Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 176

Der Geist des Archaikos, des Minos von Kreta, meldet sich zu Wort.
Als hätten die Götter der Winde besonders schwere Wolkenbänke herbei schieben wollen, dräut es über Kreta am nächsten Morgen düster und böig frisch. Die Fischer wissen nicht, ob sie heute nicht lieber Netze flicken sollen, statt sich aufs Meer zu wagen, so dunkel sind Hafen und Berge ihnen vor Augen. Ungewöhnlich, so denken sie, sehr ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit. Hat das etwas zu bedeuten? Schlecht gelaunt tauschen sie im Hafenviertel ihre Meinungen aus, jeder weiß es besser, aber keiner kann den anderen überzeugen. Ob es mit dem Tod des Minos zusammenhängt? Oder mit dem Unglück, dass die Frau des toten Archaikos auf ihrer Fahrt nach Sidon zum Orakel ereilt hat? Gestern soll ein Eilbote angelandet sein. Hat der ihren Tod und den ihrer Söhne bestätigt? Aber warum ist es da oben im Palast so still? Und warum beginnt der Tag so wie ein nahendes Unwetter?
Aus dem Verlies des Minotaurus mitten im Park des Palastes dröhnt schon den ganzen Morgen wütendes Gebrüll. Was hat das zu bedeuten?
Chandaraissa, die Hohepriesterin, lässt die Magier rufen. Sie sollen deuten, was die Götter und die große Göttin den Kretern sagen wollen. Auch die Ratsherren kommen erneut zusammen. Sie wissen, dass die Botschaft aus Sidon ihren Plänen zuwider läuft. Was tun? Denn wenn Europa mit ihren beiden Söhnen lebend zurückkehrt, sind die Hoffnungen der Männer der Ratsrunde nicht mehr zu verwirklichen. Dennoch müssen sie die Worte der Magier abwarten.
Die drei Greise – hoch geachtet von allen – sitzen stundenlang im großen Tempel der Göttin, lassen sich immer wieder von Weihrauch umgeben, schweigen lange, flüstern manchmal, nicken oder schütteln mit ihren Köpfen, während die jungen Priesterinnen in den Seitenschiffen hinter den hohen Säulen neugierig alles genau beobachten und kommentieren. Schließlich erheben sich die drei sehr alten und gebrechlichen Männer, winken nach Chandaraissa und eröffnen ihr, was ihnen geoffenbart worden ist.
In Windeseile schwirrt auf den Straßen, den Gassen, zwischen den Häusern unten am Hafen und oben jenseits des Palastes ein Gerücht nach dem anderen durch den dämmrigen Tag, der den Kretern nach wir vor große Angst einflößt. Was werden die Magier zu sagen haben?
Jetzt sehen sie, wie die Hohepriesterin mit zwei ihrer Gefährtinnen zum Palast eilt. Das große Tor öffnet sich schnell und schließt sich noch schneller. Drinnen warten die Ratsherren in der Ratshalle auf Chandaraissa. Als sie angekündigt wird, verstummen die leisen Gespräche der Männer. Es ist dann Berberdus, der Vorsitzende des Rates, der mit großer Geste und kleiner Verbeugung die Hohepriesterin nach vorne bittet. Da wird es ganz still im Saal. Nur die Raben oben im Gebälk machen weiter ihren Flatterlärm, sonst aber warten alle gespannt auf das, was gleich zu hören sein wird.
„Hohepriesterin! Lasst uns hören, was die Magier im Tempel von unseren Göttern vernommen haben, sprecht!“ säuselt Berberdus mit seiner tiefen Stimme. Die Ratsherren nicken zustimmend. Die Spannung spürt Chandaraissa überdeutlich. Dennoch lächelt sie leicht, holt noch einmal tief Luft und sagt dann leise und eher tonlos, als wollte sie so deutlich machen, dass sie nur Sprachrohr ist und nicht selbst Sprechende: „Eine neue Epoche bricht an. Hoffnungsvoll. Nicht nur das Orakel von Sidon, nein, auch die große Göttin und die Götter der Kreter stehen dem Neuanfang helfend zur Seite. Europas Plan, ihre beiden Söhne zur Herrschaft zu begleiten, findet nur ihr Lob.“
Als die Hohepriesterin die Botschaft der Magier verkündet, sieht sie, wie in den Gesichtern, die eben noch von gespieltem Wohlwollen nur so zu strahlen schienen, nun eine aschfahle Enttäuschung Platz nimmt. Die Augen verengen sich, die Mundwinkeln ziehen sich selbst hinunter, die Lippen formen sich zu schmollendem Protest. Das Einziehen der Luft durch die Nasen der alten Ratsherren klingt fast wie ein bedrohliches Rauschen. Zygmontis will es einfach nicht glauben. Dabei wäre er doch der richtige, nächste Minos von Kreta, denkt er empört.
„Und sonst, sonst haben sie nichts gesagt, die Magier?“ entfährt es ihm grollend.
„Nein, mein lieber Zygmontis, nein, das war alles, was sie als ihnen geoffenbart mir mitgeteilt haben.“