21 Jan

Fabeln – Neue Serie 2019 – Leseprobe # 2

Fabeln aus dem wohlig warmen Urwald von Jonathanien # 6

Aus dem Blätterwirrwarr stürmt ein riesiges Nashorn. Wildepu und Thói sind ganz blass vor Angst und Schrecken. Im nächsten Augenblick wird dieser riesige Fleisch- und Panzerberg samt Horn auf sie los stürmen und ihr letztes Stündchen hat geschlagen.

Brururururu – kommt es aus seinem Maul, mit einem Vorderbein scharrt es im Urwaldboden. Dann fängt das Riesentier zu reden an:

Was guckt ihr so blöd? Habt ihr noch nie ein Nashorn gesehen?“

Sie schütteln beide den Kopf und denken, vielleicht wird es ja doch nicht so schlimm wie befürchtet.

Warum knurrst du denn so böse?“ fragt Wildepu vorsichtig.

Böse? Ich knurre böse? Soll ich mal böse knurren?“ dabei scharrt es noch lauter mit seinen Vorderhufen.

Nein, nein – wir dachten nur, dass du…“ „So, so, ihr dachtet nur. Da kann ich ja nur lachen. Außerdem habe ich überhaupt keine Zeit, mit euch hier rumzuquasseln. Ich suche diese Piratenbande, die haben nämlich…“

Wildepu und Thói können es gar nicht fassen. Sie wollen ja auch gerade zu der Piratenbande.

Ach so“, sagt Wildepu nun echt erleichtert. „Wir wollten auch gerade losgehen, die Piratenbande zu finden. Thói nickt eifrig hinterher. „Stimmt!“ fügt Thói noch schüchtern an.

Das Riesentier ist völlig verblüfft. „Echt? Ihr wollt auch da hin? Warum gehen wir dann nicht zusammen?“

Thói fasst all seinen Mut zusammen und fragt schließlich ganz freundlich:

Könntest du uns vielleicht auf deinem breiten Rücken mitnehmen?“

Klar. Wenn es weiter nichts ist, steigt nur auf. Wir sollten keine Zeit verlieren, wenn ihr mich fragt.“

Wildepu und Thói haben das Gefühl, dass sie gerade träumen. Eben erst glaubten sie, ihr letztes Stündchen habe geschlagen und jetzt bekommen sie sogar noch eine kostenlose Mitfahrgelegenheit. Da geht der Riese mit seinen beiden Vorderbeine auch schon in die Knie, damit Wildepu leichter aufsteigen kann. Vorsichtig hat sie sich Thoi, die Eidechse auf die rechte Schulter gesetzt und klettert furchtlos an dem grauen Riesen hoch. „Und wie heißt du denn eigentlich?“ fragt Thói leise.

04 Jan

Fabeln – Neue Serie 2019 – Leseprobe # 1

Fabeln aus dem Tal, in dem Carlorosso, der Zauberer, wohnt.

Die alten Bäume stehen staunend, summend und sich leise wiegend um die kleine Lichtung herum. Zwei wuschlig-braune Eichhörnchen schauen vorwitzig zu und kichern ordentlich drauf los. Wedeln kühn und zuckig mit ihren buschigen Schwanzwedeln hin und her, dass den fleißigen Bienen und stürmischen Libellen ganz schwindlig wird – so flirrt und sirrt die Luft dabei.

Carlorosso, der Zauberer, und Bluntlflugl, sein Freund, schauen voller Neugierde auf das bunte Vogelteppichmuster. Neben ihrem Picknickkorb hatten die großen und kleinen Vögel mit ihrem prächtig bunten Gefieder – wie gewünscht – ein Bild in die Wiese gezaubert:

Es ist ein Zirkuszelt, ein bunt gestreiftes Zirkuszelt!“

Die beiden zappelnden Eichhörnchen hören es da oben auch.

Hä? Ein Birkenfeld?“

Ratlos schauen sich die beiden an. Da fliegt kurzerhand Bluntlflugel zu ihnen hoch und wispert leise über ihnen auf der Stelle flatternd:

Ein Zirkuszelt, ein Zirkuszelt!“

Ach so“, lachen die beiden Eichhörnchen, „gibt es da auch eine Elefantennummer?“ Hihihi….

Buntlflugl versteht gar nicht, warum die beiden so lachen.

Hey, wo bleibst du denn?“ ruft von unten Carlorosso seinem Freund hoch.

Tschiwi-diwi-tschum – und schon ist der Schmetterling im Sturzflug zurück.

Von da oben sieht das Zirkuszelt noch viel schöner und größer aus!“ meint Bluntlflugl ganz begeistert.

Da schwirren die Vögel aber bereits wieder durch die Luft. Sie wollen schon das nächste Bild in die Wiese zaubern. Aber da kommt etwas Unerwartetes dazwischen.

Ein stolzer Hirsch tritt auf die Lichtung. Alles hält den Atem an. „Was ist denn hier los? Und wer bist denn du, kleiner Mann?“

Carlorosso weiß zuerst gar nicht, was er sagen soll. Er hat nämlich noch nie so ein großes Tier mit so einem riesigen Geäst auf dem Kopf gesehen.

Langsam kommt der Hirsch stolz und mit breiter Brust näher und näher, er wird dabei größer und größer.

Vorsicht! Bitte, tritt nicht auf unseren Picknickkorb, bitte!“ ruft Carlorosso sorgenvoll. Da neigt Härmänknörr – so heißt nämlich der Hirsch – bedächtig sein schweres Haupt und sieht all die Köstlichkeiten. Das Wasser läuft ihm gleich becherweise im Mund zusammen. Und schnapp-la-wapp-la-apflabaff – schnappt der sich einen verlockend rotbäckigen Apfel.

He, du! Kannst du nicht fragen, wenigstens oder so?“

Auch Bluntlflugl ist ganz aufgebracht und flattert huschi-wuschi-weidelei in steilen Kurven rauf und runter, rauf und runter – husch-di- wusch.

Härmänknörr aber dreht sich einfach bräsig um und stakst steif davon. Doch da hat er Carlorosso, den Zauberer, aber bös verkannt. Der ballt rucki-zucki seine kleinen Fäustchen und zischt seinen Zauberspruch gleich hinterher:

Hokuspokus, Carlósimus, dreimal bunter Vater… aus dem saftigen Apfel wird ein riesen Kater!“

Da erschrickt Härmänknörr aber heftigst. Lässt seine zappelnde Beute sabbernd sofort fallen und läuft in den grinsenden Wald hinein. Die alten Bäume stehen da, als würden sie heimlich Beifall klatschen: bravi-bravo-carlissimo…

Hegadom, der schwarze Kater, faucht böse hinter dem diebischen Hirsch her und macht einen großen, gefährlichen Buckel dazu:-fauch-mauz-bauz-zerkratz dich auch…!

Die vergnügten Vögel, die aus den Wipfeln der alten, lachenden Bäume alles genau beobachtet hatten, klatschen piepend und heftig mit ihren Flügeln schlagend Beifall:

Bravo, Bravo, Carlorosso! Der wird so schnell nicht wiederkommen!“

Der kleine Zauberer freut sich auch. Lachend streckt er beide Arme aus, seine dunklen Augen strahlen voller Glück und sein Freund, der Schmetterling, landet übermütig auf seiner kleinen Nase.

Und was machen wir nun?“ fragt Carlorosso zufrieden mit seinen Zauberstücken.

Ich hätte jetzt eine Idee!“ wispert Bluntlflugl. „Du musst aber raten.“

Ich?“ Carlorosso, der Zauberer, weiß sich aber gleich zu helfen. Wenn man schon ein Zauberer ist!

Schnell ballt er wieder seine kleinen Fäustchen (so dass Bluntlflugl es nicht sieht) und sagt schnell und leise nur für sich:

Hokuspokus, Carlósimus, dreimal bunter Vater … nach dem Kater bin ich der Rater!“

Und schon weiß er es.

Tschiridi-tschiridö – zwei Elstern fliegen streitend über die kleine Lichtung, machen einen Heidenlärm dabei. Hegadom, der Kater, der noch gar nicht weiß, wo er eigentlich ist, huscht verschreckt davon und : „knurr-durr-murr-durr-haut ja ab!“ hüpft er hastig in den schützenden Wald hinein.

Ich mache mich am besten erst einmal aus dem Staub – muss nachdenken, was hier eigentlich los ist. Was für ein Theater wird da auf der Lichtung gespielt, warum läuft der blöde Hirsch sabbernd davon, was soll das Gekreisch der nervigen Elstern? So viele Fragen – da könnte er glatt Kopfschmerzen bekommen, denkt Hegadom. Und weg ist er. Vorerst!

Und da rutschen auf einmal alle aus der Lichtung – wie von Zauberhand geschubst – einen langen Sandstrand hinunter:

Das Meer, das Meer!“ jubelt Carlorosso.

Juchhu, wir sind am Meer“, stimmt auch Bluntlflugl ein. Aber eigentlich schmollt er jetzt ein bisschen. Es war doch seine Idee gewesen. Wieso konnte Carlorosso es so – mir nichts, dir nichts – erraten?

Aber da – schuwu – duwu – schwibbelschaum – passiert es auch schon…