22 Juli

AbB – Erneute Versuche – # 66 Leseprobe

Und wenn es doch kein Flipperspiel sein sollte?

So lange schon lässt sich die innere Stimme übertönen von den Echos früher Einflüsterungen.

Doch der Sehnsucht Flehen lässt sich dennoch nicht übergehen.

Alles scheint wohl geordnet nach Zahlen und Figuren festgeschrieben,

Wäre da nicht in immer wiederkehrenden Tagträumen dieser störende Ton,

Der von innen her gegen das rostende Gitter so gewöhnlicher Muster alltäglicher Bilder

Anschwillt und wieder verebbt und dann wieder erneut unüberhörbar lockt:

Was soll das aufwendige Theater vor hauchdünnen Kulissen schriller Einbildungen?

Was könnte nicht alles an lustvollen Augenblicken genossen werden,

Wenn Angst und Schuldgefühle als das erkannt würden, was sie sind:

Pappkameraden, Flipperkugeln, die heimtückisch ablenken von wirklicher Lebenslust,

Weil sie scheinbar unausweichlich wie öde Ölgötzen uns im Wege stehen.

20 Juli

AbB – Erneute Autobiographische Versuche # 64 – Leseprobe

Der verführerische Flipper-Automat.

Apropos Irritationen: Lange genug hat ihn als junger Mensch die scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der um ihn herum die Erdlinge sich und die Welt wortreich zu deuten wussten, nicht nur irritiert, sondern auch richtig auf die Palme gebracht. Wie konnten die sich alle so sicher sein bei ihren Behauptungen, Deutungen, „Analysen“?

Hatte nicht schon Lukrez vor gut zweitausend Jahren in seinem poetischen Text „De Rerum Natura“ ein viel naheliegenderes Angebot gemacht? (das „natürlich“ ex cathedra auf den Index verbannt wurde, bis es zu Beginn der Neuzeit zufällig wieder entdeckt wurde!)

Wie bei einem Flipper-Automat, bei dem der Spieler glauben mag, nachhaltigen Einfluss auf den bizarren Lauf der Kugel nehmen zu können, die aber völlig willkürlich, randomisiert, fällt und fällt, anstößt, vom Impuls des Spieler irritiert weiter fällt und fällt – nach völlig zufälligen Zusammenstößen, Verzögerungen, Beschleunigungen, bis sie von da nach da einfach so zum Ende stürzt und verschwindet, so beschreibt auch Lukrez die Bewegungen der Atome, die sich zufällig begegnen, dadurch ihre Bahnen unvorhersehbar verändern, bis sie bei neuen Kollisionen aufs Neue wieder in eine andere Richtung fallen, immer in Bewegung, immer alles neu verortet im schier ortlosen All, das schweigend und kalt diesem tollen Treiben zuschaut. Die kleinsten Veränderungen erzeugen so unablässig die größten Wirkungen, weil alles mit allem zusammenhängt und nichts verloren geht, aber stets alles fließt und fließt. Unüberschaubar, unberechenbar. Unterwegs.

So geht es auch den Erdlingen, dieser wunderbaren und zufälligen Verbindung von Atomen, die dummerweise aber mit Verstand geschlagen sind, den sie übereifrig benutzen, um sich und die unendlichen Bewegungen um sich herum in geordnete, rationale Muster zu bannen, denen sie Namen geben und Berechenbarkeit attestieren, reiner Mutwille doch. Sie wiederholen einfach so lange ihre wortreichen Deutungs-Flipper-Spiele, bis sie vergessen haben, dass es randomisierte Einbildungen sind, nach denen sie sich ein Leben lang richten. So erscheint ihnen die unvorhersehbare – weil zufällige – Begegnung ihrer selbst mit anderen und der Welt ein Schachspiel, das man lernen und beherrschen kann. Stolz wähnen sie sich dann als König oder Dame über dieses Spiel unterwegs zu sein, das aber dennoch weiter so läuft, wie es eben läuft: Zufällig, wahllos, ziellos und endlos in Bewegung. Ein blendendes Feuerwerk an Willkür eben. Sonst nichts.

30 Juni

AbB – Neue Versuche (Dekameron) # 76 Leseprobe

„Wir wollen nicht länger diesem Götzen dienen!“

Es ist nur ein sehr kurzer Schlaf, der ihnen gegönnt wird. Ihre Träume sind es, die sie wieder wecken. Als wären ihnen Flügel gewachsen. Als wären sie einer langen Verbannung entlaufen. Emilia ist es, gerade im Augenblick des Aufwachens, als gingen alte Männer hinter ihr her, die sie beschimpfen, bedrohen. Aber sie hat überhaupt keine Angst dabei. Im Gegenteil: Sie lacht, weil diese Männer, je näher sie kommen, umso kleiner werden und ihre Stimmen zu Flüstertönen verebben, die sie nicht verstehen kann. Ihr Lachen aber wird lauter und lauter und weckt sie so aus dem Schlaf. Und neben ihr Elise schlägt auch gerade ihre Augen auf, atmet tief ein und sagt dann zu Emilia:

„Hast du mich gerade gerufen? In meinem Traum gingen wir zusammen spazieren, Arm in Arm. Dabei waren wir umringt von müden Soldaten, die anscheinend erschöpft von einem verlorenen Feldzug zurückkehrten. Wir winkten ihnen zu, aber die Männer lösten sich wie Nebelwesen in Nichts auf. ‚Mich wundert es überhaupt nicht, dass die so lautlos verschwinden‘, war dein Kommentar dazu. Ich schaute dich völlig verblüfft an. Deine Stimme klang so sicher und stark.“

Und Lukimeeló, die zwar noch meint zu schlafen, obwohl Lordum sie gerade behutsam wach küsst, erinnert sich noch genau, wie sie eben einem Bischof im Beichtstuhl im Dom von Florenz ins Gesicht zischte: ‚Wir wollen nicht länger eurem Götzen dienen, diesem unsichtbaren Popanz, diesem…‘ und – als wäre es eine Zauberformel gewesen – dadurch der Mann in seiner lila Soutane schrumpft und schrumpft und gleichzeitig wild gestikulierend und mit rollenden Augen schlimme Flüche der Beichtenden entgegen schleudert.

„Lukimeeló, was hast du denn gerade geträumt?“ fragt Lordum nach dem Weckkuss.

„Ein schrumpfender Bischof verfluchte mich im Beichtstuhl. Ich musste so lachen, weil er wie eine aufgeblasene Puppe zischend Luft verlor und in sich zusammen sackte.“

Und Lordum? Er erinnert sich nicht mehr an seine Träume, obwohl er ziemlich sicher ist, dass auch er geträumt hat. Da kommt die Zauberin, Klipenia, an ihnen vorbei. Sie lächelt vielsagend, winkt ihnen zu und scheint Lordum zu ermutigen, Lukimeeló zu verraten, was in ihm vorging, eben.

„Hör mal, Liebe, deine weichen Lippen entlocken mir Worte und Bilder, von denen ich nicht weiß, wo sie her kommen: Säulen standen in einem Oval über eine weite Wiese verteilt, in der Mitte kichernde Priesterinnen in langen, blauen Gewändern. Dünner Stoff, der mir lustvolle Durchblicke erlaubte. Sie winken mich heran. Und als ich näher komme, bemerke ich, dass sie alle wie du aussehen. Wie kann das sein? Ich hatte ein Gefühl, als badete ich in einem klaren See von Glück. Ich ließ mich treiben. Dein Geruch, deine Haut, deine Seufzer trugen mich, so dass ich nicht untergehen konnte. Weder hatte ich Angst zu versinken, noch dich zu verlieren. Du warst um mich wie Seide, die kühl und schmeichelnd über meinen Körper glitt. Dabei lagen wir auf dieser Wiese – Säulen geschützt – und sahen uns an, als sähen wir uns zum aller ersten Mal. Wunderbar.“

Lukimeeló schließt glücklich ihre Augen. Frau Angst war längst abgereist.