27 Mrz

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 11

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 11

Wie kleine Geister, gespenstisch tanzen die Flämmchen auf tönernen Lampen in den sonst so düsteren Gängen des Palastes. Sie scheinen zu lachen, zu kichern, zu frohlocken. Europa meint mit ihnen sprechen zu können: „Meine lustigen Freunde, was seid ihr so ausgelassen? Was habt ihr erlebt? Sagt es mir, bitte!“ Keine Antwort. Sie scheinen mich nicht zu bemerken. Schade. Da steht sie vor dem hohen Saal, wo die Fremden gefeiert haben. Die Flügeltüren weit offen. Eigenartige Geräusche dringen heraus. Es riecht nach Schweiß, nach verbranntem Holz, nach Weihrauch. Europa wirft einen Blick in den großen Raum. Das Feuer, das mittendrin den gesamten Abend über gebrannt hat, ist zu einem kleinen Berg glühender Asche geschrumpft. Auf Bänken und Tischen liegen schnarchend die betrunkenen Gäste. Wie in einem Stall voller grunzender Tiere, denkt Europa und wendet sich voller Ekel ab. So fremd kommt ihr jetzt das Vertraute vor. Aber statt gleich zu ihrer Kammer zu eilen, schleicht sie an den Räumen des Königs entlang. Auch hier stehen die Türen sperrangelweit offen. Was für eine Nacht! Licht fällt auf den Gang. Ob der Vater noch wach ist? Vorsichtig wirft sie einen Blick hinein. Gerade steht er vor der gegenüberliegenden Wand und schlägt mit der Faust auf den glatten Stein. Knurrt wie ein Tier. Wendet sich um. Europa erschrickt. Aber ihr Vater hat keine Augen für die Lauscherin, er ist beschäftigt mit sich, mit seiner Wut. Als schaute sie einem Fremden zu, so erlebt sie die Szene. Mit langen, wuchtigen Schritten durchmisst er den Raum, schlägt auf der anderen Seite wieder mit der Faust auf die Wand, schnauft laut und klatscht dann mit beiden Händen gegen die Wand, immer wieder. Da kommen die Bilder zu ihr zurück, wie der Vater die Mutter würgt, sie anschreit, ihr droht. Aber auch von der Zeit, wie sie diesen Vater einst angebetet hat, als wäre er ein Gott. Was für ein Blender, denkt Europa jetzt, was für ein jähzorniges Kind! Lass deine Wut nur an der Wand aus, deine Tochter ist gar nicht mehr beeindruckt. Sie geht jetzt ihren eigenen Weg, Vater! Das ist die Botschaft, die sie ihm lautlos sendet. Sie löst sich aus diesem peinlichen Anblick und eilt weiter. Vorbei an den immer noch tanzenden und lachenden kleinen Geistern zu beiden Seiten der Gänge. Niemand begegnet ihr.

Aber jemand schaut ihr zu, von weit oben. Er weiß, was sie gerade denkt. Er, den sie den Fremden nennt. Dieser Fremde ist seit ihrer ersten Begegnung am Strand wild begierig, sie wiederzusehen. Und wie furchtlos sie durch diese Nacht schleicht, wie sie ohne jede Angst ihrem Vater zuschaut, das beeindruckt ihn sehr. Jetzt muss er nur noch seiner Familie da oben klar machen, dass er in zwei Tagen unverhofft auf Reisen gehen muss. Aber wohin? Was soll ich meiner Frau sagen? Er kann ja schlecht sagen, er wolle sich mit Europa treffen. Auch so ahnt Hera bestimmt wieder das alte Thema. Ihre Eifersucht ist so anstrengend. Und erst seine kluge Tochter, Athene: Die durchschaut ihn schon lange, aber um des lieben Friedens willen schweigt sie. „Woran denkst du gerade, Blitzeschleuderer?“ fragt da seine Frau. „Ich?“ „Ja, du, wer sonst?“ kommt es bissig zurück. „Ach, ich denke gerade“, und denkt dabei wirklich wie wild darüber nach, was denn eine gute Ausrede sein könnte für seinen Reiseplan in zwei Tagen. Europa. „Also ich finde, es wäre mal wieder an der Zeit, meinen Brüdern einen kurzen Besuch abzustatten.“ Dabei klopft er sich gewissermaßen selbst stolz auf die eigene Schulter, denn seine Brüder kann sie überhaupt nicht leiden. „Meinetwegen“, hört er sie sagen und kann es kaum fassen. Da kommt Athene auch noch angerannt. „Was, meinetwegen?“ fragt sie neugierig. „Ach, dein Vater will unbedingt seine Brüder besuchen.“ Athene bekommt einen Lachanfall. Ihr Vater spielt den Gekränkten und schmollt. „Wollt ihr zu dritt auf die Jagd gehen?“ kommt es aus dem immer noch kichernden Mund. „Nein, mein liebes dreimal kluges Töchterlein, du wirst es nicht glauben, aber ich will nur kurz vorbeischauen, um die Zusammengehörigkeit der Familie zu pflegen.“ Athene sprachlos. Seit wann ist denn ihr Vater ein Familientier? Aber sie unterlässt eine spöttische Bemerkung dazu. Mutter und Tochter werfen sich vielsagende Blicke zu. Aber er ist erleichtert. Er kann sich aus dem Staube machen. Und schon macht er Pläne: Wie könnte ich diesmal auftauchen? Und als was? Blödsinn, natürlich wieder so wie bei ihrer ersten Begegnung an Phöniziens Gestaden. Und da er weiß, dass sie mit ihm fliehen will, muss er ein Schiff mitbringen. Ein Schiff? Sehr wenig originell. Europa ist so eine besondere Prinzessin, da muss ich schon etwas Ausgefalleneres vorzuweisen haben. Aber was?

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