27 Jun

Europa – Meditation # 14

Europa – Meditation # 14

„Haltet den Dieb!“ so kann man in diesen Wochen Bankleute und andere Fachmänner schrill rufen hören, wenn sie sich mit den Abgesandten der ‚Wiege unserer Kultur‘ beschäftigt haben und diese wieder ratlos, enttäuscht und empört ihrer Akropolis zueilen. Natürlich müssen sich jene Leute anstrengen, von sich und ihren eigenen Fehlern abzulenken. Denn welcher Gläubiger lässt sich schon gerne sagen, er habe Kredit gegeben, wo jeder vernünftige Hausvater gesagt hätte: „Ein Fass ohne Boden. Wie kannst du da jahrelang dein Erspartes hineinwerfen?“ Sagt nicht ein altes Sprichwort überdeutlich: Mitgehangen, mitgefangen?

Also nichts wie Nebelkerzen werfen!

Kam von da unten im Süden nicht auch der Name her – von jener fragwürdigen Prinzessin, die sich Europa nannte und die einem imposanten Feger aufgesessen sein soll? Ein weißer Stier, heißt es, habe der jungen Dame so imponiert, dass sie sich unbedacht auf seinen glänzenden Rücken schwang. Und dann geriet das Unternehmen wohl etwas außer Kontrolle, erzählen seitdem gebetsmühlenartig literarische Sachverständige in immer neuen Geschichten und Bildern. Und wie vollmundig brüsten wir uns heutzutage mit ihrem Namen: Europa! Und von den gemeinsamen Werten ist viel die Rede, den gemeinsamen Traditionen, Kulturen…Da seien die Griechen nun aber fast so wie übelste Nestbeschmutzer aus der Rolle gefallen wegen ihres völlig unakzeptablen Umgangs mit geliehenem Geld – von den so hilfsbereiten Europäern!

Was sind denn nun aber die sogenannten gemeinsamen europäischen Werte, auf die sich beide Seiten gerne und voller Pathos berufen?

Vor allem doch die Polis – die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Überschaubar, berechenbar und verwandt im Geiste – mit Spielregeln und moralischen Standards, nach denen sie sich mitbestimmend richten wollten. Und wie groß, bzw. wie klein wird denn solch eine Gemeinschaft Gleichgesinnter sein können, bzw. müssen? Gemeinschaft – eine Idee – und Größe – eine Zahl; beides Begriffe, die zuerst einmal frei im Raume schweben. Sollen sie Bodenhaftung für sich beanspruchen, bedürfen sie allerdings der wirklichen Wahrnehmbarkeit und Erlebbarkeit eines jeden.

Folge? Solche Gemeinschaften können dann nur von kleiner Größe sein – so wie die Familie, die Sippe, der Stamm. Verbunden durch eine gemeinsame Sprache, Geschichte, Landschaft; die anderen Gemeinschaften am Horizont solch einer Gemeinschaft, die weiß und fühlt, was sie meint, wenn sie ‚wir‘ sagt, sind dann nähere und weitere ‚Verwandte‘, deren Sprache vielleicht ähnlich klingt, deren Geschichten aber schon recht eigenartig anmuten und deren Landschaften sehr verschieden sein können. So gedeihten sie für viele Jahrhunderte mehr oder weniger friedlich nebeneinander her, bis jemand auf die eigenartige Idee kam, mit Hilfe von zwei neuen Begriffen – Nation und Staat – solche kleinen überschaubaren Gemeinschaften in ein größeres Gebilde überhöhen zu können, besser zu machen, stärker, mächtiger. Und die an der Spitze solcher neuen übergroßen Gemeinschaften sollten dann auch das Recht haben, dem Rest vorschreiben zu können, was das richtige ‚Wir-Gefühl‘ zu sein habe. Bald schon galten die Vertreter der kleinen Gemeinschaften als ‚Gestrige‘, als Schwächlinge, als Irrläufer. Und wer möchte schon gern so bezeichnet werden? So dauerte es auch gar nicht mehr lange, bis kaum jemand noch von solchen ehemaligen Gemeinschaften als etwas Erstrebenswertem sprechen konnte. Man vergaß es gewissermaßen. Doch was man vergessen hat, muss deshalb noch lange nicht falsch gewesen sein. Vielleicht böte sich sogar das Bild von der Unfähigkeit zu trauern an, um die europäische Ratlosigkeit zu verstehen: Weil nach den großen Kriegen der europäische Einigungsgedanke so verführerisch und anziehend wirkte – statt uns zu bekriegen, sollten wir uns versöhnen – holte man aus der Büchse der Pandora das Wohlstands-Geschenk (die ganz große Liebe aller gleichermaßen), das allen zuteil werden sollte. Aber es war eben kein Geschenk, es war ein Geschäft, das immer der gewann, der schneller und billiger seine Waren anzubieten wusste. Sein Erfolg gab ihm scheinbar recht, jeder konnte es ihm nachmachen, wenn er wollte. So einfach schien diese Friedens-Idee. Nun wabert aber allerorten Unzufriedenheit und Wut und Zorn, weil so viele das Wohlstands-Versprechen nicht zu glauben vermögen. Eine schlimm enttäuschte Liebe also. Schon zu lange keine Arbeit, kein Brot. Und in der digitalen Welt wird gleichzeitig ein Glitzerbild einer unerschöpflichen Warenwelt vorgegaukelt. Ist es doch nicht das große Bild vom einen, ungeteilten Europa, das wir heute vor Augen haben, sondern das von einem ungerechten, zweigeteilten Europa?

Die Gallionsfigur aber für dieses große Bild, die will man nicht vergessen, die soll schön bleiben und unbefragt weiter für das Modell der neuen Großgemeinschaft gerade stehen. Europa.

Täglich beschwören Politiker (kommt auch vom Wort ‚polis‘) nun den großen Gemein- schaftsgedanken Europas und können sich ’natürlich‘ gar nicht mehr vorstellen (weil ja längst vergessen), dass ein Europa der kleinen Gemeinschaften viel mehr die Wirklichkeit abbilden würden, die diesen Erdteil kennzeichnet: Lauter kleine Sprach- und Geschichts- und Landschaftsgemeinschaften, Regionen, die wohl miteinander verwandt sind, aber sich gerade durch ihre jeweilige Andersartigkeit gut und bei sich fühlen.

An dieser Stelle könnte man auch kurz daran erinnern, was die großen Kosten an Menschenleben waren, um dem großen Gemeinschaftsgedanken ordentlich nachzuhelfen, weil mal dieser, mal jener auf die Idee gekommen war, dass der Erdteil noch viel besser zurecht käme, wenn einer dieser kleineren Gemeinschaften allen anderen vorschreiben würde, was ein echter Europäer in einem richtig großen Imperium erst sein würde. Neulich erst war in einer Zeitung der kleine Satz zu lesen: „Bis zu 185 Millionen Menschen sterben im 20. Jahrhundert durch Kriege und Massenmord.“ Und dem gehen 19 Jahrhunderte voraus, die Zahlen dazu würden sicher ins Unvorstellbare wachsen. Sind nicht 185 Millionen schon unvorstellbar? Jedenfalls hat das den Europäern wohl zu denken gegeben. Sie waren des Mordens müde geworden, so scheint es. Nicht aber der leidenschaftlichen Hingabe an die ganz große Gemeinschaft.

Und wo hat es sie hingeführt? Die europäische Gemeinschaft ist gar nicht mehr überschaubar, erst recht nicht berechenbar und nur noch sehr entfernt verwandt im Geiste, denn jeder ist sich da der nächste. Will möglichst viel aus dem gemeinsamen Topf für seine Bedürfnisse abzweigen. Reich an Sachen und reich an Geldmitteln ist sie wohl geworden und ungerecht – vor allem für so viele junge Menschen. Und der einzige Wert, auf den sich diese Gemeinschaft glaubt noch einigen zu können, ist die Zahl, die schwarze. Alles andere wird dem nachgeordnet. So ist es nicht verwunderlich, dass sich gerade an den Rändern dieser Gemeinschaft – weit entfernt von der „Mitte“ – immer mehr enttäuscht abwenden, auf Distanz gehen und sich fragen: „Was haben wir mit diesem Zahlen-Europa denn noch gemeinsam?“ Es funktioniert nicht, das große Modell. Wir wollten es so richtig lieben. Unsere Freunde aus der sogenannten Neuen Welt, die mitgeholfen hatten, Europa aus seiner Not zu erretten, schienen es uns ja vorzumachen, wie es besser gehen könnte. Nun sollten wir besser trauern, dass wir einer falschen Liebe aufgesessen sind, und dann uns besser besinnen, was für uns gemäßer sein könnte in diesem Erdteil und ein eigenes neues europäisches Bild entwerfen.

Nach so vielen Kriegen, Revolutionen und Irrwegen – wäre es da nicht wert, wieder den alten Gedanken an die kleinen Gemeinschaften neu zu denken? Wäre der Bretone, der Gäle, der Friese, der Tiroler, der Baske, der Jurasse und der Korse – um nur ein paar zu nennen – nicht viel glaubwürdiger ein Europäer, wenn er es aus seiner Sicht wieder sein könnte? Wo er sich auskennt, wo die Leute um ihn herum seine Sprache sprechen, wo die Alten den Kleinen Geschichten erzählen über Landschaften, die ihnen vertraut sind?

Und wäre das dann nicht eine wirkliche Revolution – weil wir Europäer erstmals wieder radikal dächten, nämlich von den Wurzeln her? Weil nach so vielen Odysseen, die dieser Erdteil nun hinter sich hat, es zu dämmern scheint, dass nur das Vertraute das Verstehbare sein kann, dass das Fremde demgegenüber nicht über die bloße Zahlenschiene eingeebnet werden darf und so das Verschiedene scheinbar gleichgemacht wird? Das wäre dann ein völlig neues Verständnis von Europa und den Europäern, das würde den Respekt vor den anderen mehren, den Frieden befördern und das Verständnis für die ‚Verwandten‘ sichern. Und wer reichte da dann nicht auch gerne jedem Flüchtling, den es an seine Gestade verschlagen sollte, die hilfreiche Hand? War Odysseus nicht auch ein Flüchtling gewesen?

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