„Wir
wollen nicht länger diesem Götzen dienen!“
Es ist nur
ein sehr kurzer Schlaf, der ihnen gegönnt wird. Ihre Träume sind
es, die sie wieder wecken. Als wären ihnen Flügel gewachsen. Als
wären sie einer langen Verbannung entlaufen. Emilia ist es, gerade
im Augenblick des Aufwachens, als gingen alte Männer hinter ihr her,
die sie beschimpfen, bedrohen. Aber sie hat überhaupt keine Angst
dabei. Im Gegenteil: Sie lacht, weil diese Männer, je näher sie
kommen, umso kleiner werden und ihre Stimmen zu Flüstertönen
verebben, die sie nicht verstehen kann. Ihr Lachen aber wird lauter
und lauter und weckt sie so aus dem Schlaf. Und neben ihr Elise
schlägt auch gerade ihre Augen auf, atmet tief ein und sagt dann zu
Emilia:
„Hast du
mich gerade gerufen? In meinem Traum gingen wir zusammen spazieren,
Arm in Arm. Dabei waren wir umringt von müden Soldaten, die
anscheinend erschöpft von einem verlorenen Feldzug zurückkehrten.
Wir winkten ihnen zu, aber die Männer lösten sich wie Nebelwesen in
Nichts auf. ‚Mich wundert es überhaupt nicht, dass die so lautlos
verschwinden‘, war dein Kommentar dazu. Ich schaute dich völlig
verblüfft an. Deine Stimme klang so sicher und stark.“
Und Lukimeeló, die zwar noch meint zu schlafen, obwohl Lordum sie gerade behutsam wach küsst, erinnert sich noch genau, wie sie eben einem Bischof im Beichtstuhl im Dom von Florenz ins Gesicht zischte: ‚Wir wollen nicht länger eurem Götzen dienen, diesem unsichtbaren Popanz, diesem…‘ und – als wäre es eine Zauberformel gewesen – dadurch der Mann in seiner lila Soutane schrumpft und schrumpft und gleichzeitig wild gestikulierend und mit rollenden Augen schlimme Flüche der Beichtenden entgegen schleudert.
„Lukimeeló,
was hast du denn gerade geträumt?“ fragt Lordum nach dem Weckkuss.
„Ein
schrumpfender Bischof verfluchte mich im Beichtstuhl. Ich musste so
lachen, weil er wie eine aufgeblasene Puppe zischend Luft verlor und
in sich zusammen sackte.“
Und Lordum?
Er erinnert sich nicht mehr an seine Träume, obwohl er ziemlich
sicher ist, dass auch er geträumt hat. Da kommt die Zauberin,
Klipenia, an ihnen vorbei. Sie lächelt vielsagend, winkt ihnen zu
und scheint Lordum zu ermutigen, Lukimeeló zu verraten, was in ihm
vorging, eben.
„Hör mal,
Liebe, deine weichen Lippen entlocken mir Worte und Bilder, von denen
ich nicht weiß, wo sie her kommen: Säulen standen in einem Oval
über eine weite Wiese verteilt, in der Mitte kichernde Priesterinnen
in langen, blauen Gewändern. Dünner Stoff, der mir lustvolle
Durchblicke erlaubte. Sie winken mich heran. Und als ich näher
komme, bemerke ich, dass sie alle wie du aussehen. Wie kann das sein?
Ich hatte ein Gefühl, als badete ich in einem klaren See von Glück.
Ich ließ mich treiben. Dein Geruch, deine Haut, deine Seufzer trugen
mich, so dass ich nicht untergehen konnte. Weder hatte ich Angst zu
versinken, noch dich zu verlieren. Du warst um mich wie Seide, die
kühl und schmeichelnd über meinen Körper glitt. Dabei lagen wir
auf dieser Wiese – Säulen geschützt – und sahen uns an, als
sähen wir uns zum aller ersten Mal. Wunderbar.“
Lukimeeló
schließt glücklich ihre Augen. Frau Angst war längst abgereist.