03 Okt.

AbB – Neue Versuche (Dekameron) # 78 – Leseprobe

Endlich kann das Begehren sich bewähren.

Lukimmeló und Lordum spüren geradezu, wie die steinernen Portalfiguren ihrer Kindheit zerbröseln. Sie sacken in sich zusammen, als wären sie aus pulvrigem Sand. Beiden wird leichter und leichter ums Herz. Die Morgendämmerung begrüßt sie wohlwollend und voller Behutsamkeit. Langsam. Voller Begeisterung und Begehren gleiten ihre Blicke über die nackten Körper. Die kühle Morgenluft streichelt haarsträubend über sie hin. Und weit über ihnen kreisen jetzt zwei große Greifvögel, Adler wohl, deren spitze Schreie ihnen wie das Auslachen alter und scheinbarer Gewissheiten in ihrem Denken anmuten. Ausgelacht sind sie nun. In sich zerfallen. Kleine Halden verlogener Gewissheiten. Hin. Nun aber blüht endlich wieder natürliches Begehren auf.

„Ich fühle mich so frei, so unendlich frei wie noch nie in meinem Leben“, sagt Lukimeeló zu Lordum.

„Ich auch“, ist alles, was er ihr erwidern kann.

Sie wissen, was für eine verführerische Schlange die Sprache ist. Dieser Quälgeist, er macht im Handumdrehen aus Begehrenswertem Angstschweres. Aus natürlicher Lust unnatürliches Befremden, Schuldgefühle, Vorwürfe. Im Handumdrehen. Jetzt fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Jetzt lassen sie es mit jedem Atemzug lustvoll aus sich entweichen. Wie einen Dämonenfluch, der sie schon so lange meinte niederzwingen zu dürfen.

Nur wenn dem Begehren gleiches Begehren entgegen giert, können die Sinne – und nur sie – im lustvollen Tanz von Suchen und Finden zum Ziel gelangen.

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„Komm, komm!“ flüstert Lukimeeló lockend.

Gleichzeitig drückt sie mit beiden Händen ihre beiden Oberschenkel hoch und auseinander. Wie zufällig sieht sie in diesem Dreieck oben am Himmel den Adler kreisen, als wäre er – wie durch einen Zauber- in diesen Raum gebannt, als hätte sie ihn gefangen. Sie selbst fühlt sich dabei so frei wie noch nie. So frei.

Lordum schiebt nun vorsichtig seinen Kopf in die Spitze dieses kühnen Dreiecks und liebkost mit seiner Zunge den kleinen, glänzenden Hügel darin.

Lukimeeló stöhnt gierig gern ihm entgegen.

„Mehr, mehr!“ spornt sie ihn übermütig an, „mehr!“

Sie hatte gedacht, er würde gleich in sie hineingleiten.

Dass er nun mit seinem Kopf zwischen ihren Beinen versunken ist, lässt sie vor Wonne fast zerspringen. Und da sind keine Störeinflüsterungen mehr, die der Freude in die Quere kämen. Da ist nur lustvolle Zustimmung, reines Begehren. Schon kommen in mehreren Wellen von innen her sie überflutende Glücksgefühle nach oben, jubilierende, wie zu freiem Flug abhebende Gesänge. Sein Kopf kommt nun hoch zu ihr. Lippen noch feucht vom berauschenden Trinken am Zauberberg. Gleichzeitig spürt sie, wie wohlige Wärme in sie eindringt, sie völlig ausfüllt. Und sein schönes Stöhnen nimmt sie genauso bereitwillig in sich auf wie seinen warmen Samen, der in ungestümem Schwall in sie hinein sich ergießt.

Als würden Zeit und Raum wie eben erst die morschen Portalfiguren bröselnd in sich zusammen fallen, so scheinen Lordum und Lukimeeló den

S e i t e 3

unverhofften Augenblick zu erleben, dem sie sich endlich frei und ganz hingeben können. Doch jetzt ist es Lukimeeló, die ihn sacht von sich schiebt, um sich stolz über ihm zu erheben und ihn so erneut in sich zu versenken. „Ah, wir sind eins…!“ haucht sie lüstern in sein Ohr, „eins!“

Später – die ersten Morgensonnenstrahlen bringen gerade die vielen Schweißtropfen auf ihrer Haut bunt und wunderbar zum Glitzern – müssen sie immer wieder lachen. Oft völlig unvermittelt. Da purzeln alte Satzgebilde aus dem Kopf in ihr müdes Bewusstsein. Wie Fremdlinge muten sie sich an.

„Kenne ich nicht, weiß ich nicht, brauch ich nicht…“

So oder so ähnlich kommentieren sie die langweiligen Querschläger aus früheren Tagen. Die Großeltern, die Eltern, die Priester, die Lehrer, deren Geplapper kommt ihnen nun vor wie ulkiges Gekrächze. Immer wieder müssen sie in ihrem Tagtraum, den sie nun sich gönnen, fragen: „Was hast du gesagt? Ich verstehe dich nicht, Mutter. Was meinst du damit, Großvater?“ Als wären es müßige Gespräche aus einem verflossenen Leben, einer völlig anderen Welt, die auf einem anderen Planeten wohl gerade stattfinden mag, nicht aber in ihrem Augenblick, den sie beide gerade fühlen. Unverständlich, unvorstellbar, unsinnig. Überflüssig. Wenn sich Lukimeeló und Lordum nun in diesem klaren Morgenlicht von der Seite her anschauen, sind sie sich ganz sicher: ihr vorheriges Dasein war nur Vorspiel auf dem Theater, ein irriger Probelauf, der sich als müßig herausgestellt hat. Sie sind nun endlich frei. Frei wie der stolze Adler oben über ihnen. Gelassen zieht er dort seine Kreise. Kennt keine Angst.

N a c h w o r t

Viele Jahre später in Florenz.

Die Folgen des Sensenmannes, der im Dienste der Pest, so lange und so schlimm in ganz Europa wüten durfte, sind immer noch nicht überwunden. In den Gassen von Florenz wanken in langen, schwarzen Gewändern trauernde Großmütter hin und her. Murmeln Gebete, sprechen mit den Toten, als wären sie noch an ihrer Seite.

„Ja, ja, mein lieber Sohn, pass gut auf dich auf und komm bald wieder heim…“

Tränen laufen faltige Wangen hinab.

„Was hast du gerade gesagt? Du sprichst so leise. Du weißt doch, ich höre nicht mehr so gut.“

Jetzt steht die Alte am Ufer des träge dahin fließenden Flusses. Ganz in Gedanken meint sie das Lachen von Kindern zu hören. Dann starrt sie auf einen Körper, der im Wasser an ihr vorbei zu gleiten scheint. Fast verliert sie ihren Halt und wäre in den Fluss gestürzt, wenn nicht im gleichen Moment eine Schar Tauben dicht vor ihr vorbei geflattert wäre. Sie schreckt hoch und sucht Halt an einer Uferweide. Glück gehabt.

Oder war es Klipenia, die Zauberin, die Mitleid mit der Alten hat?

Ganz in der Nähe fühlt auch Lordum die Nähe der Zauberin. Er erinnert sich an die Nacht, als er diesen hellen Schweif am Himmel gesehen hatte. Lukimeeló neben ihm. Und der Tempel der Eos vor ihnen geheimnisvoll beleuchtet vom Mond. Sie hatte ihn gefragt, ob er sich etwas gewünscht habe. Auch an die Geschwister Gewalt und Angst denkt er – wie damals. Nur haben sie längst keinen Platz mehr in seiner Gefühlswelt.

S e i t e II

Seine Wutrede. Jetzt kann er darüber nur lachen. Natürlich hat er längst geheiratet, hat Kinder. Die studieren inzwischen in Bologna Jurisprudenz. Aber er fühlt sich so frei wie noch nie in seinem Leben. Als würde erst jetzt die Zeit ungebremster Lebensfreude einsetzen. Er schreibt am offenen Fenster gerade einen Brief an die Meisterin ihrer Geheimgesellschaft.

„Liebste, Lukimeeló! Beim nächsten Vollmond möchte ich dich wiedersehen.

Oben vor San Miniato al Monte auf der kleinen Terrasse, von der man diesen wunderbaren Blick hinunter auf den Fluss und den Dom hat.“ Mit Schwung versiegelt er das kurze Schreiben, es soll heute noch mit einem Boten zu ihr gebracht werden, heute noch.

Wie sehr hat sich die Welt für die Flüchtlinge von damals doch verändert!Wie Lordum und Lukimeeló haben auch die anderen Paare, die damals in dieser unvergesslichen Mondnacht bei einander gelegen hatten, die Einflüsterungen aus Kindertagen wie welke Blätter hinter sich gelassen. Sie haben sich die Lebensstufen neu zusammengesetzt. Gewalt und Angst daraus verbannt, für immer. So können sie nun – völlig frei von Schuldgefühlen oder Eifersucht – zueinander finden und die Wünsche der inneren Natur frei in Erfüllung gehen lassen.

Immer wieder und voller Lebensfreude. Und von Jahr zu Jahr wuchs auch ihre Geheimgesellschaft, denn vor allem die griesgrämigen Vertreter der Kirche predigen ja weiter von Sünde, Strafe, Höllenfeuer. Als wäre die Natur in einer Fehlerfalle gefangen, der sogenannten Erbsünde. Darüber können sie insgeheim nur lachen, Lukimeeló, Lordum und all die anderen

von damals samt den vielen neu hinzu gekommenen.

S e i t e III

Mond, Terrasse, Fluss und Dom sind die vier Losungsworte, die den Priestern unverdächtig scheinen, die der Geheimgesellschaft aber Tür und Tor zu ihrem geheimsten Begehren öffnet. Einer wirklichen Welt, in der Sprache und die Purzelbäume der Logik sehr, sehr alt aussehen und nur staunend zuschauen können, was jenseits ihrer künstlichen Gebilde und haarsträubenden Konstruktionen an natürlicher Wirklichkeit unendlich liebenswerter ist.

Nach und nach werden so die Jahrtausende alten Domestizierungen der inneren Natur wieder in sich zusammenfallen und Männer wie Frauen wieder dahin zurückkehren können, wo sie eigentlich ursprünglich gewalt- und angstfrei leben konnten.

25 Sep.

AbB – Neue Versuche – Blatt # 8 – Leseprobe

Die apokalyptischen Reiter 1511 (Albrecht Dürer)

Gewalt – Krieg – Not – Tod

Angst – Schuldgefühle – Selbstverleugnung – Eifersucht

vs

Lebensfreude – Selbstbestimmung – Sinnlichkeit – Freiheit

Die apokalyptischen Reiter (natürlich wieder nur Männer!) reiten in der Patrix alles niedermachend schon viel zu lange über die Menschen dahin: Sie wollen nur Angst erzeugen, jeden mit Schuldgefühlen peinigen, die eigenen Wünsche eigener Sinnlichkeit verteufeln und im gewaltsamen Haben des anderen üppige Lebensfreude und leidenschaftliches Begehren in selbstgewählter Freiheit zertrümmern.

Wenn schon vier Pferde, dann solche, die vier Wesen, Männer und Frauen, jubilierend über blühende Wiesen tragen, wo sie ungestüm ihrem Begehren gerne nachgeben – lauter wunderbare Augenblicke vollkommenen Glücks – während die kräftigen Pferde das frische Grün völlig selbstvergessen genießen.

13 Sep.

AbB – Neue Versuche (Dekameron) # 77 – Leseprobe

Endlich dient die Sprache den Gefühlen und nicht mehr dem Verstand.

Die Welt hält den Atem an, selbst die Nachtvögel halten den Schnabel. Am Himmel stürzen die Perseiden – wie Goldstaubregen – über ihnen vorbei, als wären die blinkenden Schwingungen nicht nur zwischen ihnen außer Rand und Band geraten, sondern überall feiernd und wild tanzend unterwegs.

„Mein Vater hält nicht viel von mir, schon lange.“

Lordum kann es gar nicht fassen, dass er das gerade gesagt hat. Lukimeeló streichelt seine Hand.

„Und meine Mutter, die solltest du mal hören, was die alles von mir erwartet. Besonders was das Heiraten betrifft“, fügt sie hinzu.

Die helle Mondnacht macht es ihnen leicht, das Mienenspiel ihrer Gesichter deutlich zu erkennen. Ein Lachen, ein Staunen, reine Lebensfreude. In demselben Augenblick wird ihnen auch klar – als flögen sie auf einem hell strahlenden Kometen durchs All – dass sie keine Fesseln mehr in sich spüren. Fesseln, die ihnen bisher verboten hatten, einfach das zu sagen, was ihre Herzen sagen wollen. Was geschieht da gerade mit ihnen? Die Leichtigkeit, mit der ihre Worte jetzt über ihre Lippen hüpfen, macht sie fast schwindlig. So vieles will auf einmal aus ihnen herauspurzeln, wie ein Wortwasserfall, lange aufgestaut.

„Im Beichtstuhl“, beginnt Lordum erneut, doch Lukimeeló bekommt einen Lachanfall.

„Was ist denn daran so lustig? Ich habe beichten schon immer scheußlich gefunden.“

Schließlich beruhigt sich Lukimeeló wieder und sagt nur:

„Ich wollte dir auch gerade eine Beichtstuhlgeschichte erzählen. Ist das nicht komisch?“

„Wirklich? Ist das wirklich wahr? Bis heute war es für mich überhaupt unvorstellbar, jemandem Beichtgeschichten von mir zu erzählen. Aber jetzt, pass auf!“

Lordum reckt sich und stützt sich mit beiden Armen und Händen auf der weichen Wiese ab. Er macht ein übertrieben ernstes Gesicht, verstellt seine Stimme und legt dann los – in seinen Augenwinkeln bemerkt er, dass auch die anderen Paare scheinbar in angeregte Gespräche vertieft sind:

„Wir sind alle Sünder“ (Lukimeeló prustet los, kichert) „aber wenn wir offen vor unserem Erlöser bekennen, wo wir schwach geworden sind, dann wird er uns gerne verzeihen. Öffne also dein Herz und lege ihm zu Füßen, was du gesündigt hast.“

Ich räuspere mich umständlich, seufze schwer, nicke leicht und beginne dann stotternd:

„Vater, ich habe… unkeusche …Blicke …äh…äh…ich“

„Sprich es nur deutlich aus, dann wirst du dich schon besser fühlen, mein Sohn!“ imitiert Lordum erneut die weinerlich-gierige Stimme des Beichtvaters. Gleichzeitig muss er Obacht geben, dass er nicht in das Gekichere von Lukimeeló einstimmt.

„Ich, ich…äh…ich habe auf ihren Schoß gestarrt, als sie von der Kommunion zurück zu ihrem Platz schritt.“

„Nun, war da nicht noch mehr, mein Sohn?“

„Mehr? Ja, ja…ääh…also…ich habe mir sehr sündige Dinge dabei vorgestellt.“

„Nenne sie mir alle, ohne Ausnahme. Ich höre dir zu und werde dir auch hinterher die Absolution geben. Welche Dinge waren das denn?“

„Mein Vater, ich kann es nicht sagen, ich kann es nicht“, stotterte ich. Dabei wollte ich ihn doch nur noch neugieriger machen, diesen geilen Sack.“

„Weiter, weiter, Lordum, bitte, ich halte es kaum noch aus!“ fleht ihn Lukimeeló an, „bitte, bitte!“ und ihre dunkle Stimme hüllt ihn dabei wohlig ein.

„ich, ich…äh…ich habe mit meinen Händen ihre Brüste berührt!“

Und du wirst es nicht glauben, mein Beichtvater fing an zu schnaufen, sog die Luft laut durch die Nase ein, plusterte die Backen auf, seine gefalteten Hände zittern vor seiner Soutane. Er musste mehrmals schlucken, bevor er flüsternd sagte:

„Eine schlimme Sünde, fürwahr, aber war da nicht noch mehr? Bekenne es offen vor unserem Erlöser, jetzt und verschweige nichts, nichts!“

Da können sie beiden nicht mehr an sich halten und lachen los und ersticken das Lachen in einem langen und leidenschaftlichen Kuss. Ohne an die anderen Paare auch nur noch zu denken, geben sie sich einander voller Wonne hin.

„Mehr, mehr!“ kommt es über ihre Lippen, „mehr!“

Alles scheint auf einmal so leicht, so völlig ohne Angst mit ihnen zu geschehen.

Später, sie liegen eng umschlungen auf der kühlenden Wiese, spricht Lukimeeló leise in sein Ohr:

„Stell dir vor, wir würden das unserem Beichtvater erzählen. Herzstillstand wäre bestimmt das Mindeste, was dem armen Mann passieren würde. Höllenqualen gratis dazu.“

Lordum muss heftig kichern, als er sich das vorzustellen versucht. Beide wissen gar nicht, wohin mit ihren Glücksgefühlen, so federleicht und selig scheint ihnen leben und lieben mittlerweile.

Die Geschichten ihrer Eltern, die sie sich eigentlich erzählen wollten, sind längst in wässriger Bedeutungslosigkeit versickert. Sie haben keine Macht mehr über sie. Sie fühlen sich erstmals völlig frei und selbstbestimmt. Und dass sie das nicht träumen, sagt ihnen der warme Atem, der zwischen den beiden nackten Körpern hin und her weht.