11 Dez

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 5

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 5

„Vielleicht habe ich ja Glück“, denkt die Amme, als sie sich keuschend unter der Last Europas durch die kleine Geheimpforte zwängt. Und sie hat Glück. Niemand bemerkt die alte Frau mit der Prinzessin über der Schulter, wie sie durch Gassen und Gänge huscht. Volk und Hof sind viel zu sehr von ihrer Neugierde abgelenkt: Wie sehen die Fremden aus, was für Geschenke haben sie mitgebracht, wie kräftig sind ihre Pferde, wer ist ihr Anführer, was sagt der König, was Europa dazu? So gelangt die Amme ungesehen in ihre große Kammer am Rande des königlichen Palastes. Sie weiß, es eilt. Den Saft, den Europa getrunken hat, darf sie nicht zu lange in sich lassen. Mit einer Hand hält sie Europas Kopf, mit der anderen träufelt sie eine bittere Flüssigkeit in ihren Mund. Einiges davon läuft an den Mundrändern wieder heraus, aber einiges davon wohl auch in ihren Hals. Behutsam lehnt sie Europas Kopf wieder zurück auf das Kissen, auf dem sie schon als ganz kleines Mädchen geschlafen hat. So oft und so gut. So gut, dass die Königin mitunter eifersüchtig wurde, weil Europa lieber zur Amme abends ging als bei ihr zu bleiben.

„Schickt nach der Amme!“, zischt die Königin leise ihrer Zofe ins Ohr. Sehr ungeduldig lässt sie sich das Haar kämmen. Bei Sonnenuntergang will Agenor, der König, seine Tochter Europa den Gesandten präsentieren, damit die ihre Geschenke los werden können. Und Europa muss doch vorher noch ein Bad nehmen, massiert und eingesalbt werden, die wertvollen Haarteile wollen noch eingeflochten sein. Und immer noch nicht ist die Amme mit Europa da.

Plötzlich beginnt Europa zu zucken, zu stöhnen. Ihre Amme stützt sie, hält ihr den hölzernen Trog unter den jetzt gurgelnden Mund, flüstert ihr aufmunternde Worte ins Ohr. Und dann bricht es aus ihr heraus und in den Trog. Europa krampft sich an ihrer Amme fest, ächzt, reißt die Augen auf und übergibt sich von neuem. „Gut so, gut so, meine Kleine, es muss alles wieder raus.“ Kaum hat sie das letzte Wort gesagt, wird heftig gegen die Tür gepocht. Wer kann das sein, doch wohl nicht die Königin? Europa schaut ängstlich zu ihrer Amme auf. Ihr Atem geht sehr stockend und schwach, aber sie ist wieder wach, sie ist gerettet. Schnell erhebt sich die Alte, schlurft zur Tür und ruft: „Wer da?“ „Mach auf, die Königin schickt mich, sie will ihre Tochter sofort sehen, sofort!“ „Schon gut, ich bringe sie gleich!“ Ratlos wendet sie sich wieder Europa zu. „So kannst du nicht vor deine Mutter treten. Bleib hier liegen, ich gehe schnell zu ihr und werde ihr erzählen, du seist ohnmächtig geworden, weil alles zu plötzlich jetzt über dich komme, du bräuchtest etwas Zeit, ich würde dich so schnell wie möglich wieder gesund pflegen.“ Europa nickt schwach. „Aber der König will doch sicher noch heute Abend der Gesandtschaft seine Tochter vorführen oder?“ Die Amme hebt ihre Arme hoch, verdreht die Augen, schüttelt den Kopf: „Mein Mädchen, du bist jetzt krank. Da muss dein Vater seinen Empfang verschieben. Sollen sie doch zuerst einfach einmal ordentlich essen und trinken.“

„Und, wo bleibt Europa?“ fragt die Königin unwirsch die Überbringerin der schlechten Nachricht. „Sie wird gleich da sein, Königin. Das jedenfalls hat mir die Amme versprochen.“ Da die Königin heftig mir dem Kopf wackelt, kratzt die Zofe mit dem großem Kamm die Königin sehr unsanft. „Pass doch auf!“ faucht die Königin die erschrockene Frau an, stößt sie verärgert von sich. Am liebsten würde sie die Dumme jetzt noch schlagen, aber da kommt endlich die Amme. Und Europa?

„Wo ist meine Tochter?“ Die Amme, völlig außer Atem, fällt vor der Königin auf die Knie und berichtet von dem argen Unwohlsein Europas. „Wachen!“ ruft die Königin, „führt sie ab, sie muss streng bestraft werden, sie ist an allem Ungemach schuld, der König wird toben vor Wut!“

Nicht viel später – der König hat kurzerhand zwischen Tür und Angel sein Urteil gesprochen – sieht sich die Amme auf einem Schemel im Innenhof der Kaserne der Wachsoldaten stehen. Um ihren Hals spürt sie das straff gespannte raue Seil. Als sie zu fliegen beginnt, glaubt sie ihr Mädchen lachen zu hören. Sie ist also glücklich, denkt sie. Dann schwarze Nacht. Kein Ton. Nichts mehr.

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