16 Nov

Europa – Meditation 2

Europa – Meditation 2

In Mexiko werden – unter so vielen anderen schon – seit Wochen dreiundvierzig Studenten vermisst. Eltern, Geschwister, Freunde wollen das so nicht mehr hinnehmen. Gut so. Sie wollen dreiundvierzig Ratshäuser und Parteibüros anzünden. Ein Fanal der Verzweiflung, der Wut. Die willkürliche Gewalt feiert seit Jahren in Mexiko ein Drogenfest nach dem anderen. Auch an der Grenze zu den Vereinigten Staaten ist die Gewalt seit vielen, vielen Jahren Tag und Nacht mit am Tisch, am Arbeitsplatz, an der Bushaltestelle, im Taxi. Junge Frauen verschwinden gewaltsam und auf nimmer Wiedersehen.

Aber es ist scheinbar so weit weg von uns Europäern, so jenseits unserer Muster auch.

Oder vielleicht doch nicht?

In der ersten Meditation zu Eruopa war der Blick einen Augenblick gerichtet auf den Nahen Osten, wie er zu Anfang des 20. Jahrhunderts sehr mutwillig und selbstherrlich von den Europäern in Scheiben und Scheibchen zerteilt wurde, damit man ja genug vom Kuchen, dem zerbröselnden, abbekommt. Unselige Folgen unseliger Willkür seitdem. Die Medien haben es anschaulich auf Karten und in gut belegten Artikeln vor jedem, der es wissen will, ausgebreitet. Denn das, was da jetzt scheinbar so unvorhersehbar zu zerfallen scheint, war doch nie ein Zusammengehörendes, ein größeres Ganzes. Es waren Zwangsterritorien, in denen gewaltsam Menschen mit so unterschiedlichen religiösen, ethnischen, familiären Hintergründen zusammengepfercht waren, dass jeder halbwegs einsichtige Mensch hätte vorhersagen können, das kann nicht gut gehen, nein, das kann wirklich nicht gut gehen. Fast böte sich das Bild des Bumerangs an, um das, was jetzt dort geschieht, vorstellbar zu machen. Aber lassen wir es lieber, weil es zu einfach, zu automatisch erscheinen könnte.

In der zweiten Meditation zu Europa ist der Blick nun für einen Moment auf Mittelamerika gerichtet.

Auch da haben die Europäer (im Nahen Osten vor allem Engländer und Franzosen und Jungtürken, in Mittelamerika vor allem Spanier, weiter südlich dann Portugiesen und weiter nördlich Holländer, Engländer und Franzosen) ebenfalls nach gusto und gewaltsam Grenzen gezogen und Landschaften neue Namen gegeben und neuen Glauben aufgezwungen. Die, die seit je dort schon lebten, hatten sich dem zu unterwerfen oder verfielen dem Tode. In Filmen und historischen Romanen haben Künstler versucht, diese unselige Geschichte in anschauliche Bilder zu fassen, die seitdem unser Gedächtnis bevölkern, beruhigen und unterhalten. Als einziges Beispiel sei hier nur an Werner Herzogs Film Aguirre oder der Zorn Gottes erinnert: Die Gier nach Gold trieb die Eroberer tief in den Urwald, bis die Natur sie einfach verschlang. Damals. Heute scheint sich selbst die Natur geschlagen zu geben. Erst kürzlich ging es wieder erbarmungslos um die Gier nach Gold in einem Film, der in Mexiko spielt: The Counselor . Prahlende Drogenbarone kennen nicht nur keine Gnade gegen die Arbeitsklaven, nein, auch nicht gegen die Konkurrenten, falls die ihnen dazwischen funken wollen. Denn „die Gier ist der Abgrund“, in dem sie alle im freien Fall taumeln und lachen und töten. Der mit glitzernden Statussymbolen reich behängte Moloch hat einen großen Hunger, der nie gesättigt ist. Mehr, mehr, mehr! Und dem bringen die Barone jedwedes Opfer. Und die Drogenopfer sind ja sowieso selber schuld, die dummen! Als gäbe es einen späten Zusammenhang – könnte man meinen – zwischen den Gewaltorgien des 17. und 21. Jahrhunderts – als käme da, wie ein Bumerang ( aber das wäre ja, wie gesagt, ein zu einfaches Bild), ein gewaltiges Echo in die Gegenwart zurück, das uns für einen Augenblick verstört, bevor sicher auf einem anderen Sender ein weniger unappetitliches Thema konsumiert werden kann, das gerne helfen wird, Nachdenken, Besinnen, Selbstkritisches Schlussfolgern nicht nahezulegen.

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