Klatsche rausholt und dem anderen, dem mit den dünnen Beinchen, eins überbrennt. Da es aber keine Posse ist, sondern politischer Alltag in der globalisierten Welt, sollten die Menschen eigentlich wissen, was auf dem Spiel steht: Die Aufgabe der eigenen Unabhängigkeit für lange, lange Zeit. Denn die 16 Abkommen über wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit, die da gerade in Athen unterschrieben wurden, umfassen nun ein Vielfaches der bereits bestehenden finanziellen Verpflichtungen – weit, weit mehr als 7, 5 Milliarden Euro. Der Einstieg in eine lange, lange finanzielle Abhängigkeit von China. Währenddessen zerbricht sich die EU nach wie vor den Kopf, wie der alte Schuldenberg denn abgetragen werden könnte.

Aber lassen wir uns doch den schönen Tag nicht vermiesen, denn Xi Jinping beschwört weiter mit leiser und sonorer Stimme das Verbindende:

China und Griechenland mögen doch die Lehren aus der tiefen Weisheit ihrer alten Zivilisationen ziehen und noch engere Beziehungen auf der Grundlage von Respekt, Gerechtigkeit und Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen knüpfen“, denn beide Völker könnten auf eine mehrere Jahrtausende alte Geschichte zurückschauen.

Das tut doch einfach gut. Oder?

Einem Europäer an der Spree könnte bei solchen Tönen allerdings eine ganz andere Melodie ins Gedächtnis kommen:

Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Das haben sich wohl auch die beiden chinesischen Banken – die Bank of China und die Commercial Bank of China – gedacht und flugs zwei Niederlassungen in Athen unter Dach und Fach gebracht.

Dem gleichen Europäer käme dann die zweite Strophe dieses klugen Liedes vielleicht so in den Sinn:

Was ist ein Kamikaze-Angriff auf einen Hafen gegen den Aufkauf eines Hafens?“

Und weil wir mit Samt und Seide begonnen haben, wollen wir auch damit schließen:

Auf einem großen Wandteppich, auf dem Athen und sein Hafen zu sehen sein wird, webt gerade irgendwo im Reich der Mitte eine alte Frau ein Zitat in die Mitte des wunderbaren, seidenen Gobelins, der vielleicht einmal in Rom, in der Sixtinischen Kapelle, als Geschenk aufgehängt werden wird:

„Piräus – der Kopf des chinesischen Drachens in Europa“ (Xi Jinping)

Ein echtes Danaergeschenk.

03 Nov

Europa – Meditation # 164

Heimatlos – Odyssee ohne Ende

Die Flüchtlinge auf Lesbos – was hat sie bis dahin angetrieben? Ein Traum von einem besseren Leben anderswo? Die Flucht vor den Albträumen zuhause? Die Sehnsucht am Ende einer Reise da anzukommen, wo es sein soll, das andere Leben? Die Flüchtlinge im Libanon. Der sogenannte Westen hat all seine scheinbaren Trümpfe verspielt. Mit leeren Händen steht er da.

Was lässt sich in den Gesichtern der Flüchtlinge lesen, jetzt?

Was erzählen die Gesichter jenseits von Flüchtlingslagern in den Untergrundbahnen von Singapur, von Tokio, von Chicago, von Budapest?

Sind diese Blicke nicht genauso leer wie die von denen in den Flüchtlingslagern?

Und was könnten die leeren Augen am Ende eines sehr, sehr langen Wochenendes in einem der Wohlstandsinseln dieser Welt wohl erzählen?

Von Sehnsucht wissen sie zu flüstern. Oder von im chat anonym geouteten Träume. Vielleicht, vielleicht aber auch von Zorn, Wut hinter der gefühlten Ohnmacht, Einsamkeit. Die Erwartungen haben sich wieder mal nicht erfüllt. Oft und mehr aber raunen sie auch von Härte, Erkalten, trotzigem Sich Verweigern jeder Nähe.

Oder waghalsiges Rasen über leere Pisten in Innenstädten vor Morgengrauen oder mutwilliges Es Drauf Ankommen Lassen – egal, sowieso, eh…

Die Versprechen haben sich als haltlos, als leer erwiesen. Im Wohlstand angekommen, ist die Einsamkeit dennoch weiter die Klette, die man nicht los wird. Am besten Sonnenbrillen mit Spiegelglas. Wer will sich schon gerne in die müden Augen schauen lassen?

Sind der Flüchtling und der Hipster nicht engste Verwandte im Geiste – weil sprachlos mit sich allein und pausenlos im Kampf mit den Konkurrenten, von denen man sich nur durch Sachen zu unterscheiden vermag? Auf einem wackligen Floß alleine unterwegs nach nirgendwo.

Und möchten sie nicht alle heimkehren von ihren Irrfahrten an einen vertrauten Herd, zu einer vertrauten Frau, in eine verlässliche Familie?

Aber wo ist diese Heimat denn?

Die einen sagen, sie sei nur in dir selbst.

Die anderen verdrehen die Augen: So ein Quatsch!

Die einen sagen, sie sei da, wo du herkommst.

Die anderen rümpfen die Nasen: Nein, danke, wirklich nicht.

Europa – einst das gelobte Land der Entdecker und Erfinder – jetzt eher bräsig und feist vom großen Bruder auf der anderen Seite des Meeres betrogen und belogen, verschanzt hinter Immobilien und leeren Versprechungen für die zu kurz Gekommenen.

Europa – einst der Gewinner im Wettlauf um Kolonien und Resourcen – jetzt erstaunt wie aus langem Schlaf erwacht auf das Land der Mitte starrend – ein Auslaufmodell in jeder Hinsicht.