14 Dez.

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte Nr. 179

Die alten Männer einigen sich auf den perfiden Plan des Fremden Suezzos.

Der Zorn auf Europa, die Regentin im Palast des Minos, und ihre beiden Söhne steht den Ratsherren schroff ins Gesicht geschrieben: Warum sind sie bei dem Sturm nicht alle ertrunken, warum geben die in Sidon denen ein neues Schiff, warum steht die große Göttin nicht auf ihrer Seite, warum…? Zeus hält sich in der Runde vorerst vornehm zurück. Sein Moment wird schon noch kommen, da ist er sich ziemlich sicher.

Gleich meldet sich Pallnemvus, Ratsherr und reichster Mann auf der Insel, zu Wort:

„Werte Ratsherren! Die Zeit läuft uns davon! Weitere Misserfolge können wir uns nicht leisten. Meine Handelspartner in Ägypten wollen nicht mit einer Frau verhandeln müssen!“

„Hört, hört!“ So tönt es reihum, man nickt, wiegt besorgt die Köpfe, schaut erwartungsvoll auf den Gast, den niemand zu kennen scheint. Zwei Sklavinnen gehen von Platz zu Platz und schenken Wein nach. Brot steht sowieso bereit. Man bedient sich, kostet ja nichts. Das zahlt alles der Palast. Schließlich ist der Rat der Alten nach dem Minos die wichtigste Instanz auf Kreta – neben der Hohepriesterin Chandaraissa. Pallnemvus kommt in Fahrt:

„Chandaraissa steht auf Europas Seite, mit ihr können wir nicht rechnen. Aber bis zum bevorstehenden Regierungsantritt von Parsephon und Sadamanthys müssen wir Abhilfe geschaffen haben!“

Beifall von allen Seiten. Jetzt sieht Zeus seine Chance gekommen. Er hebt seinen Arm, er will also das Wort. Man ist erstaunt. Aber gut, Kreter sind Fremden gegenüber immer zuvorkommend. Berberdus, der Vorsitzende, gibt Zeus zu verstehen, dass er das Wort habe. Pallnemvus in großer Geste:

„Bitte! Wir hören!“

Neugierig richten sich sofort die Blicke der alten Männer auf den Fremden. Was wird er beisteuern können? Zeus lächelt dankbar, erhebt sich bedächtig und beginnt dann seine wohlüberlegte Rede:

„ Danke, meine Herren, danke, dass ich in dieser hehren Runde sprechen darf.“

Die Ratsherren antworten mit gönnerischen Gesten und freundlicher Mimik. Nur zu, nur zu, soll das wohl heißen.

„Ich bin ein Wanderer zwischen den Welten und war erst neulich wieder auf dem Berg Ida, habe bei einem Unwetter – ihr erinnert euch an die Blitze und den Donner? – in der Zeus-Höhle Zuflucht gesucht.“

Gromdas und Zygmontis grinsen breit. Schließlich haben sie dort schön öfters kleine Orgien gefeiert. Da fährt aber der Fremde – wie hieß er doch gleich? Suezzos oder so ähnlich – schon fort mit seiner unterhaltsamen Geschichte:

„Der Regen war so heftig, dass es wie ein reißender Gebirgsbach war, was da in die Höhle hinab schoss. Und dann passierte es auch schon: krachend gab der Boden nach und das Wasser strudelte in ein tiefes, tiefes Loch – direkt vor mir!“

Die alten Männer halten den Atem an. Was für ein Unglück! Doch bevor sie Fragen stellen können, fährt der Fremde auch schon fort:

„Da müsste man nur ein paar Äste und Zweige drüber legen. Beim nächsten Besuch der Regentin und ihrer beiden Söhne zu Ehren des Zeus könnte es da zu einem tragischen Unfall kommen.“

Zeus bricht seinen Bericht an dieser Stelle einfach ab, setzt sich und genießt die Wirkung, die seine kurze Rede im Saal erzeugt. Leichenstille. Lange. Schwere Atemzüge. Dann wechselt man einfach das Thema, behandelt aber den Fremden besonders zuvorkommend. Zum Glück waren die beiden Sklavinnen gerade nicht im Raum gewesen, sie holten neuen Wein. Es gibt also keine Mitwisser. Das ist den Ratsherren natürlich wichtig. Aber sie wissen auch sofort, was jetzt zu tun ist. Keltberias und Collchades wollen sich um die Einzelheiten kümmern. Die Losung heißt: „Geburtstagsfeier“. Schließlich soll ja Zeus in dieser Höhle zur Welt gekommen sein, so wird es jedenfalls in den alten Mythen erzählt.

Dann palavert man noch über neue Zölle, neue Abgaben, neue Strafen. Alltag eben. Und der Fremde wird mit ausgesuchter Höflichkeit verabschiedet. Man schätzt sich.

28 Nov.

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 178

Wie der gekränkte Liebhaber, Zeus, doch noch Rache nehmen will.

Der Obergott liegt auf seinem weichen Diwan – Hera, seine Gattin, liest nebenan mal wieder seiner Tochter Athena die Leviten – und weidet sich an seiner schlechten Laune: Die stolze Prinzessin aus Phönizien! Sie hat ihn sitzen lassen! Dabei hatte der Trick mit dem Stier doch gut geklappt. Jetzt spielt sie in Kreta mit ihren Söhne die Regentin. Unerträglich. Und seine Brüder? Kein Verlass auf deren Hilfe.

„Wenn ich jetzt nicht selbst handle, ist sicher die letzte Gelegenheit vertan!“ sinniert Zeus vor sich hin. Wütend starrt er in seinen Pokal. Er hat keinen Durst mehr. Ihm ist übel.

„Vater, was sagst du denn dazu?“ ruft Athena empört, als sie plötzlich herein stürmt. Hera hatte ihr gerade erklärt, es sei unschicklich, jungen Männern in Athen Beistand zu versprechen: Der zu zahlende Tribut an Kreta sei nun mal zu zahlen. Punkt.

„Ich? Äh, also, ich, äh…“ Zeus weiß nicht, was er Kluges seiner Tochter antworten könnte. Dann beginnt er aber einfach zu sprechen und wundert sich selbst, was dabei aus ihm heraus sprudelt:

„Och, ich wollte sowie so demnächst mal wieder nach Kreta fliegen, da könnte ich ja versuchen, beim Rat der Alten ein paar Ideen in dieser Tribut-Geschichte vorzuschlagen.“

„Wirklich? Das würdest du tun?“ Athena umarmt ihren Vater überschwänglich und küsst ihn auf seine uralten Lederwangen.

„Danke, danke, danke!“

„Schon gut, schon gut!“ erwidert Zeus geschmeichelt Athena. Jetzt hat er sogar einen triftigen Grund, nach Kreta zu reisen. Hera kann also keinen Verdacht schöpfen.

Hera wundert sich zwar, wieso er gleich heute noch los will, aber was soll’s? Im Grunde ist sie froh, wenn ihr Mann mal wieder frische Luft schnuppern geht. Nur hier im Olymp herum hängen, tut ihm gar nicht gut. Nur schlechte Laune tagein tagaus.

Und schon macht er sich auf den Weg. Athena und Hera winken noch hinter ihm her.

Was ist denn da los? Zeus wundert sich, dass im Hafen von Heraklion so viele Kreter herum laufen, sogar der Rat der Alten ist vor Ort. Was geht da vor? Dann hält er erschrocken die Luft an: Da ist sie ja, diese arrogante Frau. Europa. Wie sie lächelt, wie sie ihre Söhne anstrahlt! Ekelhaft. Sicher alles nur Theater, denkt Zeus. Aber er will die Gelegenheit gleich beim Schopfe fassen. Federleicht mischt er sich unter die Leute und schon steht er neben Berberdus, dem Ratsvorsitzenden.

„Was gibt es denn da zu jubeln? Die Fremde bringt doch nur Unglück über die Insel.“ zischt Zeus dem Alten ins Ohr. Berberdus dreht sich verdutzt um, starrt den Mann einen Augenblick misstrauisch an.

„Ganz meine Meinung, Mann! Aber da ist wohl nichts zu machen.“ Hasserfüllt schaut er dabei Europa, Chandaraissa, Cathuro und den beiden Zwillingskindern hinterher. Die genießen den freundlichen Empfang sehr. Damit hatten sie gar nicht gerechnet.

Das läuft ja hervorragend, geht es Zeus durch den Kopf. Mit feinem Grinsen erwidert er Berberdus bedeutungsvoll orakelnd:

„So? Geht in den Köpfen der Kreter nicht ein ganz anderer Gedanke um? Soll die Regentin nicht krank sein, kurz vor dem Ende…?“

Berberdus gibt völlig überrascht dem orakelnden Fremden ein Zeichen ihm zu folgen. Ihm kommt es so vor, als träume er: ein Ende, kurz bevor stehend?

„Die Ratsherren treffen sich noch in meinem Haus nachher. Wollt ihr nicht mitkommen?“

„Aber ja doch, gerne!“ zwitschert Zeus zuckersüß.

Und während Europa und die anderen Ankömmlinge unter dem Beifall der Kreter zum Palast hinauf gehen, werden im Innenhof von Berberdus prächtigem Haus die Fackeln angezündet. Es gibt reichlich Brot und Wein, Käse und in einer würzigen Tunke saftige Oliven.

Der Gast – er nennt sich Suezzos – fühlt sich sehr wohl in dieser Runde und auch die Ratsherren haben ein gutes Gefühl mit ihm: er scheint wie sie nicht viel von Europa zu halten. Gut. Sehr gut.

18 Aug.

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 105

Kurzschlüsse der drei Götterbrüder. Teil I

Natürlich bleibt Zeus und seinen beiden Brüdern nichts von dem verborgen, was die Menschenkinder so treiben. Dass die drei Brüder Europas – Kilix, Kadmos und Phoinix – ihre Suche nach der Schwester in drei Richtungen treiben, gefällt ihnen sehr. Sie werden jedem der drei Brüder ein schönes Verwirrspiel inszenieren. Darauf freuen sie sie schon. Außerdem können die drei Götter – Zeus, Hades und Poseidon – so untereinander ordentlich rivalisieren: Wem wird die klügste Irreführung gelingen, wer wird die besten Ablenkungsmanöver erzählen können, wenn sie sich wieder auf Kreta treffen? Zeus hat da ja noch eine ziemliche Rechnung offen. Und das auch noch mit einer Frau! Dieser allzu stolzen Europa. Hybris. Die wird sie unbedingt zu Fall bringen. Das haben die Götter den Menschen schon immer vor Augen geführt.

„Nun, meine Lieben, wer will denn wohin von euch?“ fragt Zeus bestens gelaunt. Hades und Poseidon schauen sich grinsend an.

„Nach dir, mein Lieber, nach dir!“ säuseln sie fast gleichzeitig.

„Freunde, so kommen wir nicht weiter! Lasst mich also mal machen: Hades, du reist nach Delos zum Orakel und sagst diesem eingebildeten Kadmos, wie er den Orakelspruch zu verstehen hat. Und du Poseidon, du widmest dich diesem Kilix, den du doch sowieso nicht leiden kannst, und ich mache eine Kurzbesuch in Theben und werde dafür sorgen, dass der dritte im Bund, Phoinix, seine Reise an den Nil nie vergessen wird!“

Großes Gelächter hallt durch die hohe Halle auf dem Olymp. Die drei umarmen sich zufrieden und machen sich auch gleich auf den Weg. Nichts wie weg, bevor wieder diese vorlaute und dreimal kluge Athene, Zeus Lieblingstochter, aufkreuzt und peinliche Fragen stellt.

So viele Menschen hier im Hafen, denkt Kilix, als er über die vielen hölzernen Krane, die vielen Lastkähne, die vielen Amphoren, die vielen Stände blickt. Was tun?

„Eindrucksvolle Szene oder?“ erschrocken dreht sich Kilix zur Seite. Unbemerkt hat sich ein Fremder neben ihm aufgebaut, der ihn nun freundlich anlächelt.

„Kann man wohl sagen. So etwas habe ich noch nie gesehen.“

„Wo kommst du denn her?“

„Phönizien, mein Vater…“ Kilix wundert sich über sich selbst, dass er so locker die Fragen des Fremden beantwortet. Poseidon aber lässt ihn gar nicht erst ausreden:

„Kenn ich, kenn ich. Die Tochter des Königs dort, Europa, soll sich ja hier in Athen aufhalten…“

„Wirklich? Wo denn?“ Kilix kann es noch gar nicht fassen. Gleichzeitig erzählen die beiden Brüder von Poseidon den beiden anderen Brüdern von Kilix jeweils ein anderes hübsches Ammenmärchen, wo Europa sich gerade versteckt. Lauter billige Lügen erzählen die Götterbrüder, bloß lauter Lügen.