25 Nov

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 3

Europa – Fortsetzung der alten Geschichte  # 3

„Mein liebes Kind“, so beginnt der König, als Europa endlich vor ihm erschienen war, „wo hast du nur wieder gesteckt?“
„Ach, ich war im Tempel der Göttin, beten. Ich wusste nicht, dass du nach mir gerufen hast.“
Agenor seufzt lang und tief.  Es breitet sich eine kühle Stille aus im Raum. Und statt mit Europa über das zu reden, was er sich vorgenommen hat, hört er sich selbst reden über ein ganz und gar anderes Thema: „Man munkelt, neulich am Strand sei etwas  Eigenartiges vorgefallen…“
Europa erschrickt. Haben die Freundinnen etwas erzählt? Aber sie haben doch das mit dem Fremden gar nicht mitbekommen. „Neulich? Wann neulich?“ Sie will Zeit gewinnen, um sich eine gute Geschichte auszudenken, die sie dem Vater auftischen kann. „Nun, neulich, als du mit deinen Freundinnen Ball spielen warst am Meer.“ „Ach da. Und was soll da gewesen sein?“ „Nun, das frage ich dich, meine liebe Tochter!“ Europa macht große traurige Augen. Sie hat auch schon die rettende Idee: „Nun, ich habe geweint, als ich aufs Meer blickte, das haben die beiden wohl mitbekommen.“ „Geweint? Warum geweint?“ „Ich hatte daran denken müssen, dass ich ja bald von euch allen weggehen muss.“
Agenor, der besorgte König, lächelt gnädig.
„Europa. Auch wir werden dich sehr vermissen. Sehr.“
Europa atmet auf. Die Begegnung mit dem Fremden bleibt ihr Geheimnis auch weiterhin.
Da fährt der König auch schon fort: „Aber die Trennung wird uns etwas versüßt werden.“
Europa horcht auf. Was soll das heißen? Ihr Herz pocht spürbar in ihrer Brust. Sie wagt nicht zu fragen, was ihr Vater mit Versüßen meint. Agenor genießt das Schweigen. Er geht langsam auf den Thron zu und setzt sich noch langsamer hin. Dann lächelt er erneut sehr gnädig. Europa hasst dieses Theater. Ihr Vater spielt es immer wieder. Sie kennt es nur zu gut. Jetzt wird er etwas sagen, dass sie nicht weiß. Er  genießt seinen Vorsprung. Er weiß nicht, dass er Europa nur umso sicherer macht in ihrer Entscheidung, von ganzen Herzen ungehorsam zu sein: Sie wird sich dem Plan ihrer Eltern  verweigern.
„Nun, habe ich dich denn gar nicht neugierig gemacht?“
Europa zieht die Schultern hoch. Sie hebt leicht ihre Hände, lässt sie wieder fallen.
Agenor wundert sich überhaupt nicht. Er kennt seine Tochter. Jedesmal, wenn etwas von ihr erwartet wird, ist sie erst einmal unwillig. Trotz. Ihr Eigensinn ärgert ihn. Dann holt er tief Luft und verkündet die frohe Botschaft, die er eben erst erhalten hat:
„Du wirst nicht nur heiraten, nein, du wirst auch Königin sein.“
Europa spürt, dass sie die Nachricht erfreuen soll. Sie zeigt aber keine Regung. Sie schweigt.
Der König seufzt. „Europa, so freu dich doch! Die Gesandtschaft wird dich nicht nur als Braut abholen, sondern auch als die neue Königin. Der alte König ist vor Wochen gestorben, sein Sohn ist ihm auf den Thron gefolgt, du wirst bald an seiner Seite über ein großes Reich herrschen. Ist das nicht eine wunderbare Nachricht, mein liebes Kind?“
Europa weiß, sie darf den Vater nicht misstrauisch machen. Wenn sie ihren Fluchtplan erfolgreich durchsetzen will, muss sie so tun, als willige sie in alles freudig ein.
„Wahrlich, eine wunderbare Nachricht. Ich bin sprachlos, weil es mir noch völlig unvorstellbar scheint. Seit wann weißt du davon, Vater?“
„Seit heute, eben erst ist der Bote eingetroffen. Darum habe ich dich ja auch gleich rufen lassen. Jetzt verstehst du es, nicht wahr?“
Da wird Europa klar, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt.
„Bei Neumond werde ich mit dem Fremden fliehen“, denkt sie voll stolzem Trotz.
Wenn die Gesandtschaft aus dem fernen Königreich vor dieser Neumondnacht schon eintreffen sollte, muss sie sich eine List ausdenken, um alle hinzuhalten.
Und zu ihrem Vater sagt sie darum:
„Ja, Vater, jetzt verstehe ich alles. Darf ich gleich zum Tempel gehen, um der Göttin für soviel  Glück zu danken?“
Da entlässt der König erleichtert seine Tochter mit einer gönnerischen Geste.
Er ist ja so stolz auf Europa. Sie wird eine große Königin sein. Ganz sicher.

 

Ein Gedanke zu „Europa – Fortsetzung der alten Geschichte # 3

  1. Danke Johannes,

    Deine Meditationen zu Europa haben mich unerwartet auf eine Reise geschickt, die sicher noch länger dauern und so manche neue Erkenntnis bringen wird.
    So beginne ich in der Geschichte des osmanischen Reiches zu stöbern, will wissen was die griechische Mythologie über Agenor und Europa erzählt.
    Dabei erfahre ich, dass die Prinzessin Europa, Tochter des phönizischen Königs Agenor an der Küste Klein-Asiens, heute Anatolien, lebte, bevor sie nach Kreta entführt wurde.
    Interessanterweise lokalisieren auch gerade dort im Südosten Anatoliens, nahe der Stadt Sanliurfa, internationale Forscher den nach biblischer Überlieferung beschriebenen „Garten Eden.“
    Anatolien – Europa – Paradies.
    Das alles überrascht mich hier, in Lara/Antalya, zur Zeit in Urlaub, an der türkischen Riviera.
    Das Gefühl hier viel näher an Europa dran zu sein als zu Hause beim Abflug in Frankfurt.

    Ein ungeahnter Perspektivewechsel aus dem Blog.“

    Gruss KiMi

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