13 Jun

Europa – Verraten und verkauft? (Meditation # 42)

Fröhlicher Abschied von schlechten Gewohnheiten

Erinnern wir uns kurz: 1945 – kamen die Sieger nach Mitteleuropa, um der rohen Gewalt ein Ende zu setzen. No fraternisation! War die Losung der ersten Stunde nach der sogenannten Stunde null. Reeducation hieß es aber schon bald – der ökonomisch und militärisch mächtige Hegemon übernahm die moralische Führung – so jedenfalls sah es damals aus. Aber worin bestand diese Führung? In der Einführung der zivilisatorischen und ökonomischen Eckdaten aus Übersee. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Besiegten in den Besatzungszonen spielten schnell die reumütigen Schweiger, die Persil genauso lieben lernten wie die Besatzer. Ein friedfertiges Europa sollte entstehen – unter der fürsorglichen Aufsicht der Demokratie-Oldies. Eifrig baute man und baute man. Neue Häuser, neue Straßen, neue Brücken, neue Bahnlinien, neue Talsperren, neue Schulen, neue Universitäten, neue Banken und ein neues Europa. Und an einem neuen „Image“ baute man. Schon der Begriff kam aus einer fremden Sprache, erst recht die dahinter stehenden Inhalte. Ein „NEW DEAL“ für Europa gewissermaßen. Die Spielregeln wurden frohlockend mitgeliefert und hier gerne abgesegnet.

Erinnern wir uns noch an den stolzen Begriff „deutsche Wertarbeit“ und an die damit verbundenen Wertschätzungen: Ein Wintermantel zum Beispiel: Der sollte nicht nur warm halten, sondern auch lange halten, weil er aus gutem Material gefertigt war. Ein neues Auto: Das sollte nicht nur solide verarbeitet sein, nein, es sollte auch langlebig und gepflegt sein. Ein Ehe, sie sollte nicht nur gut überlegt sein, sondern möglichst auch lange halten. Kinder sollten dazu gehören, damals, sie sollten eine gute Schule besuchen und einen befriedigenden Beruf finden können.

Oder erinnern wir uns doch noch einmal an die Kinderlieder, an die Märchen, die alte Musik, die Geschichtsbücher über die Geschichte der Völker von der Völkerwanderung bis heute – oder an die Familienfeste: Namenstag, Hochzeitstag, Weihnachten, Ostern…und die Geschichten, die die Großeltern zu erzählen wussten von ihren Großeltern, die aus dem Süden in den Norden gezogen waren oder aus dem Osten in den Westen und noch eigenartige Dialekte zu sprechen vermochten…

Und wo führte uns dann diese moralische Führung der Sieger hin?

Dass der Junior-Partner sich nach und nach zum Pseudo-Hegemon in Europa mauserte. Da gab es die ersten Knirschgeräusche.

Dahin, dass wir nach und nach alles über Bord warfen, was vor den Wert- schätzungen eben dieser Sieger nichts wert war oder noch weniger als das: Nichts taugte, altmodisch, überlebt und als nicht zukunftstauglich galt. Gute Laune war dabei angesagt, mit Lust sollte man all den Krempel über Bord werfen, mit Verve den „new way of life“ überziehen, wie wild dazu tanzen, laut singen und schnell fliegen, auf die Azoren, auf die Malediven.

Schau, schau, da sind sie ja schon, die süffisant grinsenden Fortschrittsbeglaubiger und ringen sich voller Erbarmen ein mitleidiges Lächeln ab: Wieder so ein ewig Gestriger, der einfach nicht mitbekommen hat, was die Stunde geschlagen hat. Hurtig haben sie ihre kleinen Schmuckschuber parat, in die sie das Gesagte mit geschürzten Lippen plumpsen lassen: „Haben wir nicht schon genug dekadente Nostalgiker mit Strauß, Mosbacher, Handke, Zeh und Co? Wetten, gleich kommt bestimmt der Oberslogan dieser Typen: ‚Ein Volk ohne Erinnerung ist ein Volk ohne Zukunft.‘?“ So ist es. Aber an was erinnern wir uns denn in Europa noch über Europas eigene Geschichte? An was aus unseren Familiengeschichten, an was aus den Kunstgeschichten der europäischen Völker und Regionen? Dass einige wenige sehr, sehr reich wurden, und der Rest ziemlich leer ausging. Erinnerungslos, haltlos, bodenlos. Eine erbärmliche Geschichte.

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