28 Nov

Europa – Meditation # 299

OECD – Bildungsausgaben im europäischen Vergleich

Natürlich ist Bildung Ländersache, natürlich. Lässt man allerdings die Unterschiede in den einzelnen Bundesländern einmal beiseite, dann bleibt dennoch unter dem Strich nicht mehr als bloßer OECD-Durchschnitt übrig.

„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!“

Reiches Land, arme Kinder – zumindest in Sachen Schulen.

Oder soll es weiter nur das Privileg weniger sehr wohlhabender Familien sein, ihren Kindern in opulent ausgestatteten Internaten (die derzeit alle über eine starke Nachfrage begeistert sind) ein ganzheitliches Bildungsangebot zu ermöglichen?

Wie wäre es denn, liebe Eltern, wenn ihr alle mal zusammen mit euren Kindern am zweiten Adventssonntag abends massenweise auf der Autobahn auftauchtet – so viele könnte die Polizei gar nicht in Gewahrsam nehmen – meinetwegen auch mit zwei Kerzen ausgerüstet und Iglu-Zelten (die Organisation könnten die Landeselternbeiräte gerne übernehmen! Oder ? ) – und alle nur mit einem Plakat:

Wir verlassen diesen Ort erst wieder, wenn die neue Regierung zusagt, den

Bildungsetat auf mindestens 4,9 % im OECD-Vergleich heraufzusetzen!“

Gegen so einen Querschläger auf unseren Autobahnen wäre das quer stehende Containerschiff im Suez-Kanal bloß ein Klacks.

Gäbe das ein Chaos, wäre das ein Wendepunkt:

Endlich wäre es möglich, unsere Kinder in kleinen Klassen zu unterrichten,

endlich wäre es möglich, für alle in diesem Arbeitsbereich angemessene Bezahlung zu sichern,

endlich wäre es möglich, das alte Schulsystem für immer zu verabschieden,

endlich würde Pädagogik vom Kind her zu denken und zu praktizieren möglich,

endlich würden Lernhäuser gebaut, in denen unsere Kinder gerne ihre Zeit verbrächten

endlich verbrächten die Kinder ihre Lernzeit in einem ertragreichen Lernumfeld mit Gärten, mit zu betreuenden Tieren, Werkstätten und Theatern dabei und nicht in kasernenartigen Klötzen als akademisch getarnter Massenhaltungsvorgang!

Was, liebe Eltern, haltet ihr von diesem Vorschlag?

Er kostet nicht viel, wäre ein emotionaler Familienhöhepunkt, Ort für viele neue Bekanntschaften und Freundschaften – wie ein Picknick im Felde – und brächte die landes- wie bundespolitischen Politiker (alte wie neue) in unausweichlichen Zugzwang.

Die Solidarität, die in diesem – sicher mehrtägigen Kurzurlaub auf der Autobahn – entstehen würde, würde solche Kräfte im sozialen Umfeld freisetzen, dass man fast von einer weiteren friedlichen Revolution sprechen könnte, in der sich die Ordnungskräfte mit den Erziehungskräften friedlich und konstruktiv fürs ganze Land einen. Und so eine pädagogische Wende einläuten, die es unseren Kindern ermöglichen wird, optimistisch die dringenden Probleme auf unserem Planeten selbst engagiert und gut vorbereitet in die Hände zu nehmen!

28 Nov

Historischer Roman II – YRRLANTH – Leseprobe

Blatt # 142

Das unverhoffte Ende der schmerzvollen Stille.

Wie in einem Albtraum gefangen, so stehen sie alle da: Die fremden Krieger mit ihren bluttriefenden Schwertern auf der einen Seite und Rochwyn und seine Leute mit angehaltenem Atem auf der anderen Seite. Somythall drückt ihr wimmernden Töchterchen Sumil schützend an sich, als jetzt wieder Bewegung in das starre Angstbild kommt:

„David, geh ihnen bis zur Mitte der Lichtung vorsichtig entgegen. Sie kennen dich ja. Sie werden dir sagen, was sie mit uns vorhaben!“ flüstert Duc Rochwyn seinem Dolmetscher, einem der drei neuen Gefolgsleute aus Argentovaria, zu. Der nickt und geht los. Wytgos und Berolos stehen kampfbereit neben ihrem Duc. Sie wissen, dass ihr Ende naht.

Rochwyn und Ruth, die Amme, stehen schützen vor Mutter und Kind.

„Nur über unsere Leichen!“ knurrt der Duc zornig. Für einen Augenblick würde er gerne die ganze Reise mit diesem unseligen Abt und seinen Mönchen ungeschehen machen. Doch dann hätte er Somythall nicht kennen und lieben gelernt.

Da löst sich auf der anderen Seite der Anführer aus der wütenden Rotte seiner kampfbereiten Krieger. Domdardon. Inmitten der großen Lichtung steht er dann dem Dolmetscher zum zweiten Mal gegenüber und zischt seine Forderungen heraus. David nickt.

„Und? Was will er?“

Es ist Wytgos, der ihm das entgegen ruft.

„Wenn wir ohne unsere Waffen ihrem Baumgott geopfert haben, können wir gehen.“

Rochwyn schaut sich um. Alle warten ängstlich auf seine Antwort:

„Geh, sag ihm, wir tun, was er will.“

Wytgos und Berolos schnaufen wütend los, wagen aber nicht, ihre Stimme gegen ihren Duc zu erheben. Mürrisch nicken sie, als Rochwyn sie fragend anblickt.

„Legt eure Waffen ab und kommt, das ist unsere einzige Gelegenheit, mit dem Leben davon zu kommen. Alles andere wäre nur töricht und dumm. Ihr habt ja gesehen, was mit dem Abt und seinen Mitbrüdern geschehen ist. Sie sind in Überzahl.“

Dann wirft er seine Waffe fort und geht los. Seine Leute tun es ihm wortlos nach.

Auf der anderen Seite der Lichtung angekommen, haben die fremden Krieger eine Gasse gebildet, durch die sie direkt auf die große Buche zu gehen. Keiner spricht ein Wort, alle in lauernder Haltung. Rochwyn erhält jetzt eine hölzerne Schale, gefüllt mit Blut. Wessen Blut? Er will darüber nicht nachdenken.

Domdardon spricht ihn in drohendem Tonfall an, David übersetzt es dem Duc leise:

„Schütte dieses Blut über die Füße des großen Donar, er hat Durst!“

Rochwyns Leute bleiben stumm stehen, als ihr Duc nun verächtlich das Blut aus der Schale über die Wurzeln der großen alten Buche schüttet. Dann lässt er die Schale einfach fallen, dreht sich um, würdigt Domdardon keines Blickes und geht gemessenen Schrittes über die Lichtung zurück. Seine Leute hinter ihm.

„Los, nichts wie weg! Nachher überlegen die sich es noch anders!“ ruft er laut, steigt auf sein Pferd, während Somythall mit Sumil wieder in der Sänfte Platz nimmt und von seinen treuen Gefolgsleuten eskortiert wird. Stumm reiten sie durch den Buchenwalddom: Eine Schar fliehender Menschen, die gerade dem sicheren Tod entkommen sind.

Als im Westen die Sonne untergeht – die Wolken in ein fahles Blutrot getaucht – beschließt die aus Yrrlanth stammende Truppe zusammen mit den jüdischen Gefolgsleuten aus Argentovaria erst wieder Halt zu machen, wenn sie am Ufer des großen Rhenus angekommen sind. In einer Talsenke unterbrechen sie nur kurz diesen Gewaltritt, damit Somythall Sumil in aller Ruhe stillen kann. Ruth, ihre Amme, hatte darum gebeten, der Duc hatte sofort zugestimmt. In ihren Köpfen tanzen währenddessen die mörderischen Bilder vor dem Baumgott der fremden Krieger wie wild und nicht zu bändigen hin und her, hin und her. Das Zittern ihrer Hände verrät das zittrige Gezappel der sterbenden Mönche in ihren Köpfen, ob sie es wollen oder nicht, es kommt einfach ungebeten immer wieder. Auch das angstvolle Geschrei der wehrlosen Männer – so weit gereist um so erbärmlich zu enden – dröhnt ihnen in ihren frischen Erinnerungen laut durch und durch. So wird es ihnen noch lange auf ihrer Rückreise ergehen. Ganz abgesehen von den anderen Schicksalsschlägen, die noch auf sie warten. Wie der gemeine Nachtmahr in ihnen drin.

26 Nov

Europa – Meditation # 298

„Lernversagen schicksalhaft hingenommen?“

In einem Artikel in der FR vom Tage – Die Rückkehr der Pädagogik in die Schule – kreist Dr. Josef Hanel wieder und wieder um die altbekannten Stigmatisierungen, die seit vielen Jahren nun schon die Lernszene Europas traumatisiert: Was für furchterregende Begriffsmonster haben sich die Fachleute da nicht ausgedacht – ADHS oder Dyskalkulie oder oder…! Lauter massive Schubladen, in die jedwede Abweichung vom Standard-Lern-Muster bis heute versenkt wird. Hanel beschwört nun „…ein Schulsystem zu schaffen, das alle Anstrengungen darauf konzentriert, jedem Kind den bestmöglichen Unterricht in seiner Klasse zu erteilen.“

Wie oft schon wurden in der Endlosschleife der pädagogischen Gesundbeter Europas Reformen beschworen, Krisen aufgelistet – immer natürlich nur unter dem empathischen Obersatz: Pädagogik vom Kind her denken. Heraus kam und kommt auch wieder bei Hanel nichts anderes als alter Wein und längst sauer in neuen Schläuchen.

Wenn nicht begonnen wird, jedem Kind seine Zeit und seine Weise des allmählichen Begreifens zuzugestehen, dann werden es auch weiter wieder nur „erfolgreiche“, „weniger erfolgreiche“ und „unzureichende“ Lerngruppen oder Einzelschicksale sein, die sauber von einander getrennt in den jeweiligen Schubladen klassifiziert ordentlich aufbewahrt, verwaltet und benotet werden. Von ertragreichem Lernen keine Spur.

Dabei wäre ein horizontale und vertikale Lernumgebung* die dynamische Antwort auf die je individuelle Welterfahrung jedes begabten Kindes. Denn es gibt nur begabte Kinder – aber eben sehr unterschiedlich, so unterschiedlich, dass Klassenbildungen immer nur zu Verzerrungen führen können, die aus Sicht der Lehrenden wie angemessene Lernangebote daher kommen, an denen sich die Kinder verzweifelt abarbeiten. Und die Noten manifestieren dann die Verbannung in die jeweilige Schublade. Denn der schwarze Peter liegt selbstverständlich bei ihnen und nicht bei den Angeboten oder den Lehrenden. So schmilzt die Neugier der begabten Kinder nach und nach weg wie beste Butter an der unbarmherzigen Sonne. Die Pädagogen waschen ihre Hände in Unschuld. An ihnen kann es ja nicht liegen, ihr Engagement ist doch allzu offensichtlich!

* horizontale Lernumgebung – die Themen drinnen und draußen

vertikale Lernumgebung – jüngere und ältere Neugiercluster in einem

Raum