11 Nov

Europa – Neuer Mythos # 87

Das göttliche Urteil

Es ist leichenstill im Saal. Alle hängen an den Lippen des Angeklagten. Sardonios, der Herr der Namen und Zahlen, der Sicherheit und der Hofhaltung, atmet tief durch die Nase ein. Der Minos von Kreta starrt ihn böse an. Nun mach endlich, scheint seine Miene zu schreien. Auch er hält den Atem an. Seine Hände umfassen energisch die Anklageschrift. Zerdrückt raschelt sie zwischen seinen weiß glänzenden Fingerknochen. Da fährt ein anschwellender Luftzug durch die hohe Halle: Drei große, große Raben stürzen sich gerade von oben in die Tiefe. Erschrecktes Zucken der Zuhörer, als jetzt die drei düsteren Vögel auch noch zu kreischen beginnen. In einem furchtlosen Tiefflug umkreisen sie zweimal den Minos, dann wieder tonlos, aber heftig flatternd nach oben. Und weg.

Was war das? Furcht fährt den Menschen durch die erstarrten Glieder. Den meisten der alten Ratsherren gehen ähnliche Gedanken blitzartig durch den Kopf: Klar, das ist ein eindeutiges Zeichen der alten Götter. Sie missbilligen, was Archaikos gerade inszeniert. Klar. Insgeheim sehen sie bereits Sardonios als den neuen Minos. Dabei nicken sie sich unmerklich zu. Die Hohepriesterin und Europa erinnern sich daran, dass auch im Tempel neulich drei Raben ein störendes Theater veranstalteten. Auch sie nicken sich zu: Sie schmunzeln, sie ahnen, wer die Störenfriede wohl sind. Sardonios, der gerade die entscheidende Frage beantworten wollte, ist erleichtert. Die Verwirrung im Saal nutzt er für eine lange Pause. Vielleicht sollte er doch alles leugnen. Nur Archaikos, der Minos von Kreta, deutet diese befremdliche Flugszene selbstverständlich für sich: Die große Göttin schickt mir eine klare Botschaft. Ich bin auf dem richtigen Weg. Sardonios muss weg. Danke, Göttin, danke. Er sendet noch ein Stoßgebet hinterher. Danke.

Nun, wir warten auf deine Antwort, Sardonios“, sagt Archaikos bedrohlich leise in die aufgeregte Stimmung hinein. Dabei schaut er schmunzelnd in die Runde, um vor allem dem Rat der Alten deutlich zu machen: Haltet euch zurück, der Minos steht in vollem Saft.

Die beiden waren in meinem Auftrag unterwegs, ja“, antwortet Sardonios mit gebrochener Stimme. Er weiß, was dieser Satz für Folgen haben wird. Aber er will niemandem in der hohen Halle die Genugtuung gönnen, ihn schwach, ängstlich, feige zu sehen. Niemandem. Dieser fremden Frau, Europa, die ja an allem schuld ist, am wenigsten; ihr schickt er einen verächtlichen Blick hinüber.

Und waren sie bewaffnet?“ legt Archaikos noch einmal nach.

Ja, sie waren bewaffnet, sie sollten diese Frau“ – dabei zeigt er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Europa – „aus dem Weg räumen, weil sie dich verzaubert hat, diese Giftmischerin!“

Entsetztes Raunen füllt den Raum, alle Blicke sind auf Europa gerichtet. Archaikos – trotz seiner Siegerlaune – wird leichenblass im Gesicht. Da meldet sich ungefragt Chandaraissa, die Hohepriesterin zu Wort.

02 Nov

Europa – Mythos # 86

Das peinliche Verhör des Sardonios.

Der Angeklagte – gefesselt an Armen und Beinen – muss dem Minos von Kreta Rede und Antwort stehen. Der zweitmächtigste Mann im großen Palast zittert. Der Angstschweiß steht ihm auf der Stirn. Archaikos sieht es mit Wohlgefallen. Der Rat der Alten, die Wachen, aber auch Chandaraissa, die Hohepriesterin, sind völlig ratlos. Keiner weiß, worum es geht. Aber es muss um viel gehen, wenn Sardonios vor Archaikos in Fesseln steht. Nur das störende Flattern der drei Raben oben am schmalen Fenster der hohen Halle scheint wie ein krächzendes Raunen wortlos zu erzählen, um was es geht: Verrat, Bestechung, Machtmissbrauch. Jetzt räuspert sich der Minos vernehmlich und beginnt seine peinliche Befragung:

Sardonios! Schwöre bei der großen Göttin, dass du die Wahrheit sagen wirst!“

Sardonios schluckt. Er atmet tief ein und aus. Mehrmals. Dann sagt er leise:

Ich schwöre bei der großen Göttin!“

Archaikos nickt und wirft einen zufriedenen Blick zu Chandaraissa und Europa, die das Verfahren ja mit ihrem Verdacht ins Rollen gebracht hat. Dann gibt er dem jungen Schreiber ein Zeichen: Wehe, du lässt auch nur ein Wort aus, dann…

Zeus zischt gerade oben seinen beiden Brüdern zu:

Wenn ich bis vier zähle, stürzen wir uns gemeinsam nach unten, kreischen wild los und fliegen um diesen dämlichen Minos zweimal herum. Dann wieder steil nach oben und raus. Klar?“

Poseidon und Hades – als schwarze Raben sehen sie längst nicht so mächtig aus – schauen sich aus ihren kleinen schwarzen Augen ratlos an. Nicken aber brav und schütteln gleichzeitig ihre Köpfchen.

Klar!“ krächzen sie grimmig zurück, „klar!“

Unten beginnt nun die Befragung:

Gehören zu deinen Leuten zwei Spitzel mit Namen Németos und Thórtys?“

Sardonios zuckt zusammen, als er die beiden Namen aus dem Mund des Minos hört. Woher weiß er das? Anstatt zu antworten, nickt er nur kurz.

Hast du die Sprache verloren, hä? Ja oder nein? Was nun?“

Ja, sie sind meine Leute.“

Archaikos wirft kurz einen Blick zu Europa, als wollte er sagen: Siehst du, meine Liebe, dein Verdacht ist berechtigt.

Die Alten vom Rat stecken flüsternd die Köpfe zusammen. Ihnen schwant Schlimmes.

Gut. Hattest du die beiden gestern zum Tempel der großen Göttin geschickt, bewaffnet?“

Da halten alle den Atem an: Bewaffnet im Tempel der großen Göttin? Sardonios, der Herr der Namen und Zahlen, der Sicherheit und der Hofhaltung weiß, wenn er jetzt ja sagt, ist seine Zeit abgelaufen. Gleichzeitig fragt er sich, woher der Minos das denn überhaupt wissen kann.

Zeus zischt seine Losung: „Eins, zwei, drei, vier! Los!“

20 Okt

Europa – Mythos # 85

Die drei Brüder als notgedrungene Gewaltverhinderer.

Europa weiß nicht, ob sie sich freuen soll. Hätte sie den Verdacht für sich behalten sollen? Jetzt ist es zu spät. Archaikos springt auf. „Ich danke dir, Europa“, dabei umarmt er sie leidenschaftlich, „endlich kommen die Dinge in Bewegung: Sardonios ist mir schon lange ein Dorn im Auge.“ Europa atmet tief durch: „Aber vielleicht ist mein Verdacht zu Unrecht in meinem Kopf!“ Der Minos von Kreta lacht gut gelaunt. „Lass mich nur machen! Ich werde den Rat der Alten hinzuziehen, damit ich Rückendeckung habe. Niemand soll sagen können, ich hätte aus Willkür einen verdienten Mann zu Fall gebracht.“ Und dabei bedeckt er ihr Gesicht mit sanften Küssen. Dann gibt er sie frei. „Geh gleich zum Tempel der großen Göttin und bitte auch die Hohepriesterin Chandaraissa zum Verhör in die hohe Halle zu kommen. Ich möchte nicht allein dastehen. Verstehst du? So wird es auch in wichtiger Schritt zu unserer Vermählung.“ Europa läuft es heiß und kalt den Rücken herunter. Was für ein Mann! Was für ein Glück und was für eine Gefahr! Archaikos schaut sie fragend an: „Oder glaubst du, dass Chandaraissa nicht auf unserer Seite steht?“ Und bevor sie überhaupt nachdenkt, ob es klug es, was sie sagt, hat sie es auch schon ausgesprochen: „Sie ist meine Freundin.“ „Deine Freundin? Europa, wie machst du das? Nicht nur mich hast du verzaubert, nein, auch die strenge Priesterin ist dir erlegen?“ Sie nickt nur. Um ihre Unsicherheit zu verbergen, wendet sie sich jetzt schnell zum Gehen.

Und schon bald summt wie im Bienenhaus der Palast des Minos: Ein Verhör in der hohen Halle, die Hohepriesterin wird da sein, der Rat der Alten ist mit dabei, die Wachen werden verstärkt. Was hat der Minos vor? Wer soll verhört werden? Die Fremde! Europa? Die Aufregung ist groß. Geflüster in den langen, schattigen Gängen. Einige wollen Europa gesehen haben, wie sie vorhin erst weglief. Hat sie Angst?

Der blaue Himmel über der hohen Halle wolkenlos. Nur drei Raben landen gerade an der Regenrinne, flattern und flattern, laufen tippelnd hin und her und machen Lärm. Die sich sammelnden Räte schauen verwirrt nach oben. Waren die nicht erst neulich schon einmal da? Schicken die Götter sie als Beobachter? Langsam kriecht die Angst den alten Männern unter die Gewänder. Will der Minos vielleicht sogar ihnen ans Leben? Archaikos sitzt schon mit finsterer Miene auf seinem erhöhten Platz.

Da öffnet sich das Tor zur Halle und eingerahmt von vier Wachen betritt Sardonios mit aschfahlen Gesicht den Raum. Heftiges Raunen geht durch die Reihen der Alten. Der Minos starrt wie abwesend vor sich hin.

Zeus, Poseidon und Hades – oben rabenschwarz hin und her tippelnd – wissen natürlich Bescheid. Ihrem wichtigsten Mann soll es an den Kragen gehen. „Das müssen wir unbedingt verhindern.“ Poseidon und Hades nicken. Ihr Bruder ist wirklich anstrengend in seinem Zorn, aber sie haben ihm ja ihre Hilfe geschworen. Dieser Europa muss einfach Einhalt geboten werden!