Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 182

Der Fremde im Hafen lässt die Katze aus dem Sack.
Es hätte ein ganz normaler Alltag der Fischer im Hafen werden können. Aber es gibt so viel zu bereden. Was wohl die Untersuchung oben im Palast herausbekommen wird? Wie dieses große Loch am Eingang zustande gekommen ist? Wer die Baumstämme und das Geäst darüber gelegt haben könnte? Lustlos flicken alte Männer ihre Netze. Hin und her fliegen dabei ihre Gesprächsfetzen. Vor den Häusern rund um das Hafenbecken spielen Kinder und schreien ihre Lebensfreude in den Tag. Mütter stehen in den niedrigen Hauseingängen und tuscheln mit den Nachbarinnen. Es gibt wirklich nur ein Thema: Wer könnte hinter dem Anschlag stecken, wer? Die Mittagssonne hinter einem gräulichen Schleier dennoch strahlend hell.
„Der Regen, der hat das Loch verursacht, wer denn sonst!“ knurrt ein bärtiger Kreter in die Runde nickender Fischer.
„Nee, nee, das glaub ich nicht, meckert ein anderer, der schon eine Weile einen Fremden beobachtet, der scheinbar planlos von Gruppe zu Gruppe schlendert. Wer könnte das sein? Nie hier gesehen. Jetzt kommt er zu seiner Runde.
„Habt ihr schon gehört, was bei der Untersuchung gefunden wurde, oben?“ fragt da der Fremde möglichst beiläufig dazwischen. Man wendet sich eher ab als zu ihm hin, obwohl alle vor Neugierde fast die Luft anhalten.
„Was soll da schon raus kommen, Fremder!“ bellt schließlich Trasopas zurück, „die stecken doch alle unter einer Decke!“ Beifälliges Gemurmel. Aber man wartet gespannt, was der Fremde erwidern könnte.
„Nun, die fremde Frau – wie heißt sie doch gleich?“ beginnt er bedächtig.
„Europa, Europa“, geht es bewundernd von Mund zu Mund, was den Fremden – es ist kein anderer als Suezzos, der kürzlich erst die Ratsherren in ihrer geheimen Sitzung zu dem todsicheren Anschlag angeregt hatte – ziemlich ärgert. Schließlich hat er mit der ja noch eine Rechnung offen.
„Trasopas!“ ruft im selben Augenblick Thiala nach ihrem Mann, „wir wollen essen!“
„Ja, ja“, brüllt er zurück, „gleich!“ denn er möchte unbedingt noch hören, was der Fremde zu Europa zu sagen hat. Soll die etwa den Anschlag geplant haben, um ein paar der Ratsherren loszuwerden?“
„Ja, richtig, Europa, die sollte eigentlich da runter knallen, bezahlte Männer hätten sich von zwei Ratsherren dazu anstiften lassen. Möglichst mit beiden Söhnen – alle auf einen Schlag.“
Die Fischer sind sprachlos. Ratsherren? Europa und ihre Söhne zu Fall bringen? Nach einem Augenblick des Schreckens will einer von ihnen aber die Quelle für dieses Gerücht wissen:
„Wer hat es dir gesagt, wo hast du das gehört, Fremder?“
Suezzos genießt die Aufregung der Fischer. Er atmet tief durch, zieht die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel herunter, dreht den Kopf zurück, als wenn hinter ihm ein Spion stünde, der nur darauf wartet, ihn für diese geheime Nachricht umgehend festzunehmen. Er weiß sich als Olympier natürlich jederzeit wirkungsvoll in Szene zu setzen, auch als kleiner Suezzos auf Kreta vor dummen Männern, die ihm natürlich nicht gewachsen sind. Ihm ist jetzt nur wichtig, diese ungeschickten Ratsherren für ihr Missgeschick oben vor der Höhle zu bestrafen: wie kann man nur so eine sichere Sache so verhunzen? Zeus ist richtig wütend. Wenn er wieder im Olymp zurück ist, muss er sich eine gute Ausrede einfallen lassen, denn seine Tochter Athene ist viel zu schlau, als ihm diese Ida-Geschichte zu glauben. Aber eins nach dem anderen. Jetzt will er zuerst hier auf Kreta noch schnell völlige Verwirrung schaffen, damit die allzu stolze Europa einfach nicht zur Ruhe kommen kann. Er ist noch nicht fertig mit ihr, darauf kann sie sich jedenfalls verlassen!
„In einer Pause während der Untersuchungssitzung kam einer, es war wohl Keltberias, vor die Tür und quatschte mit einem Mann mit Kapuze, ich stand zufällig hinter einem Baum ganz in der Nähe.“
Das sitzt. Allein der Name eines Ratsherren genügt, um die Zuhörer glauben zu lassen, dass er die Wahrheit erzählt.
„Ich muss los“, setzt Suezzos hinterher, er will keine weiteren unangenehmen Fragen beantworten.