08 Juli

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 176

Der Geist des Archaikos, des Minos von Kreta, meldet sich zu Wort.

Als hätten die Götter der Winde besonders schwere Wolkenbänke herbei schieben wollen, dräut es über Kreta am nächsten Morgen düster und böig frisch. Die Fischer wissen nicht, ob sie heute nicht lieber Netze flicken sollen, statt sich aufs Meer zu wagen, so dunkel sind Hafen und Berge ihnen vor Augen. Ungewöhnlich, so denken sie, sehr ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit. Hat das etwas zu bedeuten? Schlecht gelaunt tauschen sie im Hafenviertel ihre Meinungen aus, jeder weiß es besser, aber keiner kann den anderen überzeugen. Ob es mit dem Tod des Minos zusammenhängt? Oder mit dem Unglück, dass die Frau des toten Archaikos auf ihrer Fahrt nach Sidon zum Orakel ereilt hat? Gestern soll ein Eilbote angelandet sein. Hat der ihren Tod und den ihrer Söhne bestätigt? Aber warum ist es da oben im Palast so still? Und warum beginnt der Tag so wie ein nahendes Unwetter?

Aus dem Verlies des Minotaurus mitten im Park des Palastes dröhnt schon den ganzen Morgen wütendes Gebrüll. Was hat das zu bedeuten?

Chandaraissa, die Hohepriesterin, lässt die Magier rufen. Sie sollen deuten, was die Götter und die große Göttin den Kretern sagen wollen. Auch die Ratsherren kommen erneut zusammen. Sie wissen, dass die Botschaft aus Sidon ihren Plänen zuwider läuft. Was tun? Denn wenn Europa mit ihren beiden Söhnen lebend zurückkehrt, sind die Hoffnungen der Männer der Ratsrunde nicht mehr zu verwirklichen. Dennoch müssen sie die Worte der Magier abwarten.

Die drei Greise – hoch geachtet von allen – sitzen stundenlang im großen Tempel der Göttin, lassen sich immer wieder von Weihrauch umgeben, schweigen lange, flüstern manchmal, nicken oder schütteln mit ihren Köpfen, während die jungen Priesterinnen in den Seitenschiffen hinter den hohen Säulen neugierig alles genau beobachten und kommentieren. Schließlich erheben sich die drei sehr alten und gebrechlichen Männer, winken nach Chandaraissa und eröffnen ihr, was ihnen geoffenbart worden ist.

In Windeseile schwirrt auf den Straßen, den Gassen, zwischen den Häusern unten am Hafen und oben jenseits des Palastes ein Gerücht nach dem anderen durch den dämmrigen Tag, der den Kretern nach wir vor große Angst einflößt. Was werden die Magier zu sagen haben?

Jetzt sehen sie, wie die Hohepriesterin mit zwei ihrer Gefährtinnen zum Palast eilt. Das große Tor öffnet sich schnell und schließt sich noch schneller. Drinnen warten die Ratsherren in der Ratshalle auf Chandaraissa. Als sie angekündigt wird, verstummen die leisen Gespräche der Männer. Es ist dann Berberdus, der Vorsitzende des Rates, der mit großer Geste und kleiner Verbeugung die Hohepriesterin nach vorne bittet. Da wird es ganz still im Saal. Nur die Raben oben im Gebälk machen weiter ihren Flatterlärm, sonst aber warten alle gespannt auf das, was gleich zu hören sein wird.

„Hohepriesterin! Lasst uns hören, was die Magier im Tempel von unseren Göttern vernommen haben, sprecht!“ säuselt Berberdus mit seiner tiefen Stimme. Die Ratsherren nicken zustimmend. Die Spannung spürt Chandaraissa überdeutlich. Dennoch lächelt sie leicht, holt noch einmal tief Luft und sagt dann leise und eher tonlos, als wollte sie so deutlich machen, dass sie nur Sprachrohr ist und nicht selbst Sprechende: „Eine neue Epoche bricht an. Hoffnungsvoll. Nicht nur das Orakel von Sidon, nein, auch die große Göttin und die Götter der Kreter stehen dem Neuanfang helfend zur Seite. Europas Plan, ihre beiden Söhne zur Herrschaft zu begleiten, findet nur ihr Lob.“

Als die Hohepriesterin die Botschaft der Magier verkündet, sieht sie, wie in den Gesichtern, die eben noch von gespieltem Wohlwollen nur so zu strahlen schienen, nun eine aschfahle Enttäuschung Platz nimmt. Die Augen verengen sich, die Mundwinkeln ziehen sich selbst hinunter, die Lippen formen sich zu schmollendem Protest. Das Einziehen der Luft durch die Nasen der alten Ratsherren klingt fast wie ein bedrohliches Rauschen. Zygmontis will es einfach nicht glauben. Dabei wäre er doch der richtige, nächste Minos von Kreta, denkt er empört.

„Und sonst, sonst haben sie nichts gesagt, die Magier?“ entfährt es ihm grollend.

„Nein, mein lieber Zygmontis, nein, das war alles, was sie als ihnen geoffenbart mir mitgeteilt haben.“

07 Juli

Europa – Meditation # 457

Zwei völlig artfremde Überforderungen des Homo Sapiens sapiens (Teil 2)

Dass er nur ein Gast nicht nur in seinem Leben, sondern auch auf seinem wunderbaren Planeten ist, vergisst die Spezies allzu gern. Damit ihm das im Alltag auch nachhaltig gelingt, erfand und erfindet er sich immer wieder Gerätschaften, die ihm gerne Helfen, diesen Tatbestand des vita brevis zu vergessen: Das Rad, die Druckerpresse, den Fotoapparat, die Dampfmaschine, das Telefon, den Otto-Motor, das Radio, das Flugzeug, TV und schließlich KI. Vermehrung und Beschleunigung eben. Nicht Qualität, sondern Quantität wurde so exponentiell gesteigert, bis sich dem Zauberlehrling sein Zauberwerk verselbstständigte. „Hab ich doch das Wort vergessen, ach das Wort, worauf am Ende er das wird, was er gewesen…“ Und in der Ballade hat der Lehrling Glück. Denn der Meister beendet dass misslungene Gesellenstück mit seinem Basta: „In die Ecke Besen, Besen, sei’s gewesen!“ Tja, wenn es doch nur so einfach wäre!

So hat er sich selbst zum Zuschauer konditioniert, der er glaubt zu sein, während er in Wirklichkeit ein Räuber, Raffer und ein Vergifter geworden ist, der davon aber nichts wissen will. Das beste Beispiel hierfür ist nach wie vor die ungelöste Frage der sogenannten „Entsorgung“, die mit diesem Begriff in trockenen Tüchern gelandet zu sein scheint, aber in Wirklichkeit seit 70 Jahren größte Sorgen bereiten sollten.

So ist es auch mit dem open-air-Museum von Pompeji: Der Vulkanausbruch ist ja so lange her, dass alles, was damit zusammenhängt – auch die Katastrophe für die tausende getöteter Pompeianer – etwas für die Geschichts- und Geographiebücher zu sein scheint, nicht aber für die aktuelle Berichterstattung und Katastrophen-Vorsorge. Selbst das Menetekel der Ahrflutwelle scheint längst wieder vom Regen von der weißen Wand getilgt zu sein. Wenn aber in diesen Tagen nicht nur der Stromboli, sondern auch der Ätna und sogar die Phlegräischen Felder störend rumoren, rauchen und sich dreist erheben, haben solche besorgniserregenden Nachrichten angesichts der Fülle an sportlichen Events dieser Tage -EM, Olympia, Tour de France und Wimbledon – keine Chance nach vorne zu kommen (nicht zuletzt aufgrund der mathematischen Logik des Algorithmus, der nur nach oben spült, was oft genug angeklickt wird!) So schafft sich der Homo sapiens sapiens leichtfüßig die übelsten Fallgruben, die er als letzten Schrei und Fortschritt überschreibt.

Wie sehr aber nach wir vor – eigentlich schon immer – die Gefühle das Sagen haben und nicht der Verstand, könnte man sogar an den Reaktionen der Niederlagen der Deutschen, Schweizer und Türken ablesen, die mit einem derartigen Furor reagieren, dass verdrückte Tränen geradezu wie ein Lachen anmuten.

Gast zu sein in seinem eigenen Leben, das einem einfach so geschenkt wurde, schmeckt dem Narzissten natürlich gar nicht, und dass er weiter voll verantwortlich bleibt für Wohl und Wehe des von ihm leichtfertig geschundenen Planeten erst recht nicht – nur mit 100 km/h über Einbahnstraßen gleiten, fühlt sich für die meisten an wie ein Albtraumbild einer brutalen Operation im Bett des Prokrustes. Eine Kleinkind Trotzreaktion, mehr nicht, ist es in Wirklichkeit. Da zeigt sich, wie sehr eben Gefühle das Denken und Handeln des aufgeklärten Europäers nach wie vor dominieren. Kants Wendung von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ist weiter richtig und den Mut zur Selbst-Aufklärung hat der Homo Sapiens sapiens immer noch nicht. Das Zeitalter einer wirklichen A u f k l ä r u n g bleibt weiter Zukunftsmusik, denn das, was wir seit 300 Jahren erleben ist nichts anderes als Rauben, Raffen und Vergiften.

05 Juli

Europa – Meditation # 456

Zwei völlig artfremde Überforderungen des Homo Sapiens sapiens. (Teil 1)

Natürlich könnte man in Dauerschleife dieses sapiens, sapiens, sapiens („weise, weise, weise!“) zu einem beschwörenden Raunen jedem Haushalt frei Haus als Gott der Wiederholung einspeisen, damit er – Goebbels hatte es in den USA als Werbe-Axiom zu bewundern und zu kopieren gelernt – leichter daran glauben kann. Doch die Ergebnisse seiner Weisheiten – Fließbandproduktion und Überschall-Passagier-Flugzeuge blenden nur mit Menge oder mit Geschwindigkeit, nicht aber schuf er sich Sinnfülle damit, nach der er sich so sehnt.

Damit nun aber diese verfehlten Anstrengungen nicht als verfehlt betrachtet werden müssen, badet der homo sapiens sapiens nachhaltig in Unterhaltungsformaten, die ihm beim Selbstbetrug schön trösten sollen. Das tun sie auch nach Kräften. Bestes Beispiel: der derzeitige Sommer. EM, Olympia, Tour de France und Wimbledon dürfen sich Tag und Nacht ordentlich wichtig tun. Denn untröstlich könnte er gleichzeitig genauso werden. Beste Beispiele: Der Plastikmüll in den Meeren, die schmilzenden Gletscher, die riesige Schere im Portemonnaie der wenigen Gewinner (von Rheinmetall wollen wir lieber schweigen) und der allzu vielen Verlierer weltweit (das gestrige Wahlergebnis in Großbritannien könnte sicher gut als Beispiel dafür dienen), die zunehmende Abfolge von Überschwemmungen und Waldbränden. Die Liste ließe sich leicht verlängern. Aber wie gesagt: Mengen und Geschwindigkeiten sind eher Pappkameraden als wirkliche Zuwächse an Lebensqualität. Doch wie vom Trampel aus Amerika wird auch hierzulande von verbindlicheren Schreihälsen die frohe Botschaft verkündet: alles nicht so schlimm und schuld sind sowie so die „Grünen“. Beinahe wären den Besserwissern doch glatt das Feindbild abhanden gekommen, nachdem das kommunistische Konzept krachend baden gegangen war. Aber die „Grünen“ genügen ihnen als Platzhalter des Bösen.

Gleichzeitig haben kriegerische Gewalt und männliche Übergriffigkeit, um es einmal euphemistisch zu umschreiben, nichts von ihrer uralten Gefühlskälte verloren. Dass dann auch noch spitzfindige Paragraphenhengste Priester aus dem Rennen nehmen können, sie sind ja wie alle Arbeitnehmer nur von morgens sieben bis abends fünf im Job(!), lässt sicher viele Täter klammheimlich bösartig grinsen. Die Triebe lassen sich einfach nicht unter Kontrolle bringen, da ist es nur günstig, weiter im Patriarchat vor sich hin zu dümpeln, drüber eine zuckrige Lasur von zivilisatorischer Wohlanständigkeit gelegt. Allein schon das allmähliche Verschwinden jedweder Verbindlichkeit im öffentlichen Raum macht dagegen allzu deutlich klar, dass die soziale Seite des homo sapiens sapiens mehr und mehr zu einer bloßen Plakatwand schrumpft – als wären wir alle auf einem launigen Segeltörn à la Truman Show; es dauert nicht mehr lange, bis wir gegen die Wand knallen und unliebsam aus unserem frustrierenden Konsumschlaf erwachen.

Sinnvoller wäre es allemal aber, schon jetzt die großen Mengen an Gütern und die Beschleunigungseuphorien wie von gestern aussehen zu lassen. Denn für morgen wird eh nur noch die kleine Menge und das Fahrrad – ohne Elektromotor natürlich – eine Perspektive des globalen Überlebens sein. Und dass der „Rufer in der Wüste“ natürlich ausgelacht wird, versteht sich von selbst. Leider hört sich dieses Lachen aber nur wie ein grässliches Krächzen an, das von der eigenen Ratlosigkeit mit viel Lärm ablenken soll, denn der homo sapiens sapiens ist mit seinen bisherigen Mustern – amazonisch-globale Sofortmengen im Höchstbeschleunigungsformat – am Ende mit seinem Latein.