19 Apr

Europa – Verraten und verkauft (Meditation # 37)

Geht es auch ein bisschen konkreter?

Nach den eher allgemeinen Gedanken zu Geschichte und zum Selbstverständnis der Europäer in der letzten Meditation (# 36) ist der Ruf nach konkreten Beispielen nur zu verständlich. Und damit die Beispiele auch nicht zu groß und allgemein geraten, soll statt Angst Machen (denn das und nichts anderes hat ja die EU-Seite als Dauerbrenner auf der Platte) nun eine überschaubare Gruppe von Menschen vorgestellt werden, die sich sehr wohl als veritable Europäer verstanden wissen wollen, nicht aber als Befürworter des EU-Bürokratie-Monsters.

Sie haben keine Angst vor der Zukunft, sie haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.

Sie wohnen mehr oder weniger mitten in Europa.

Sie sind etwas weniger als fünfzig Haushalte mit einer Agrargenossenschaft und zwei Gewerbegebieten.

Also schön überschaubar, man kennt sich, man hält zusammen und schaut sich auf die Finger.

Um Geld zu sparen, investiert jeder Haushalt 1500 Euro in eine autarke Energieversorgung, eine Investition, die spätestens in sieben Jahren amortisiert sein wird.

Also hat man auch ein eigenes Interesse an schwarzen Zahlen, nicht an Korruption.

Sie setzen auf regenerative Energien (Wind, Sonne und Biomasse) und Synergieeffekte, man schafft so neue Arbeitsplätze vor Ort und Aufträge für die ortsansässigen Handwerksbetriebe.

Man will sich nämlich unabhängig machen von den großen Energieanbietern.

Und es gelingt.

Man redet abends in den Kneipen über den Stand der Dinge, streitet engagiert über alternative Konzepte, einigt sich auf Kompromisse. Die positiven Veränderungen sind für jeden sichtbar, jeder hat seine Karten mit im Spiel, ja, auch sein Geld.

Längst hat man das Gefühl, sein Geld gut angelegt zu haben – vor Ort eben und nicht in Panama.

Und mit den Jahren wächst der Stolz, das Wir-Gefühl, die Gewissheit, dass es geht – ohne Angst Machen und ohne Bevormundung von irgendwelchen Gremien irgendwo.

So weit ein kleines Beispiel für einen großen Plan. Denn so oder so ähnlich können sich Haushalte zwischen hundert und fünfhundert überall in Europa gut koordinieren, kontrollieren und solidarisieren. (So etwas funktioniert auf dem Land genauso gut wie in der Stadt; da sind es dann eben selbständige Stadtteile) So bedarf es keiner langen Wege, denn Selbstverwaltung und Selbstversorgung funktionieren auf dem kleinen Dienstweg wie geschmiert. Für die verbleibenden überregionalen Themen sind immer noch genügend Raum und Koordinierungsnotwendigkeiten übrig, aber das Herzstück wäre eben die kleine überschaubare Lebenswelt von Familien und Nachbarn, die mit Hilfe direkter Demokratie ihre hausgemachten Probleme eben selber lösen. Sie pflegen so ein vielleicht positiveres Politikverständnis, weil sie sich nicht verraten und verkauft vorkommen müssen. Die Arbeitsteilung zwischen vielen kleinen Selbstverwaltungssystemen und wenigen großen Politikfeldern, die weiter über streng kontrollierte Vertreter erledigt werden müssen, könnte sicherstellen, dass sich die Ränder nicht verselbständigen, korrumpieren lassen und so größeren Schaden anrichten als Nutzen zu erzeugen.

Wer weiß, wer gemeint ist und wo diese Gemeinschaft von Menschen so erfolgreich ihren Lebensraum zu kontrollieren und zu gestalten versuchen? (Denn dieses Konzept gibt es wirklich, ist keine reine Kopfgeburt!)

Und könnten aus solchen oder ähnlichen Modellen nicht europaweit zahllose Netze von erfolgreichen Gemeinden entstehen, die übers Netz ihre Themen, Fragen, Erfolge und Probleme miteinander bereden? Und könnten sie nicht gerade aus den jeweiligen Besonderheiten – den geographischen, historischen und kulturellen – interessante Varianten entstehen lassen, die viel mehr Kreativität freisetzen würden als jede Vereinheitlichung mit ihren planierenden Nivellierungskonzepten?

18 Apr

Europa – Verraten und verkauft? (Meditation # 36)

Europa auf dem besten Weg ins eigene Vergessen?

Wie stolz waren die Europäer doch als Entdecker, als Kolonisatoren, als Entwicklungshelfer gewesen! Dann die beiden Weltkriege, die jedem humanen Gedanken Hohn spotteten. Es ging um Rohstoffe, um Absatzmärkte, um Handelsvorteile – mit nationalistischen und rassistischen Parolen ließen sich die Völker jahrelang vereinnahmen für Opfer und Tod. Im Schauder vor der eigenen Bereitschaft den anderen völlig zu vernichten, stimmte man nach 1945 gleich in den großen Chor „Nie wieder Krieg!“ ein. Aber die Gewalt kleidete sich bald einfach in neue, schillerndere Gewänder. Und nun? Verunsicherung, Wut, Schuldzuweisungskampagnen en masse…als ginge die Welt unter:

Jugendarbeitslosigkeit, Kriminalität, Korruption, Drogenkartelle,

Zerstörung der Umwelt, Vergiftung der Luft, Armut noch und noch.

Dabei geht es vielleicht aber nur um ein Erwachen aus einem falschen Traum: Europa sei – wie das Licht der Aufklärung – die Fackel des Fortschritts, Wohlstands und des individuellen Glücks all überall. Als Echo überholten sie dabei bald die Freunde jenseits des Atlantiks mit ihrem Motto von dem manifest destiny, dem festen Glauben,

der christliche Gott habe den weißen Mann dazu auserwählt, die gesamte Welt

mit seinem Wirklichkeitsentwurf zu missionieren und zu beglücken.

Die Globalisierung möchte nun noch einmal mit diesem Glauben Erfolge feiern. Aber die Ernüchterung nach so viel falschem Optimismus bei so vielen, die heute ärmer sind als vor 60 Jahren, ist größer denn je. Wie ein letzter Rettungsanker kommt da die Zauberformel TIPP daher – sie schaffe neue Arbeitsplätze, neuen Wohlstand, mehr Reichtum: „Wenn erst die USA und die EU ein solches Abkommen geschlossen haben, werde es ganz sicher wieder aufwärts gehen – hüben wie drüben!“ lautet die Botschaft, (schließlich geht die Schere zwischen arm und reich dort genauso rasant weiter auseinander wie hier) die wie ein Mantra unters Volk gespült wird. Es gäbe keine Alternative dazu – es sei denn, Niedergang, noch mehr Armut, letztlich vielleicht sogar wieder Krieg.

So sind die Angst-Texter dieser Tage höchst agil unterwegs, um die wütenden Menschen, die sich betrogen sehen, wieder einzusammeln.

Die Angst vor dem sozialen Abstieg wird da geschürt genauso wie die Angst vor Radikalisierung und Terror.

Was, wenn aber solcher Wachstums-Wirtschafts-Glaube solche Radikalisierung und solchen Terror erst begünstigt und schürt?

Und lassen sich die Europäer mit diesem Angst-Machen tatsächlich einsammeln?

Die nimmermüden Promoter könnten sich sehr geirrt haben. Denn die digitale Wolke mag viele Gefahren und Nachteile haben, einen Vorteil bringt sie jedenfalls unübersehbar: Die Menschen machen sich schlau, lachen über die Schlaumeier von Banken, Versicherungen, Börse, Meinungsumfrageinstituten und großen Parteien, denn die Skandale, Betrügereien und Korruptionsszenarien in Politik, Banken und Wirtschaft sprechen einfach eine zu deutliche Sprache.

Den Menschen in den verschiedenen europäischen Ländern wird auf einmal klar, dass sie der Litanei von mehr Wohlstand durch mehr Konsum auf den Leim gegangen sind, dass sie ihre eigenen historischen Besonderheiten leichtfertig über Bord geworfen haben zugunsten nivellierender Marken-Uniformität. Dass sie alle mitgeholfen haben, die eigenen Betriebe zu ruinieren, weil sie mehr und billiger haben wollten. Die Treuhand – was für ein schäbiger Euphemismus – lässt grüßen, um nur ein besonders markantes Beispiel aus Mitteleuropa zu nennen. Die Europäer lernen sich plötzlich ganz neu als Verwandte kennen: Als betrogene, verführte, getäuschte Völker. Und sie beginnen sich zu besinnen. Auf ihre je eigenen Kräfte und Besonderheiten. Das macht sie ganz anders solidarisch als bisher. Das Logo EU kommt darin gar nicht mehr vor. Die Fähigkeit sich zu erinnern, ist noch da, bezieht sich auf die gemeinsamen Wurzeln in Antike und Mittelalter. Allein schon die Erinnerung macht wieder Mut, denn aus diesen Quellen wuchs je Eigenes, Regionales, Überschaubares, Vertrautes. Etwas, das gar nicht in Zahlen oder Münzen angehäuft werden kann, etwas, das nur im gemeinsamen Vergewissern des Eigenen erlebt wird. Unverfälscht, aus der eigenen Geschichte gewachsen – es muss nur wieder neu erzählt werden, wieder neu gefühlt werden, als etwas, das unbezahlbar ist: Die eigene Identität aus der eigenen Geschichte der Familie, der Nachbarn, der Verwandten. Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft gehören da schon immer sowieso dazu.