03 Sep.

Europa – Meditation # 354

Gorbi – Knete

Ist es unsere Vergesslichkeit oder ist es doch eher reiner Mutwille, wenn wir immer wieder unsere eigene Wahrnehmung überarbeiten, überzeichnen und schön färben?

Da in der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so einiges schief gelaufen war – moderat formuliert – hatten wir Deutsche uns im schweigsamen Büßerhemd den Siegern willfährig unterworfen: Im Westen den Amerikanern, im Osten den Russen. Die ideologische Marschrichtung schlürften wir süffig mit – entweder Wachstum um jeden Preis weltweit oder eben Überwindung dieses Wachstums-Mantras im endgültigen Sieg der Arbeiterschaft weltweit. Wir Deutsche waren brave Claqueure des jeweiligen Herrn, dem wir reumütig dienen wollten. Der Böse war selbstverständlich immer der andere. Wie mit der Muttermilch wurde der Antikommunismus eingesogen, jeder Lehrplan lieferte die Lehrbücher für die richtige Einstellung im Westen, genauso wie der Klassenfeind im Osten für jeden jungen Sozialisten der Kapitalismus war.

Als aber der neue Generalsekretär Gorbatschow im März 1985 neue Töne anschlug, die schließlich zum unblutigen Fall der Berliner Mauer führten, drehten sich die Fähnchen im Winde gerne um. Plötzlich war Russland denkbar, auch im gemeinsamen Haus Europa dazu zu gehören. Wie bitte?

Gorbi und Raissa wurden so nach und nach geradezu zu Lichtgestalten, und unser Kohl kochte sein Süppchen mit Gorbi, als wären sie alte Klassenkameraden.

Dann wurden die Deutschen – gerade holter-die -polter wiedervereinigt – auch noch von Gorbi links überholt: der wollte doch tatsächlich der Opfer des politischen Terrors der Stalinzeit öffentlich gedenken, mit Andrej Sacharow als Vorsitzender der Organisation „Memorial“ .

Schon da gingen viele der ehemaligen erfolgreichen NS-Mitläufer in ihre Unterstände. Und die von der Treuhand wollten auch alles nur zum Wohle aller zerschlagen haben.

Nach sechs Jahren waren Gorbis Siebenmeilenstiefel dann zum Glück passé. Schwamm drüber.

Und dass er damals das Reaktorunglück von Tschernobyl verschweigen ließ und dass sowohl in Vilnius als auch in Tiflis die Schritte hin zurUnabhängigkeit gewaltsam nieder gemacht wurden, ist natürlich beim abschließenden Elogen-Gesang doch nur eine eher peinliche Fußnote.

Wir kneten uns unseren Gorbi schon so, wie er in unsere derzeitigen Wahrnehmungen passt.

Ähnlich wie mit unserem atlantischen Freund: eben noch trumpisch angeekelt und bereit, die alten Abhängigkeiten, die uns doch schon so weit von unserer eigenen kulturellen Identität haben abdriften lassen, empört abzuschütteln und Europa in den Mittelpunkt deutscher Außenpolitik zu stellen – also ein Art splendid isolation à la Europe – oder dann plötzlich doch wieder eine geradezu stahlharte Nibelungentreue zu beschwören (100 Milliarden Euro mal schnell aus der Portokasse) zu unserem großen Freund in Übersee. Was für ein Wankelmut, was für ein bigottes Lamentieren! Und falls Trump doch noch der nächste Präsident werden sollte? Was dann? Kneten wir uns dann ein trumpsches Maskottchen, um den bösen Russen und den unheimlichen Chinesen mit einer selbstlosen Nato widerstehen zu können?

28 Aug.

Europa – Meditation # 353

Wir – Kinder unserer Zeit – wie ehedem auch Karl May – wie Herodot und Tacitus auch…von Golo Mann ganz zu schweigen!

Angesichts der Verwerfungen, die dieser Tage dank Pandemie, Krieg und Klima-Amok-Lauf global unerbittlich auf die Erdlinge wie ein riesiger Tsunami los stürmen, ist es zwar verständlich, dass alle nach dem Schuldigen suchen, der natürlich immer der andere ist, aber dennoch gilt nach wie vor das Kant‘sche „sapere aude!“ , denn die Vielfalt und die zahllosen Augenblicke lassen sich einfach nicht über einen Leisten moralisierender Saubermänner schlagen; so etwas wie Kontrolle über die „Wirklichkeit“ ist wie Sisyphus-Arbeit an eigenen Narrativen, die einfach stimmen müssen, weil es ja die eigenen sind.

Stellen wir mal ein paar Knaller-Fragen an gewohnten Denkmuster:

1. Sollten wir nicht besser Homer vom Sockel stoßen, weil er Gewalt und patriarchalisches Denken in den Mittelpunkt seiner Mordgeschichten stellt und Frauen nur als um ihre Söhne trauernde oder Witwen am Rande vorkommen? Auf den Index und raus aus den Literaturlisten weiterführender Schule!

2. Sollten wir nicht unbedingt Kaiser Friedrich II. (1194 – 1250) nachhaltig aus der positiven Geschichtsschreibung verbannen, weil er nicht nur einen Säugling herzlos verhungern ließ, sondern auch den eigenen Sohn gefühllos in den Tod trieb? Er war nur insofern „das Staunen der Welt“, als er Gewalt und Selbstverherrlichung straflos so lange in Europa zelebrieren durfte. Also: in allen Geschichtsbüchern umgehend diese Biographie schwärzen! Statuen niederreißen in allen Bundesländern, sowie in Österreich und Sizilien!

3. Sollten wir nicht endgültig Martin Luther gnadenlos ächten, weil er den Antisemitismus so gesellschaftsfähig machte, dass selbst Alfred Stöcker von der Hofkapelle in Potsdam aus seine Judenfeindschaft in jeder Predigt heraus posaunen durfte, so dass die schlimme Botschaft auch in der Garnisonskirche widerhallte, 1933? – Luthers Bibelübersetzung gehört also auch auf den Index verbotener Bücher und seine Bilder und Statuen müssen selbstverständlich alle weg in Keller und feuchte Archive.

4. Sollten nicht alle Adenauer-Denkmäler (genauso wie alle Bismarck-Monströsitäten landesweit – hat er doch in der Berliner Konferenz von 1884/Ihr Schlussdokument, die Kongoakte, bildete die Grundlage für die Aufteilung Afrikas in Kolonien im folgenden Wettlauf um Afrika. / maßgeblich mit am Rassismus der Weißen Schuld ) abgebaut werden, weil er nicht nur Gehlen zum Chef des BND machte, sondern noch viele andere Persilschein-Beamte in den neuen Ministerien vereidigen ließ und sollte nicht deshalb auch die CDU und die CSU gezwungen werden, ihren Namen zu ändern?

Wird deutlich, wie kurzschlüssig und borniert solch ein Ansinnen ist?

18 Aug.

Europa – Meditation # 352

Bilder und Überschriften zerrinnen zu nichts.

Urteile statt Ansichten – wie wir uns die Welt zusammen dichten, als wäre sie bloß Knete, die auf unser Formtalent gewartet hätte. Das gilt wohl im Kleinen wir im Großen: unsere eigene Biographie und die der anderen modeln – bzw. mogeln – wir uns schön stromlinienförmig, in dem wir immer wieder von Neuem alte Geschichten neu erzählen, als würden sie gerade erst gefunden. Nicht erfunden; so kommentieren das immer nur schlecht gelaunte Besserwisser.

Wer möchte schon gerne heutzutage an die Bilder erinnert werden, die Tag für Tag im Zeitalter des Kalten Krieges über die sogenannte DDR uns eingetrichtert wurden, wer die heutigen in Frage stellen?

Mal war die Atlantische Freundschaft „overwhelming“, mal „hochnotpeinlich“ – je nach dem, wer gerade die Medien mit seinem Bildervorrat zu fluten verstand. Wir ängstlichen Lemminge aber schlürften sie wie Nektar und Ambrosia. Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit waren da eher rein zufällig, aber was soll‘s?

Schon stürzte der nächste Turm ein, schon changierte das Lästern über das Desaster der Roten Armee in Afghanistan zu reinster Verlegenheit, als sich die Unterstützung der Taliban als übles Eigentor entpuppte, das mit einem schmählichen Abzug gut zwanzig Jahre später und so vielen tragischen Toten auf allen Seiten endete. Gestern sozusagen. Wir unglaublich stark hatten sich die Berichterstatter im Beschreiben der „humanen Mission“ gesehen und wie willig schluckten wir diese Botschaften als Unterstützer der Streiter für eine bessere Welt. Wie maßlos „home-made“ war diese Sicht der Dinge. Doch das alles Schnee vom letzten Jahr, selbst die Pandemie – Bergamo lässt grüßen wie aus einem Horrorfilm, den Hollywood millionenfach in Szene gesetzt zu haben schien – ist heruntergebrochen zu einem Text auf Seite drei oder vier; nun sind die Lemminge wieder bei ihrem Lieblings-Narrativ angelangt, dem Krieg. Galt in der BRD nicht bis vorgestern Rüstung als besenkammerreif? Schmückten wir uns nicht gerne – die Narrative sind Legion – im Weltmaßstab als die Weltmeister der gewaltfreien Parlamentäre, die in zähem Verhandeln wahre Zauberkünstler der Kompromisse zu sein schienen? Wer möchte daran jetzt noch erinnert werden?

Krankheit und Tod treten folgsam in die zweite Reihe, denn das Narrativ für den Herbst heißt nun – wie Phönix aus der Asche – sparen, um ja nicht im Winter frieren zu müssen. Ein neues Horrorszenario wird da im Pixel-Himmel beschworen. Die Flutwelle im Ahrtal ist plötzlich so weit weg, die leer laufenden Flüsse sind dagegen nun wie ein Menetekel für den zürnenden Wettergott, der seine weiter unverdrossen um das goldene Kalb tanzenden Irrwische züchtigen wird, erbarmungslos – wie im Alten Testament.