05 Mai

Europa – Mythos # 80

Zeus, der alte Hirsch, sät weiter Zwietracht

Nemetos, zitternd vor Kälte und schweißnass vor Angst und Schrecken, klammert sich – wie ein kleines Kind an die Mutter – an Thortys, der noch gar nicht richtig erfasst, was er da hört und sieht. Er meint, er träumt. Was denn sonst? Aber er irrt sich gewaltig. Wir wissen es. Klar. Aber die beiden? Sie kommen sich völlig verloren, verraten und verkauft vor, hier unter freiem Himmel auf ihrer Heimatinsel, Kreta.

Wenn ihr tut, was ich euch vorschlage“, beginnt nun der Riesenhirsch zu grummeln, „dann werdet ihr rosige Zeiten sehen, rosige Zeiten.“

Nemetos – immer noch geblendet von dem Schlangenlichtglitzergerangel vor seinen müden Augen – traut seinen Ohren nicht. Ein sprechender Hirsch? Bin ich jetzt verrückt geworden? Und als er kurz zu seinem Gefährten schielt, ist er sich fast schon sicher: Der guckt ja wie ein Verrückter, wirklich.

Dein Onkel, Woltónos, den ihr ja heute treffen wollt…“

Nemetos verschlägt es den Atem: Woher kennt dieser Hirsch seinen Onkel? Was geht hier vor? Doch als er jetzt dem Untier eine Fangfrage stellen will, fährt die Traumerscheinung in Tiergestalt auch schon fort:

hat schon lange eine große Wut auf Sardonios, den Herrn der Namen und Zahlen im großen Palast, vom Minos ganz zu schweigen. Woltónos könnte zusammen mit euch den Minos und seine neue Frau, diese…“ und da zögert der Grummelhirsch, als habe er sich verschluckt, als bliebe ihm das Wort im Halse stecken, als…

diese Europa“, kommt es dann unerwartet laut und klar aus seinem Maul geplumpst, „aus dem Wege räumen. Eine neue Zeit könnte anbrechen, in der ihr drei dann wichtige Rollen spielt, versprochen.“

Die Stille nach dieser kurzen Rede des Hirsches ist fast erdrückend schwer. Sie lastet auf den beiden Männern wie Marmorsäulenstümpfe, die man ihnen auf die Brust gelegt hat, um ihnen alle Rippen zu brechen, um sie umzubringen.

Thórtys findet als erster wieder Worte; doch da fällt das schillernde Schlangenschlingenhirschbild verglimmend in sich zusammen. Nichts bleibt davon übrig, nur das Schweigen der fortgeschrittenen Nacht.

Hast du auch gesehen, was ich gesehen hab, Nemetos?“ stottert er immer wieder schluckend.

Was, was hast du denn gesehen?“ zischt Nemetos unwirsch zurück.

Frag doch nicht so blöd. Den Hirsch und sein Schlangenprogramm, was denn sonst?“

Dann ist es lange unangenehm still. Im Osten scheint sich schon der Sonnengott aufzumachen zu seinem täglichen Ritt über den noch dunklen Himmel, im Westen der Insel aber ist alles noch unwirklich still und kalt.

Schließlich rappeln sich die beiden ächzend auf. Sie wollen Woltónas finden, bevor der mit seinen Ziegen aufbricht. Was wird er zu dem sagen, was sie gerade gehört haben?

27 Apr

Europa – Mythos # 79

Eine unheimliche Erscheinung mitten in der Nacht.

Zeus schläft sehr unruhig auf seinem Nachtlager. Er ist völlig allein auf dem Olymp. Die Familie ist zu Feierlichkeiten unterwegs. Es plagen ihn Albträume. Er schreckt schweißgebadet hoch. „Hera!“ ruft er ängstlich, „Hera, wo bist du denn?“ Da wird ihm erst klar, dass ja alle unterwegs sind. Nun gut, denkt der Göttervater beleidigt, was ihr könnt, kann ich schon lange. Denn gerade geht ihm wieder eine seiner genialen Ideen durch den Kopf. Er wollte doch die zwei Flüchtlinge für sich und seine Pläne gewinnen, um Europa so bald wie möglich, so schlimm wie nötig zu bestrafen. Genau. Ächzend wälzt er sich aus seinem Vlies, schnallt sich seine Flugsandalen an (die natürlich tausendmal besser sind als die von Hermes!) und eilt auf dem kürzesten Weg in den Westen der Insel Kreta, wo diese Europa ihn so schmählich hat sitzen lassen – in der Höhle neulich.

Krumm an einen Felsbrocken gelehnt schnarchen Nemetos und Thortys vor sich hin. Wunderschöner Sternenhimmel über ihnen, ein fahler Mond beleuchtet spärlich die Schläfer. Zeus schaut sie sich genau an: Zerschundene Hände, nackte Füße mit dicker Hornhaut, wirres Haar, in stinkende Stofflappen gehüllt und dicke Bäuche haben sie natürlich auch. Wie er selbst, stellt er grinsend fest, wie er selbst. Und wie stell ich das jetzt am besten an? Zeus wundert sich mal wieder über sich selbst. Er hat doch schon eine Idee.

Als erster schreckt Nemetos aus dem Tiefschlaf. Kracht mit dem Hinterkopf gegen den Fels, als er abhauen will. Das schmerzt sehr. Mehr aber schmerzt noch der Anblick direkt vor ihm: bläuliche Lichtschlangen steigen da auf und nieder, verschlingen sich ineinander, lösen sich wieder und fließen lautlos und blendend um einen weißen Riesenhirsch, der ihn finster anstarrt. Nemetos zittert heftig, seine linke Hand wandert zuckend zu seinem immer noch schnarchenden Kumpel hinüber. Der wacht grunzend auf und will gerade losbrüllen, weil Nemetos ihn aus dem Schlaf gerissen hat, als auch er sieht, was Nemetos sieht. Der Schrei bleibt ihm im Halse stecken. Das muss er träumen, denkt er sich, das kann nicht wahr sein. Aber schon werden beide eines besseren belehrt.

Der weiße Riesenhirsch starrt sie nicht nur weiter an – das riesige Geweih auf seinem Kopf schwankt dabei drohend hin und her- sondern er fängt an, röchelnde Töne von sich zu geben. Dabei läuft ihm der Geifer die Lefzen herunter. Jetzt macht er auch noch einen Schritt auf sie zu. Den beiden ist klar, dass ihr letztes Stündchen gekommen ist. Kreidebleich warten sie auf ihr eigenes gewaltsames Ende und auf den Angriff des Ungeheuers. Der Mond spiegelt sich milchig in seinen wässrigen Augen. Und das Lichtschlangenschauspiel will auch nicht enden. Nebelschwaden schweben drum herum. Außer dem grunzenden Röcheln ist nichts zu hören. Dann beginnt das Biest auch noch leise, sehr leise zu flüstern.

26 Mrz

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 78

Auf der Flucht vor Menschen und Göttern

Nemetos hastet über Stock und Stein, hechelnd hinterher sein Freund aus guten Tagen, Thortys. Die Angst steckt beiden in den Knochen. Die untergehende Sonne scheint sie von Westen her rot und hämisch zu begrüßen. Kommt nur, ihr zwei Schlaumeier, in Hesperien werdet ihre goldene Äpfel finden. In ihren Ohren klingt es wie purer Hohn. Ob sie jemals so weit kommen werden? Und nur nicht umdrehen! Der Herr der Zahlen und Namen hat bestimmt schon erfahren, wie jämmerlich sie versagt haben. Sicher schickt er schon seine Häscher los, sicher.

Jetzt lass dich nicht so hängen, wir müssen schneller machen!“ ruft Nemetos keuschend nach hinten. Thortys im Wechselbad von Wut, Angst und Selbstbetrügereien hält dagegen:

Weißt du denn überhaupt, wie wir da hin kommen, zu deinem Schafonkel?“

Nemetos traut seinen Ohren nicht. Macht der Witze, will der wieder alles besser wissen? Ob sie einen brauchbaren Schlafplatz finden werden?

Oben im Olymp sitzt Zeus, der zornige Obergott, alleine auf seinem Flies und legt sich gedankenschwer neue Rachepläne zurecht. Denn seine Idee, zum Frühlingsfest die Tanzfeier der Priesterinnen zu stören, um Europa doch noch so richtig zu schaden – dieser undankbaren Prinzessin – scheint ihm immer wieder als zu schwach, als zu wenig vernichtend, wenn auch seine zwei Brüder lauthals zugestimmt hatten. Hatten sie das überhaupt? Zeus hat es schon vergessen. Ist ja auch egal. Als er jetzt die beiden erfolglosen Attentäter über das Hochland seiner Lieblingsinsel laufen sieht, kommen ihm gleich neue Ideen für einen vielleicht erfolgreicheren Plan, Europa aus dem Weg zu räumen und alle Frauen für immer zu bestrafen für diese Kränkung, die ihm von Europa angetan wurde: Warum nicht diese beiden Angsthasen dazu benutzen? Gute Idee, denkt Zeus, selbstzufrieden. Sollte er seine Brüder miteinbeziehen? Da erlöst ihn ein gnädiger Mittagsschlaf von seinen quälenden Gedanken. Und schon echot sein Schnarchen durch den hellhörigen Olymp.

Keine Höhle, nirgends. Zu blöd aber auch. Nemetos und Thortys sind nicht nur müde vom Laufen, sie haben auch Hunger. Schließlich geben sie die Suche nach einem sicheren Schlafplatz auf, legen sich einfach hinter einen klobigen Felsbrocken und schlafen sofort ein.

Im Palast hat sich Sardonios, der Herr der Zahlen und Namen, auch schon einen feinen Plan ausgedacht, wie der zufällige Unfall seiner beiden Gefolgsleute, Nemetos und Thortys, bewerkstelligt werden könnte. Ihre beiden Frauen, Sarsa und Belursa, wird er als Werkzeuge benutzen. So wird niemals auch nur der leiseste Verdacht auf ihn zurückfallen können. Jetzt wartet er auf die beiden Priesterinnen, um sie in seinen Mordplan einzubauen. Die Ahnungslosen. Sardonios strotzt wieder vor Selbstvertrauen. Und wieder steigt ihm seine Macht zu Kopfe. Ein berauschendes Gefühl. Ein Genuss, lustvoll ohne Ende.