30 Jun

Europa – Meditation # 206

Die Lemminge tanzen wieder auf dem Vulkan.

Was war im Focus für mehr als zwei Monate in Europa? Genau – der unsichtbare Feind von Feiern, Festen, Fröhlichkeit. Von Versammlungen und Sorglosigkeit, von Musik, Tanz und Gesang. Davor lagen Wochen der Empörung über den sogenannte Brexit, über Klimakatastrophe, über zu große und zu viele Ozeanriesen in Venedig, über Cum-EX-Skandale, Korruption auf Malta und in Slowenien, in Brasilien – die Liste ließe sich leicht verlängern.

Und plötzlich schien alles auf Null gestellt und die Europäer fingen an, wie die kleinen Kinder im Kindergarten Fragen zu stellen, die vorher als Traumwelten im Keller der Vernunft vor sich hin schimmelten.

Ist dieser heißgelaufene Turbo-Konsum inzwischen vielleicht doch etwas abartig geraten?

Ist dieser unablässige Stress von Arbeit und Wochenende mit lauter Pillen an Bord inzwischen vielleicht doch etwas abartig geraten?

Ist dieses Vielfliegen und Fernreisen, dieses Verschwenden von Energie und Resourcen inzwischen vielleicht doch etwas abartig geraten?

Wäre es nicht der richtige Zeitpunkt – nach dem Ende der Pandamie – auszusteigen aus diesem abartigen Gezappele?

Ja, man konnte es sich theoretisch wirklich gut vorstellen. Plötzlich so viel Hilfsbereitschaft, soviel Empathie, soviel Ehrlichkeit.

Alle eingesperrt in ihrem Wohnbereich hatten plötzlich die notwendige Zeit, die Bedürfnisse der Frauen, der Kinder, der Alten als ernst zunehmende wahrzunehmen. (Oder eben auch nicht – hinter verschlossenen Türen stieg der Macho-Druck noch mehr als sonst – eine verborgene und unselige Geschichte, die erst demnächst an die Oberfläche gespült werden wird.)

Der Gewalt von außen galt es, etwas entgegen zu setzen.

Der Angst vor der Willkür des Todes galt es, mit Besonnenheit, Bescheidenheit und Nähe zu antworten.

Das war die Stunde der Idealisten.

Das war sie.

Denn jetzt, wo die meisten erleichtert meinen, der Albtraum sei vorbei und alles könne wieder so laufen wie früher, erweisen sich die Fragen und Ideen des Eingesperrtseins als eher peinlicher Schwächeanfall, dem man möglichst schnell im schnellen Auto oder Flugzeug vergessen möchte.

Nichts wie weg!

Und schon tanzen die Lemminge wieder auf dem Vulkan!

Auf zu neuen Themen und Aufregern!

Rassismus! Wirecard! Trampelstilzchens neue Abenteuer! Und John Wayne sagt noch einmal aus dem Off in aller Deutlichkeit: Wir Weißen sind eben doch die bessere Rasse. Schon immer. Und die Indianer? Die können doch froh sein, dass wir sie zu unseren Werten hoch hieven wollten.

Es ist zum Ameisen melken!

Wann kommt die Vernunft von ihrer langen Irrfahrt endlich wieder zurück?

24 Jun

Europa – Meditation # 205

Tönnes und Schäl

Was wäre Europa ohne seinen Humor, ohne seine schrägen Vögel, die als Puppen auf kleinen und großen Bühnen für gute Unterhaltung von groß und klein und für heilsames Lachen sorgten und sorgen? Dabei wurden schon immer die alltäglichen Themen von Betrug und Missgunst, von Dummheit und Gerissenheit genauso anschaulich vorgetragen wie die Dauerbrenner Liebe, Tod, Gier und Missverständnisse – in italienisch genauso wie in spanisch, in französisch oder in englisch, aber eben auch in deutsch, am besten in melodischem Dialekt. Tünnes und Schäl aus Köln sind als Typen längst im Gedächtnis der Rheinländer liebevoll verankert. Knollennasig und rustikal, bauernschlau und gerissen. Hinterhältig. Auch in diesem Genre also gibt es eine europaweite Verwandtschaft und Tradition.

Nun können sie im Rheinland mal wieder so richtig laut lachen, bis die Tränen kommen, so komisch ist die neue Nummer:

Da hat sich der Tünnes doch tatsächlich in den Schäl verwandelt. Nä, dat stimmt überhaupt nicht, der Schäl hätt sich in de Tönnes verwandelt… so ne Quatsch aber auch, stimmt doch ja nicht! Et jibt jetzt einfach ne neue Fijur, in der eben beide Charaktere verschmelzen! Dat muss man sich einfach mal auf der Zunge zerschmilzen lassen, echt!

Und wer soll dat sinn?

Wie, dat muss du echt noch froojen?

Je mal op de Strooß und frach die Lütt, dann weißte Bescheid.

Man, komm, saachet mir doch gleich!

Juut. Also die neue Bühne mit dem neuen Knallkopp steht nicht neben dem Dom, auch nicht am Rhein, sondern ganz bescheiden in der Provinz.

Provinz? Aber doch hoffentlich nicht in Westfalen oder?

Volltreffer.

Nä! Dat glöv ich net, nä!

Du weißt doch sicher, dat der Tönnes und de Schäl immer jans järn ne haleve haan jemampft haben.

Mit nem Kölsch, klar. Genau.

Und jetzt kütt die neue Nummer: Der Knallkopp, der den Tünnes und den Schäl in eine Person jepresst hat, der findet Käs eben Käs und hat deshalb nen Frikadellenladen off jemaht.

Nä, dat glöv ich net, nä!

Pass op, dat kütt noch besser: Der Typ, die Tönnes/Schäl-Marionette aus der Provinz, der hat Kohle im Keller wie andere Stroh im Stall haben.

Nä, ehrlich? Wie hat der dat denn jeschafft?

Janz einfach: Der hat neben dem Kohlenkeller noch jede Menge andere Kellerräume, in denen arbeiten aber nicht die sieben Zwerge, sondern unterbezahlte Fremde, die da zu zweit jeweils in einem Bett pennen, schichtweise, versteht sich.

Un watt soll daran so lustig sein? Jute Frage, jute Frage, echt!

19 Jun

Leseprobe – Fabeln – erzählt von der kleinen Fee # 46

Zurück im feucht dampfenden Urwald von Jonathonien Fabel # 46

Babóso flüstert Wíldepu etwas ins Ohr.

Als Babóso sein großes, großes Geheimnis verkündet hat, wird es noch einmal richtig still im feucht duftenden Urwald von Jonathonien. Aber nur kurz. Denn dann beginnt ein endloses Palaver und Gequatsche der Affen- und Piratenbande, der Papageien und Krokodile, der Schlangen und Spinnen, der Kakadus und Wildschweine, der Chamäleons und Riesenschmetterlinge. Es würde lange dauern, um alle aufzuzählen. Aber jeder von ihnen meint zu wissen, was denn das große, große Geheimnis sei. Jeder, klar. Und so streiten sie laut und besserwisserisch, schreien sich gegenseitig an, hüpfen aufgeregt hin und her und wollen dem anderen gar nicht zuhören. Denn jeder weiß ja die richtige Antwort. In dem lärmenden Geschrei müssen es tausende sein. Aber welche ist denn die richtige?

Wo stecken denn unsere Freunde eigentlich?

Aha.

Sie haben sich alle um Babóso versammelt. Sie möchten die Antwort aus ihm heraus kitzeln. Babóso lässt sich gerne kitzeln. Aber sein Geheimnis verrät er nicht. Er kichert und kichert.

„Los, Babóso, los, jetzt sag es schon!“ Unsere Freunde bestürmen ihn und kitzeln ihn in einem fort. „Uns kannst du es doch sagen, wir sind doch alle deine Freunde – oder?“

Babóso kichert und kichert. Schließlich – unsere Freunde können gar nicht so schnell reagieren – schnappt sich Babóso Wíldepu und schwingt sich mit einem riesigen Satz ins Geäst des uralten Kapokbaums. Höher und höher schwingt er sich, bis seine Freunde ihn gar nicht mehr zwischen den großen Blättern erkennen könnne.

„He, Babóso, das ist gemein! Komm sofort wieder runter, los!“

Aber der denkt gar nicht daran. Er setzt Wíldepu auf einen dicken Ast oben im Wipfel des Kapokbaums und flüstert ihr leise und verschwörerisch etwas ins Ohr. Was er aber nicht bemerkt hat, ist, dass Thói sich im langen Haar von Wíldepu versteckt hat und alles voll mit bekommt.

„Und du musst mir versprechen, es niemandem weiter zu sagen. Versprochen?“

Wíldpu nickt lachend. Babóso ist zufrieden und schwingt sich wieder hinab. Von Ast zu Ast, bis er wieder unten bei der Affen- und Piratenbande ist, die immer noch darüber streiten, wer denn nun das Geheimnis wirklich weiß.

„He, Babóso!“ ruft Jimmyjammy, „wo hast du Wíldepu denn hin geschleppt?“

„Ich?“ Babóso spielt den Ahnungslosen, „äh, also, ich glaub, die wollte mal frische Luft schnappen und sitzt jetzt sicher ganz oben mit herrlichem Ausblick über den Urwald.“

Unsere Freunde glauben ihm kein Wort. Sie lachen sich schlapp.

„Ja, ja“, plappern sie durcheinander, „du willst ja nur davon ablenken, was es mit deinem komischen Geheimnis im Oktober auf sich hat, stimmt‘s?“