05 Mai

Historischer Roman II YRRLANTH Blatt # 90

Das Lügennetz von Abt Benedikt

Seit ihrer Ankunft in Luxovium versucht Rochwyn herauszubekommen, wohin es seine Mönche samt Abt verschlagen hat, seit sie fluchtartig die Villa Marcellina verlassen mussten. Seine innere Stimme flüstert ihm dauernd zu, doch Abt Benedikt zu befragen. Den, denkt Rochwyn, diesen Feigling, der alles daran zu setzen scheint, mit dem fränkischen König und seinem Bischof klar zu kommen? Den? Immer den Bann gegen Columban vor Augen, der so plötzlich und endgültig seine drei Klausen hier in Luxovium verlassen musste.

Ich möchte mich für eure Hilfe bedanken“, beginnt Rochwyn honigsüß das Gespräch mit Benedikt.

Oh, Jesus, unser aller Vorbild, hat niemandem je seine Hilfe verweigert. Wir tun es ihm nach.“

Rochwyn schmunzelt. Dieser Heuchler. In Wirklichkeit schrillen in seinem Kopf die Alarmglocken: Was will dieser Ire von ihm, was führt er im Schilde? Gut, spielen wir noch eine Weile das Säuselspiel weiter. Nur zu.

Und wie geht es eurer Frau? Ist sie wohlauf?“

Ja, die Frauen im Badehaus kümmern sich liebevoll um sie. Somythall ist voller Zuversicht.“

Stille. Benedikt gehen die Themen aus. Rochwyn will ihn weiter zappeln lassen. Als die Stille zu unangenehm wird, beginnt Benedikt von neuem:

Wir sind seit dem Weggang unseres hochverehrten Columbans sehr in Sorge um die Mithrasgläubigen. Das furchtbare Gemetzel in ihrem unterirdischen Tempel neulich hat uns völlig erschüttert.“

Was für ein Themenwechsel, denkt Rochwyn. Dieser schlaue Fuchs: Flucht nach vorne, das nenne ich mutig. Denn eigentlich ist der Abt doch heilfroh, auf diese nun, leider etwas brutale Art, Irrgläubige loszuwerden. Für ihn ist das sicher das Eingreifen Gottes, der eben auch eine strenge Seite hat. So oder so ähnlich wird sich Benedikt das zurechtlegen.

Nun, auch wir waren entsetzt, das könnt ihr mir glauben, lieber Benedikt. Aber im Grunde habe ich um dieses Audienz gebeten, weil ich fragen wollte, ob ihr vielleicht etwas über den Verbleib der irischen Mönche wisst, die ich ja schützend zu ihrem Missionsort östlich des Rhenus führen sollte.“

Rochwyn hat Benedikt genau beobachtet bei seiner Rede und ihm ist nicht entgangen, wie ein leichtes Zucken über sein Gesicht huschte, als von den irischen Mönchen die Rede war.

Ach, das ist es. Äh, also, von irischen Mönchen – nun, damit meint ihr sicherlich nicht Columban und seine Mitbrüder – weiß ich leider gar nichts. Sonst hätte ich es euch ja auch schon längst mitgeteilt.“

Rochwyn ist sich völlig sicher, dass Benedikt lügt. Sein Gefühl hat ihn da noch nie im Stich gelassen. Er hat auch schon eine Idee, wie er den verlogenen Abt aus der Reserve locken könnte. Jetzt will er ihn aber zuerst einmal einfach zappeln lassen.

12 März

Historischer Roman II YRRLANTH Blatt # 89

Die Weissagungen der Alten

Pippin kann es einfach nicht glauben. Dass er sich hierhin hat schleifen lassen. Und jetzt diese Alte. Die Schrumpelhaut ihres Gesichts erinnert ihn an Eidechsen. Wie diese schließt und öffnet sie immer wieder einen Spalt weit die kleinen Augen. Wiegt sich hin und her, hin und her. Und was ist das für ein Geruch? Pippa schaut ihn von der Seite grinsend an:

Das ist Weihrauch, Dummkopf. Guck nicht so blöd!“

Kichernd wendet sie sich wieder der Alten zu. Die brummt nun lauter werdend vor sich hin. Dann hört er sie sprechen. Als wären es lauter Zischlaute, so presst sie die Wörter aus ihren schmalen, aufgerissenen Lippen hervor:

Blut, Blut. Ich sehe viel Blut. Schreiende Männer. Lachende Männer. Weinende Kinder.“

Das Sprechen scheint sie sehr anzustrengen. Pfeiftöne entfahren ihr, während sie ächzend Luft holt. Dabei kreisen ihre Schultern weit nach vorne und wieder zurück. Ihr alter Leib ist völlig mit stinkenden Lumpen dick umhüllt. Zum Glück hat sie Weihrauch angezündet, denkt Pippin. Aber was soll das Gerede von Blut und kreischenden Männern? Da fährt sie aber auch schon fort mit ihrem schrillen Geraune.

Säulen, brennende Säulengänge, fremde Laute, fremde Laute.“

Verstehst du, was sie meinen könnte?“ fragt Pippa leise und völlig ratlos. Er schüttelt unwirsch mit dem Kopf.

Die brabbelt doch bloß irgendetwas vor sich hin. Unsinn, lauter Unsinn. Was denn sonst?“

Pippa schaut ihn ungläubig an.

Die Alte“, flüstert sie noch schnell, bevor die Druidin mit ihrem Orakel fortfährt, „die Alte weiß genau, was sie sagt. Sie hat noch nie falsch gelegen. Das sagt jeder, schon immer.“

Natürlich glaubt auch Pippin zu wissen, was sie meint. Die Todesschreie der Mithrasleute schwirren nämlich noch immer wie üble Stechmücken in seinem Gehirn herum. Die Alte hat nur den Raum verwechselt. Es war doch ein Kellergewölbe und kein Säulengang.

Komm, lass uns gehen“, antwortet er ungehalten. „Ich kann nichts damit anfangen.“

Da bannt aber doch wieder die Alte die jungen Leute in ihre Flüsterbotschaft:

Viel Schweiß, viele Lügen, viel Angst sehe ich da in seinen Augen, als ihm sein Kopf zertrümmert wird. Viel Geschrei. Keine Gnade, keine Gnade.“

Dann fällt sie in sich zusammen. Die Audienz bei der Druidin ist zu Ende. Erschrocken durch diesen abrupten und schlimmen Schluss raffen sich Pippa und Pippin auf und laufen durch die Gänge des ehemaligen Amphitheaters davon. So hatte sich Pippin das Treffen allerdings nicht vorgestellt. So nicht. Er wollte sie haben. Ihm ist so heiß, dass er kaum Luft bekommt dabei.