31 Mrz

Europa – Meditation # 12

Europa – Meditation # 12 VÖLLIG VERMESSEN

VARIANTE I

Immer dann – aber eben auch nur dann – wenn aus heiterstem Himmel das schier Unwahrscheinlichste uns – durch so viele Versicherungen abgesicherten Klugplanern – widerfährt, trifft es uns bis ins Mark. Denn dann ist es wieder da, dieses: Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Weil wir doch Vorsorge getroffen haben, weil wir Risiko-Abwägungen austariert haben, weil wir Werkzeuge erfunden haben, die gefährliche Prozesse beherrschbar machen. Was haben wir nicht alles für bewunderungswürdige Anstrengungen unternommen – seit den Tagen eines Descartes und der vielen aufklärerischen Denker nach ihm – , was ist uns nicht alles schon gelungen seit dem unseligen Dreißigjährigen Krieg, der so sinnlos und widerlich und auch noch mit religiösen Vorzeichen so vielen, vielen Menschen in Europa das Leben kostete! Eine beispiellose Karriere unserer Verstandeskräfte, eine steile Karriere sich immer wieder überbietender Rationalität. Gut, es gab auch Rückschläge, sicher die Titanic galt als unsinkbar, in der Tat wollte man nach 1919 einen Völkerbund gründen, der alle internationalen Konflikte über Verhandlungen lösen sollte…Schon wahr. Doch auch die Rückschläge machte uns nicht kleinmütig, nein, eher noch kühner: Wir müssten eben nur noch intensiver rational nachdenken, die Dinge durchdringen, entschlüsseln, um sie dann zu beherrschen, um sie unter Kontrolle zu haben. Krisen, Kriege, Krankheiten, ja, vielleicht sogar in globalem Maßstab. So schwärmten wir Europäer aus in die Welt, allen die frohe Botschaft dieser rationalen Weltsicht zu verkünden, allen, die guten Willens sind. Und waren wir nicht erfolgreich? Gut, die Verlierer dieses Prozesses hatten nicht die Chance, ihren Untergang zu dokumentieren, das haben wir gleich miterledigt. Klar. Aber auf lange Sicht war es doch eine rationale Erfolgsgeschichte. So kartierten wir die Welt, im Vermessen von dem, was in, unter und über der Erdkruste zu vermessen war, sind wir zweifellos Weltmeister. Das gibt ein gutes Gefühl von Wissen und damit von Sicherheit. Und einmal begonnen, ist es bis zur völligen Vermessung der Welt gar nicht mehr so weit. Schließlich haben wir es ja auch schon geschafft, uns alle – wie in einer luftigen Wolke schier schwerelos – miteinander zu vernetzen; jeder kann jetzt mit jedem jederzeit und an jedem Ort in Kontakt treten, der rationale Weltbürger steht vor der Tür und bittet freundlich um Einlass. Und das Tollste dabei: Er kennt uns bereits, alle unsere Daten – vom Blutdruck bis zur Urlaubsvorliebe – alles trägt er abrufbereit bei sich, wir müssen ihm gar nichts mehr erklären, er weiß es längst, wir sind also geborgen, weil nichts mehr im Verborgenen uns überraschen könnte. Wie lauter kleine Zauberlehrlinge, so laufen wir jauchzend mit unseren kleinen Zauberstäbchen durch unsere kleine Wohnung, vergnügt, gut unterhalten, mit allen in Kontakt, wann immer ich will. Angst und Einsamkeit waren gestern. Friede, Sicherheit und Glück sind vielleicht schon morgen. Weil eben jeder mit jedem völlig vermessen ist.

VARIANTE II VÖLLIG VERMESSEN

Immer dann – aber eben auch nur dann – wenn aus heiterstem Himmel das schier Unwahrscheinlichste uns – von so vielen Gefühlen Tag und Nacht getriebenen Wesen – widerfährt, geraten wir ins Nachdenken: Könnte es sein, dass wir – wie kleine mutwillige Kinder – einfach starrköpfig auf dem einmal gefundenen Zaubersatz beharren und alle anderen niederschreien; so lange, bis denen eben die Luft ausgeht im Widersprechen, und wir dann meinen sagen zu können: Seht ihr, jetzt seid ihr still, also hatte ich doch recht oder? Aber wenn es dann erst einmal so richtig still um einen geworden ist – die sogenannten Freunde haben sich längst aus dem Staube gemacht, weil sie keine Lust mehr hatten auf dein besserwisserisches Geschrei – dann kann es schon sein, dass das eigene Zauberzelt in sich zusammensackt wie ein Luftballon, dem ein Hornissenstich den Garaus gemacht hat. Und dann? Dann kommen die Zweifel. Zweifel an dem unablässigen Ausrechnen der sogenannten Fakten, Zweifel an der Macht der Rationalität, weil man sich selber – als Europäer, der auf eine fatale Geschichte dieser Rationalität zurückschauen kann – ratlos vor sich selber und dem Rest der Welt stehen sieht – Artisten in der Zirkuskuppel ratlos, gewissermaßen. Nehmen wir als Beispiel doch einfach einmal so ein schlichtes und inzwischen geläufiges Wort wie Chemotherapie. Wie viel Hoffnung soll damit verbunden werden, wie viel Lebenszuversicht! Und wie verändert das Diktat eines solchen Hoffnungsträgers doch den Kandidaten. Der eine und andere kommt mit ohne Haare davon, die meisten aber versinken in einem Meer von Schmerzen, Gram, Angst und Schrecken – vor den Helfern genauso wie vor des Schicksals unerbittlichem Takt. Überleben sie dennoch, sind sie Gezeichnete und müssen herhalten für die frohe Botschaft der Beherrschung der Natur durch den Menschen – im Gewand des Wissenschaftlers. Geburt und Tod, die beiden wollen sich einfach nicht kontrollieren lassen. Ärgerlich. Der Nachdenkliche wird hier zum dem, der zögert, der verharrt, hineinhören möchte in die leisen Stimmen in ihm selbst, die er sich nicht erklären kann, auf die er aber gerne hören möchte. Sie ertönen ihm manchmal im Traum, manchmal in einem deja-vu – Erlebnis, manchmal in einem spontanen Einfall aus heiterstem Himmel. Aber allen ist eines gemeinsam: Sie fügen sich nicht in die scheinbar frohe Botschaft vom völligen Vermessen und dem damit scheinbar gewonnenen Krieg gegen Krankheit, Fehlerhaftigkeit, Schwäche und Tod. Sie stimmen vielmehr ein Gegenlied an: Wir haben uns völlig vermessen und dabei die Sicht auf die Dinge darunter vergessen, hin zu dem, was eben nicht messbar ist, ja sogar ahnend, dass das Meiste nicht messbar ist, so sehr es uns Vernünftler auch ärgert. Aber jetzt wird es einem allmählich klar: Nur Kindern sollte man solch eine Dummheit verzeihen, sich selber aber nicht. Wir sollten es durch unsere eigenen Erfahrungen einfach besser wissen und nicht mehr trotzig darauf bestehen, dass es bloß der tränenselige Singsang der ewig Gestrigen ist, die – weil sie auf der Seite der Verlierer stehen, es einfach nicht packen, auf die Erfolgsspur einzuschwenken – da Defätismus predigen wollen. Es sich selbst eingestehen zu können – heutzutage – dass wir Europäer uns mit unserer frohen Botschaft für die ganze Welt völlig vermessen haben, ist der eigentliche Sieg in diesem Kampf um die Deutungshoheit, was das Funktionieren der Natur der Dinge betrifft. So kommt wieder Maß in Denken und Handeln, das maßvoll und in kleinen, bescheidenen Schritten dankbar für jeden Augenblick endlich wieder unser aller Handeln bestimmen sollte.

VARIANTE III VÖLLIG VERMESSEN

In der Antike war dem gebildeten Griechen völlig geläufig – es wurde ihm in fast jedem Theaterstück im Dionysos-Theater am Fuße der Akropolis eindringlich vor Augen geführt: Hochmut kommt vor dem Fall, nur wer hoch steht, kann auch tief fallen. Im Griechischen ist es die Hybris, die diesen Gedanken umkreist: Die Götter dulden es nicht, wenn der Mensch sich auf die Ebene der Götter heben möchte – Prometheus wäre vielleicht das naheliegendste Beispiel in unserem Falle, wenn es um die zwei Wörter – VÖLLIG VERMESSEN – geht. Zweimal ist dieser kurze Stabreim nun schon befragt worden, hier nun folgt der nächste und letzte Streich: Denn dieses scheinbar harmlose Spiel mit Bedeutungen und ihrem Wandel von ganz positiv bis zu ganz negativ – immer in der gleichen Sprachgestalt – hat schon etwas Unheimliches: Macht es uns nicht hier auf kleinstem Raume und am sehr kurzen Beispiel deutlich, was wir so schnell zu vergessen bereit sind? Dass wir immer schon dem Wort die Bedeutung gegeben haben, die wir ihm geben wollen und deshalb unsere Sätze nur zu den Ergebnissen kommen lassen, zu denen sie kommen sollen? Und wenn dem tatsächlich so wäre – und wir können ja bei dieser kleinen harmlosen Zwei-Wort-Anordnung ja einmal so tun, als wenn es tatsächlich so wäre – wäre es dann nicht ratsamer, etwas vorsichtiger, behutsamer, bescheidener beim Argumentieren zu sein, weil ja nicht nur ich, sondern natürlich auch mein Gegenüber mit den gleichen Mitteln kämpft – dem Wort und seinen mutwilligen Bedeutungen, die immer schon festliegen und in gut oder böse, brauchbar oder unsinnig eingeteilt bleiben? Wo wird dann die Wahrheit liegen? Wer beschreibt dann und warum welche Wirklichkeit in wahrhaftigen Worten? Natürlich ist es nicht unbedingt lustig, sich eingestehen zu müssen, dass wir uns in einem Irrgarten befinden und eben nicht in einem Planspiel, das nach nachlesbaren Regeln abläuft. Aber immerhin könnte es bei aller Vorsicht dann auf vernünftigem Wege zu dem günstigen Denk-Ergebnis kommen, dass wir Europäer zwar die Götter längst entthront haben und damit auch Strafe von diesen Götter nicht mehr zu befürchten ist, dass wir aber dummerweise damit das Muster nicht ad absurdum geführt haben, sondern nur die alten Götter durch neue ersetzten. Wie bitte? Wir leben zum Glück doch in eine säkularisierten Welt, Staat und Religion sind sauber von einander getrennt, jeder kann an das glauben, was er für richtig hält. Aber Hybris? Ein antikes Denkmodell, gewissermaßen rührend, weil die Menschen eben einfach noch so viel Angst hatten, damals. Aber heute? Nun, heute – und da springt der moderne Mensch über die selbstgebastelte Hürde der Dialektik – heute sind es nicht einmal mehr die sogenannten Götter in Weiß, die uns strafen werden, nein, die wollen ja sowieso aufgrund ihres hippokratischen Eides nichts als helfen, nein, heute sind es die jungen, dynamischen Leute aus silicon-valley, die uns alle verzaubern, uns Allmachtsgefühle einzuüben helfen (spielend lernen), damit wir wirklich glauben können, wir seien Götter, die sich die Erde endlich untertan gemacht haben – einerseits – die aber unterschlagen, dass dieselben Götter eben auch den eigenen Untergang lustvoll herbeiführen werden; ein großer letzter Auftritt – wie im Theater – ein letztes Spiel, alles auf eine Karte setzend und alles verlierend und noch im Untergang schreiend: vae victis!“

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