02 Jul

Europa – Mythos # 82

Wie Europa ungewollt im Tempel Zeugin eines Zwiegesprächs wird

Es ist still geworden im Tempel der großen Göttin. Die Hitze draußen zwingt alle ins Dämmerlicht der Klausen, wo die Priesterinnen nun für sich sind und ihren Tagträumen nachhängen oder in aller Stille einfach beten oder schlafen. So auch Europa. Sie spricht mit ihrem Kind unter ihrem Herzen.

Sie unbesorgt, ich werde dich von Anfang an zu schützen wissen. Der Minos von Kreta wird ebenfalls seine schützende Hand über dich halten.“

Dabei streicht sie sanft mit ihren Händen über ihren Bauch, um auch so dem kommenden Kind Wärme und Zärtlichkeit zu senden. Wie von selbst wandern ihre Gedanken aber wieder weiter: Zu ihrer Begegnung mit dem Fremden, der Nacht mit ihm in der Höhle hier auf Kreta, ihrer Flucht am Morgen und ihrer Rettung durch die Fürsorge von Chandaraissa, der Hohenpriesterin. Sie lieben sich. Ein neues Gefühl für sie, das sie stark macht, das ihr wie ein unverhofftes Geschenk der großen Göttin vorkommt und das beschwingt und heiter stimmt – trotz der eigenartigen Vorkommnisse heute bei der Tanzprobe. Und ihre innere Stimme sagt ihr ganz deutlich, dass da jemand ihr schaden will, dass sie auf der Hut sein muss. Und plötzlich holt sie eine unwirkliche Unruhe aus ihrem Tagtraum. Sie steht auf, geht leise auf den langen Flur, in dem sich luftig leichte Staubtänzer wie kleine Glitzervögel auf und ab zu bewegen scheinen. Ein Zauberbild eleganter Bewegungen und lautloser Musik. Barfuß schlendert sie ziellos an den Zellen der Priesterinnen entlang. Von irgendwo weht Flügelgeflatter an ihr Ohr. Europa weiß selber nicht, warum sie jetzt an dieser Ecke steht und lauscht. Auf was? Auf wen? Hört sie jetzt auch schon Stimmen, wo keine sind? Ein Kichern holt sie zurück in den heißen Nachmittag. Das will gar nicht enden, das Kichern. Als sie vorsichtig um die Ecke schaut, sieht sie die zwei tuschelnden jungen Priesterinnen. Sie scheinen sich völlig alleine zu fühlen. Unbefangen umarmen sie sich, küssen sie sich, kichern, seufzen. Ein schönes Bild. Sarsa und Belursa. Ob Chandaraissa und ich je so sein können, fragt sich Europa.  Sie sehnt sich so sehr nach Nähe. Jetzt hört sie auch, was die beiden beim Kichern für Wörter flüsternd austauschen:

Die waren aber auch wirklich zu komisch oder?“

Komisch, ich fand, die waren völlig durcheinander. Als wenn sie Angst gehabt hätten.“

Angst? Stimmt, jetzt seh ich es auch. Thortys hat ganz eigenartig gestottert. Das war gar keine Verlegenheit, das war Angst.“

Aber wovor?“

Frag mich was Besseres, Nemetos hatte sogar eine Waffe unter seinem Gewand.“

Hatten die etwas vor, das schief gelaufen ist oder warum diese Angst in ihren Augen?“

Wieder beginnen sie zu kichern. Aber Europa reimt sich gleich zusammen, was die Ursache für die Angst der beiden Männer gewesen sein könnte.

26 Mai

Europa – Mythos # 81

Wie Woltónos die Flüchtlinge empfängt

Seine Tiere hatten eine unruhige Nacht. Doch es war weder Vollmond, noch hatte er schlecht geträumt. So schaut Woltónos jetzt etwas ratlos in den strahlenden Morgen. Er sitzt wie immer und jeden Morgen auf seinem Lieblingsstein und schaut über seine große Schafherde hin. Oben – wie immer – ziehen die zwei Seeadler ihre lautlosen Bahnen – bald werden seine beiden Söhne ihm Brot und Käse bringen und Milch. Ein Tag wie jeder andere. Fast. Wenn da nicht die zittrigen Beine seiner Tiere wären. Droht Gefahr? Was war los mit ihnen in dieser Nacht? Oder spüren auch sie seinen Unwillen mit seiner Rolle hier im Westen der Insel? Er muss über sich selber lachen: Als wenn diese dummen Tiere mehr könnten als nur fressen, trinken, sich gegenseitig ärgern und sich fortpflanzen! Machen wir Menschen es nicht genauso? Woltónos nickt breit grinsend. Ihn ärgert es immer noch, dass dieser Sardonios, der sich hochtrabend der Herr der Namen und Listen nennt, ihn vor Jahren beim Minos verpfiffen hat. Vielleicht wäre sonst er jetzt die rechte Hand des Minos oder zumindest sein Mundschenk oder Anführer der Palastwache.

Da holen ihn zwei Figuren aus seinen dumpfen Überlegungen. Wer könnte das sein, so früh am Morgen, hier? Dann erkennt er sie: Nemetos und sein Kumpel, dieser kurzhirnige Thórtys. Mit der linken zerdrückt er zwischen Daumen und Mittelfinger ein paar Thymianblättchen, holt mit einem starken Atemzug den frischen Duft in seine Nase und mit der rechten umfasst er kraftvoll seinen Weidestab. Die kommen mir gerade recht, denkt er grinsend. Nemetos winkt ihm von weitem zu. Er hat ihn erkannt. Im Näher Kommen ruft er freudig:

Woltónos, deine Herde ist ja mächtig gewachsen! Da staun ich aber!“

Woltónos stutzt. Was ist das denn für eine Begrüßung? Was will der denn wirklich? Was ich will, das weiß ich jetzt. Seine Schafe laufen verängstigt davon. Woltónos pfeift sie gleich wieder zurück, winkt den beiden gönnerisch entgegen, erhebt sich umständlich und hört sich dann Sätze sagen, von denen er bis jetzt selber noch nichts wusste:

Die Götter schicken dich, Nemetos, da bin ich mir ganz sicher. Ich habe diese Nacht davon geträumt.“

Jetzt umarmen sich die Männer erst einmal kräftig, dann fragt Nemetos seinen Onkel:

Geträumt? Du hast geträumt?“ Woltónos nickt. Nemetos und Thórtys schauen sich irritiert an. Man setzt sich. Da kommen auch seine beiden Söhne dazu.

Vater, Mutter lässt ausrichten, dass der Käse alle ist. Du sollst in die Käserei kommen. Wir beide sollen so lange auf die Schafe aufpassen.“

Die drei Männer lachen laut, schlagen sich die Hände auf die Schenkel, fallen über das Brot, den Käse und die Milch her, als hätten sie seit Tagen nichts Essbares mehr gehabt, während die beiden Jungen gierig zu- schauen. Doch ihr Vater schickt sie zu den Tieren.

Los, geht da rüber, wir hier haben Wichtiges zu besprechen!“

05 Mai

Europa – Mythos # 80

Zeus, der alte Hirsch, sät weiter Zwietracht

Nemetos, zitternd vor Kälte und schweißnass vor Angst und Schrecken, klammert sich – wie ein kleines Kind an die Mutter – an Thortys, der noch gar nicht richtig erfasst, was er da hört und sieht. Er meint, er träumt. Was denn sonst? Aber er irrt sich gewaltig. Wir wissen es. Klar. Aber die beiden? Sie kommen sich völlig verloren, verraten und verkauft vor, hier unter freiem Himmel auf ihrer Heimatinsel, Kreta.

Wenn ihr tut, was ich euch vorschlage“, beginnt nun der Riesenhirsch zu grummeln, „dann werdet ihr rosige Zeiten sehen, rosige Zeiten.“

Nemetos – immer noch geblendet von dem Schlangenlichtglitzergerangel vor seinen müden Augen – traut seinen Ohren nicht. Ein sprechender Hirsch? Bin ich jetzt verrückt geworden? Und als er kurz zu seinem Gefährten schielt, ist er sich fast schon sicher: Der guckt ja wie ein Verrückter, wirklich.

Dein Onkel, Woltónos, den ihr ja heute treffen wollt…“

Nemetos verschlägt es den Atem: Woher kennt dieser Hirsch seinen Onkel? Was geht hier vor? Doch als er jetzt dem Untier eine Fangfrage stellen will, fährt die Traumerscheinung in Tiergestalt auch schon fort:

hat schon lange eine große Wut auf Sardonios, den Herrn der Namen und Zahlen im großen Palast, vom Minos ganz zu schweigen. Woltónos könnte zusammen mit euch den Minos und seine neue Frau, diese…“ und da zögert der Grummelhirsch, als habe er sich verschluckt, als bliebe ihm das Wort im Halse stecken, als…

diese Europa“, kommt es dann unerwartet laut und klar aus seinem Maul geplumpst, „aus dem Wege räumen. Eine neue Zeit könnte anbrechen, in der ihr drei dann wichtige Rollen spielt, versprochen.“

Die Stille nach dieser kurzen Rede des Hirsches ist fast erdrückend schwer. Sie lastet auf den beiden Männern wie Marmorsäulenstümpfe, die man ihnen auf die Brust gelegt hat, um ihnen alle Rippen zu brechen, um sie umzubringen.

Thórtys findet als erster wieder Worte; doch da fällt das schillernde Schlangenschlingenhirschbild verglimmend in sich zusammen. Nichts bleibt davon übrig, nur das Schweigen der fortgeschrittenen Nacht.

Hast du auch gesehen, was ich gesehen hab, Nemetos?“ stottert er immer wieder schluckend.

Was, was hast du denn gesehen?“ zischt Nemetos unwirsch zurück.

Frag doch nicht so blöd. Den Hirsch und sein Schlangenprogramm, was denn sonst?“

Dann ist es lange unangenehm still. Im Osten scheint sich schon der Sonnengott aufzumachen zu seinem täglichen Ritt über den noch dunklen Himmel, im Westen der Insel aber ist alles noch unwirklich still und kalt.

Schließlich rappeln sich die beiden ächzend auf. Sie wollen Woltónas finden, bevor der mit seinen Ziegen aufbricht. Was wird er zu dem sagen, was sie gerade gehört haben?