23 Juni

AbB – Neue Versuche (Dekameron) # 74

Ein Atemzug, ein schwerer Blick.

Da überfällt Lordum ein Seufzer. Er weiß nicht, wo er herkommt. Aber schon drängt sich unangemeldet ein Tagtraum hinterher. Er sieht sich in Lucca neben dem Portal des Doms stehen. Er wartet. Worauf? Ein Bote soll ihm einen Brief bringen aus Florenz. Ob es ihr gut geht? Aber der Bote kommt nicht. Tränen kommen stattdessen. Denn er wartet schon viele Wochen auf ein Lebenszeichen von ihr. Warum schreibt sie nicht? Ist der schwarze Tod ihr zu Nahe getreten? Nicht auszudenken.

Wenn er ein Falke wäre, er flöge jetzt zu ihr. Gerade in diesem Augenblick schaut sie in den Abendhimmel in Florenz. Sie wünscht sich so sehr, dass nicht wahr ist, was sie hören musste: Lordum hat auf der Flucht vor dem schwarzen Tod – so jedenfalls wurde es ihr erzählt – zusammen mit seinen Freunden Hochzeit gefeiert. Drei Paare gleichzeitig haben vor dem Pater ihr Jawort gegeben. Es war alles ganz schnell gegangen, sollen Zeugen gesagt haben. Aber da kommt kein Vogel geflogen, mit einem Brieflein im Schnabel. Keine Nachtigall lässt ihre feine Stimme hören. Nichts.

Seitdem ist sie kaum mehr vor die Tür gegangen. Höchstens noch zum Gebet in San Miniato al Monte. Und in ihrem Herzen haben Trauer und Enttäuschung ihre Liebe zugedeckt. Dunkelheit lähmt ihre Gefühl für Lordum. Wie konnte das nur geschehen? Sie wollte ihm schreiben. Aber sie ist gekränkt. Er muss sich melden. Aber er meldet sich nicht.

So vergehen die Tage. Lordum versteht nicht, dass er nichts von ihr hört. Dabei hatten sie sich versprochen, trotz der Trennung stark zu bleiben, zu warten, zu schreiben.

In seinem Tagtraum wird es auch dunkler und dunkler. Die Tränen, die er nicht mehr zurückhalten kann, verwischen ihm die Sicht. Kommt da nicht jemand auf ihn zu? Der Bote? Er möchte, dass es so sei. Er wischt sich die Tränen aus den Augen, doch da ist niemand.

Und als er jetzt trotzig den vorwitzigen Tagtraum verscheucht, bleibt dennoch eine Beklemmung in ihm zurück.

„Was hast du, Lordum?, fragt da Lukimeelo einfühlsam. Sie spürt, dass Lordum etwas beschäftigt. Aber was?

21 Juni

AbB – Neue S e r i e Blatt # 7

Der längste Tag im Jahr.

War nicht gerade eben erst der kürzeste Tag im Jahr? Die Erdlinge, neugierig, wie sie schon immer sind, wollen Tag und Nacht mit aufregenden Geschichten versorgt werden. Und die Medien, atemlos unterwegs, tragen zusammen, was wahr, wahrscheinlich oder auch nur naheliegend sein könnte.

Da wirklich saure Gurkenzeit in Sachen Fußball angesagt ist, wird unvorstellbar Exterrestrisches oder drohende Erdkernglut serviert. Werden wir vielleicht dieser Tage Zeugen eines Sternentodes werden? Als Supernova scheint da etwas zu bestaunen zu sein – viel schwerer und größer als unsere Sonne – (da holt aber jemand einen Super-Superlativ aus der hohlen Hand, wow!) – was sich vielleicht schon vor langer Zeit ereignet hat. Auch Lichtgeschwindigkeit braucht eben seine Zeit!

Wer aber keine Lust auf Sternenhimmel-Spektakel im Großformat hat, der kann sich das Gruseln auch beim Beobachten der Phlegräischen Feldern holen, denn wenn da tatsächlich – so direkt vor der eigenen Tür – der nächste große Vulkanausbruch bevorstehen sollte, dann packen wir am besten schon mal alles zusammen, um auch die besten Bilder davon schießen zu können.

Ein Tauchgang zum Titanic-Wrack wird dagegen geradezu ein kleiner Spaziergang unter Wasser – im mare nostrum sozusagen – schließlich kennen die fünf sich ja bestens aus, haben eine Menge dafür bezahlt und können auch von anderen außergewöhnlichen Abenteuern berichten, eventuell. (Dabei ist die Tiefsee nach wie vor ein einziges Rätsel für die Erdlinge – von „unserem Meer“ zu reden reinste Hybris, sonst nichts.)

Und wenn schon die 500 Menschen im Calypso-Tief nicht zu retten waren,

da wollen wohl auch keine Retter Retter sein, dann doch bitte wenigstens die 5 von der Titan auf dem Weg zur Titanic retten. Das könnte doch wirklich an diesem längsten Tag im Jahr eine lange und spektakuläre Rettungsaktion werden, zumal Experten im Hintergrund leise ihre Expertisen durchreichen: Die kann man nicht retten. Das können wir noch nicht. Das Meer ist zu tief, der Wasserdruck zu hoch, die Dunkelheit zu dunkel, die Zeit für eine professionelle Planung viel zu kurz. Außerdem reicht der Sauerstoff nur noch bis morgen früh – vielleicht war der längste Tag des Jahres einfach lang genug.

Die Medien jedenfalls tun ihr Bestes, sind nah dran und halten uns auf dem Laufenden. Von wegen saure Gurkenzeit!

09 Mai

AbB – Autobiographische Blätter – Neue Serie – Blatt # 6 – Leseprobe

Einsamkeit, Stille, sinnloser Wörtertsunami.

Je öfter der alte Floh darüber nachdenkt, desto schneller kommen die Bilder und Wörter ungefragt zu Hilfe, die lustvoll eine Lanze nach der anderen für die Zwillinge Einsamkeit und Stille brechen.

Hatte er nicht als kleiner Floh spontan das Stummsein als gut und richtig empfunden? Hatte er nicht gern geschwiegen? Und hatte er es nicht stets versucht, die Wortgirlanden der großen Leute als das anzusehen, was sie sind: Schall und Rauch bei ständigem Abnicken der Luftschlösser?

Vielleicht ist die Brücke die Musik – wortlos – wie schon der junge Herder meinte, dass am Anfang der Gesang stand und nicht das Wort – wie bei den Vögeln.

All die Wortzertrümmerer – Sterne und Nietzsche zum Beispiel – misstrauen dem Wort, beschimpfen die damit herbeigezauberten Sinnangebote und stoßen sie lustvoll in den Orkus der Besinnlichkeit, wo die Sinne fröhlich tagen, lachen und Verwirrspiele sich ausdenken, damit die Denker wieder Arbeit haben.

Dass dabei neue Einbildungen geboren werden, ist nur zu verständlich, denn in der unüberschaubaren Vielfalt der Natur suchen wir Erdlinge stets eine Antwort, die verständlich und anschaulich erscheinen soll. Nicht einmal im Schlaf kehrt jene Stille ein, die das All farbenprächtig inszeniert, weil selbst in Träumen lärmende Wortkaskaden den erschöpften Sucher zu neuen Deutungen verführen. Am nächsten Morgen vielleicht schon wieder vergessen oder aufgebauscht zu unerhörten Neuigkeiten.

Gehen dann die Zwillinge Einsamkeit und Stille Hand in Hand dem weiter Suchenden voran, lenken ihn vielleicht die Musik der Vogelstimmen oder das Zirpen der Zikaden oder das Rauschen der Blätter im Wörterwald von allzu traurigen Gedanken ab.

Manchmal lässt er auch den Thespiskarren ausladen, bestaunt die schön verkleideten Figuren auf der kleinen Bühne, wenn sie zu leisen Lautenklängen zauberhafte Geschichten vorführen. Welche Welt ist denn nun welche? Hinterher, wenn er summend sich selbst die theatralischen Bilder weiter erzählt, schwebt er grinsend den Zwillingen einfach davon. Zumindest für Augenblicke.

Doch der schönste Augenblick ist und bleibt die wärmende Nähe des begehrten Erdlings, mit dem zu verschmelzen reinste Wonne ist. Nur da ist wortlos Wahrheit, Wirklichkeit und sinnlichste Begegnung, als wäre Welt demgegenüber nur Staffage, Kulisse, Kartenhaus.