05 Feb

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 58

Wütender Widerstand alter Männer will Europa vernichten

Gleichmütiger Wellenschlag weit unten am Strand. Mondhelle Nacht über dem Königspalast. Ein Käuzchen ruft von schwankendem Ausguck auf der alten Zeder: Gefahr, Gefahr! Oder meint es: Sieg, Sieg!? In den Ohren von Europa klingt es wie: Sei vorsichtig, sei vorsichtig!. Aber im kleinen Ratssaal – gar nicht weit vom hochgewölbten Schlafgemach des Minos – braut sich gleichzeitig eine üppige Wutwolke zusammen: Die stillen Gegner von Archaikos wittern ihre Stunde. Denn wenn er sich einlässt auf diese bedrohliche fremde Frau, dann werden sie ihn zu Fall bringen. Flüsternd bereden sie finstere Anschläge. Ihre Spione wollen gesehen haben, dass die fremde Frau heimlich Zugang zum Minos erhielt. Die Augenbrauen tief herabgezogen zischen sie sich gegenseitig ihren Zorn auf den Minos zu: Er muss weg. Er ist ein Verräter. Die Götter werden ihn strafen – durch sie, die treuen Herren auf Kreta, die alles Fremde von der stolzen Insel treiben werden. Sie muss ihn mit einem bösen Dämon verführt haben. Beifälliges Nicken, Murren und Knurren. Ist der Schrei des Käuzchens nicht ein Zeichen der Götter? Das Signal zum Töten? Aber sie muss vorher gefoltert werden. Die Strafe für ihre Anmaßung soll lange und herzzerreißend sein. In den Augen der alten Ratsherren blitzt rachsüchtiges Lichtflackern auf. Sie werden es genießen – armseliges Sterben einer schreienden Frau!

Archaikos ist vor Erschöpfung und Befriedigung in traumlosen Schlaf gesunken. Europa schaut ihn voller Wohlgefallen an: Ein Mann, der ihr bei weitem besser gefällt als der Fremde, der sie von ihrer Heimat hierher gebracht hat. Vorsichtig streichelt sie die schweißnasse Haut des Schläfers. Ihr Kind wird einen mächtigen Beschützer als Vater haben. Und wenn die Männer erst den neuen Tanz der Priesterinnen gesehen haben werden, werden Lebensfreude und Lust allen Kretern wie ein endloses Fest der Sinne scheinen. Sie lächelt siegessicher. Aber auch sie hört die Schreie des Käuzchens und hält inne: Sei vorsichtig, sei vorsichtig, raunt sie sich selber zu. Der Weg zu deinem Ziel wird eher dornig sein als marmorglatt und glänzend. Sei vorsichtig!

Dann hebt das Käuzchen ab, steigt auf in den endlosen Nachthimmel und ist kurz ganz vom Mond umgeben: Ein schönes Bild. Wer aber sieht es? Und was könnte es bedeuten?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.